Rechtliche Rahmenbedingungen für lokale Entwicklung

Tourismus und Landrechte in Costa Rica

Jorge Cole

In Costa Rica teilen die Küstenbewohner im Golf von Nicoya, indigene Gruppen sowie Bauerngemeinschaften in den Pufferzonen von Naturschutzgebieten ein gemeinsames Schicksal: Durch die rechtliche Unsicherheit um ihre Landrechte sind sie in ihren sozio-ökonomischen Aktivitäten eingeschränkt. Trotz hoher Qualitätsstandards sind sie ohne verbriefte Landrechte als Anbieter im Tourismus formal nicht anerkannt. Das Netzwerk Actuar engagiert sich in der politischen und institutionellen Advocacy-Arbeit, um ihre Rechte zu sichern und ihnen zu helfen, ihre eigene Entwicklung voranzubringen.

Ohne verbriefte Landrechte haben Gemeinschaften keinen Anspruch auf Bankkredite. Sie haben keinen Zugang zu Beihilfen zur Instandhaltung ihrer Häuser, sodass diese nicht gerade im besten Zustand sind. Obwohl es zum Beispiel auf den Inseln im Golf von Nicoya mehrere Tourismusprojekte gibt, wird keines davon vom Costa Rican Tourism Institute (ICT) formell anerkannt. Dadurch haben sie keine Möglichkeit, von staatlichen Stellen als anerkannte Tourismusinitiativen beworben zu werden.

Golf von Nicoya

Mehr als 3.000 Einwohner leben in den Gemeinschaften an den Küsten der Nicoya-Inseln auf der Pazifik-Seite Costa Ricas. Die meisten von ihnen sind traditionelle Fischer, von denen viele in Armut oder sogar in extremer Armut leben. Als Inselbewohner leben sie in der so genannten „terrestrisch-maritimen Zone“: Die ersten 200 Meter ab der Hochwasserlinie sind öffentlicher Grund und Boden. Damit dieses Land zur Nutzung freigegeben werden kann, braucht es einen Regulierungsplan. Ein solcher wurde jedoch aufgrund der unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen, die damit verbunden sind, bislang noch nicht verabschiedet.

Auch die Gemeinschaften auf den Inseln sprechen sich gegen den Regulierungsplan aus. Liliana Martinez, eine Führungsperson auf der Insel Chira, der am stärksten besiedelten Insel in Costa Rica, erläutert: „Der Plan würde zu massiver touristischer Erschließung führen. 80 Prozent der Fläche wären für den Tourismus vorgesehen. Dadurch würden Investoren zur Entwicklung von Massentourismus angelockt. Das kann negative Auswirkungen auf die Gemeinschaften vor Ort haben, denen ihre Heimat am Herzen liegt und die ein Wachstum im Einklang mit den natürlichen Ressourcen anstreben".

Auf den Nicoya-Inseln gibt es mehrere Organisationen, die in den Bereichen Naturschutz und nachhaltige Entwicklung arbeiten. Die Inseln sind die ersten Gebiete im Land, wo verantwortungsvolle Fischerei betrieben wird. Die Menschen beteiligen sich aktiv an Naturschutzinitiativen wie der Wiederaufforstung, dem Schutz vor Waldbränden oder der Umweltbildung. Die Insel Chira verfügt über die größte Pflanzenvielfalt einer tropischen Trockenwaldzone. Lokale Organisationen, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen haben einen nachhaltigen und von den Gemeinschaften selbst gesteuerten Tourismus aufgebaut. Sie haben den Naturschutz verbessert, wie die Wiederaufforstung von Mangroven, und Angeln als nachhaltige Fischfangmethode verbreitet.

In gemeinsamen Treffen haben die Bewohner der Nicoya-Inseln eine Strategie und die Formulierung eines Gesetzes vorgeschlagen, das sie mit Landrechtstiteln ausstattet, so dass die lokalen Gemeinschaften als offizielle Akteure im Tourismus schließlich auch in den Genuss der entsprechenden Vorteile und Rechte kommen können.

Indigene Gemeinschaften

Zwar hat Costa Rica internationale Abkommen unterzeichnet, die die Selbstbestimmung indigener Völker stärken, doch nach dem costa-ricanischem Indigenen-Gesetz muss die Kommunalverwaltung indigener Gemeinschaften aus einer Entwicklungsorganisation bestehen. In den indigenen Gebieten sind keine anderen Verwaltungsstrukturen vorgesehen. Der rechtliche Rahmen für Unternehmen in indigenen Gebieten ist nicht definiert. Doch genau so einen Rahmen braucht es, der zudem der kollektiven Landnutzung Rechnung trägt.

Weniger als 50 Prozent der indigenen Gebiete in Costa Rica haben eigene Tourismusunternehmen. Nach den bestehenden Erfahrungen können die Auswirkungen des Tourismus auf die Identität der Einheimischen positiv oder negativ sein. Es ist wichtig, diese Erfahrungen zu dokumentieren und mit anderen Gruppen zu teilen, die darüber nachdenken, Tourismusaktivitäten anzustoßen. Der Erfahrungsaustausch in den vergangenen Jahren beinhaltete Fragen der politischen Steuerung, der territorialen Kontrolle und der Kulturpolitik. Ein Entwurf für eine Änderung des Indigenen-Gesetzes 6172 wurde der gesetzgebenden Versammlung vorgelegt.

Bauerngemeinschaften in Pufferzonen

In den Bauerngemeinschaften besteht die Herausforderung darin, eine Strategie zu entwickeln, um Gemeinschaftsunternehmen Land zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre Tourismusaktivitäten formalisieren und ihre eigene Entwicklung voranbringen können. Die Gemeinschaften in den Pufferzone des größten Naturschutzgebietes in Costa Rica, des Parque Internacional La Amistad auf der pazifischen und karibischen Seite, des Corcovado-Nationalparks und in Marino Ballena verfügen über wichtige lokale Organisationen, die zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der Schutzgebiete beitragen. Allianzen zwischen lokalen Gruppen und Regierungsinstitutionen sind von großer Bedeutung, um den Naturschutz und die lokale Entwicklung zu stärken.

Actuar hilft Gemeinschaften, ihre Heimat für Touristen attraktiv zu machen und gleichzeitig die Richtung und Geschwindigkeit der Entwicklung selbst zu bestimmen. Der Tourismus kann ein Zusatzeinkommen zu bestehenden Wirtschaftsaktivitäten wie der traditionellen Fischerei, der nachhaltigen Landwirtschaft und anderen Aktivitäten generieren. Auch kann ein verantwortungsvoller Tourismus die soziale Lage von Gemeinschaften mit ihrer jeweils eigenen Kultur verbessern und zum Schutz der Natur beitragen.

Jorge Cole ist einer der Direktoren von Actuar, einem 2001 gegründeten costaricanischen Netzwerk von 36 Gemeinschaftsorganisationen. Actuar setzt sich für ländliche Entwicklung ein und unterstützt die Tourismusprogramme der Mitglieder durch einen eigenen Reiseveranstalter. Actuar ist einer der Gewinner des TO DO! Wettbewerbs für sozialverantwortlichen Tourismus 2014.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

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