Nachhaltigkeitsbewertungen im Tourismus

Messen wir wirklich, was wir wertschätzen?

Von Martin Balaš
Hand mit Kompass
© Ole Witt-Unsplash

Indikatoren haben in der Corona-Pandemie eine neue zentrale Bedeutung als politische Entscheidungshilfen erlangt. In den letzten Monaten sind verschiedene Kennzahlen zur Identifizierung und Bekämpfung der Corona-Pandemie in das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. An täglich aktualisierten Indikatoren werden Öffnungsszenarien gekoppelt und Zielmarken vereinbart, anhand derer politische Entscheidungsprozesse zum Umgang mit COVID-19 in Gang gesetzt werden. Im Vergleich hierzu wirken Indikatoren, die den Erfolg des Tourismus bemessen sollen, nicht sonderlich zeitgemäß.

„Fahrt auf Sicht mit Blick nach hinten“

Kennziffern wie die Anzahl von touristischen Übernachtungen oder Tourismusausgaben sind rein wachstumsorientiert. Sie liefern keine Aussagen über Effizienz, Qualität, Wertschöpfung oder Verteilung und sind damit ungeeignet, Entwicklungen zu bewerten. Dies wäre in etwa so, als würde der persönliche berufliche Erfolg anhand der Anzahl von Arbeitstagen bemessen werden, ohne die tatsächlich erbrachte Leistung in den Blick zu nehmen.

Die Kritik an etablierten Indikatoren zur Bemessung der Tourismusleistung begleitet die Branche seit Jahrzehnten. Seit 2015 die Sustainable Development Goals (SDGs) verabschiedet wurden, erfolgt nun auch eine kritische Auseinandersetzung vonseiten der Welttourismusorganisation UNWTO. Mit ihrer Initiative „Measuring the Sustainability of Tourism“ möchte sie ein neues weltweit gültiges und auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes statistisches Rahmenwerk schaffen. Die Corona-Pandemie beschleunigt die Debatte rund um Nachhaltigkeitsbewertungen dadurch, dass Konzepte wie Resilienz und Krisenfähigkeit als Elemente der Nachhaltigkeit an Bedeutung gewinnen.

Den Wert des Tourismus neu bestimmen

Es existieren zahlreiche Forschungsprogramme und Messansätze, die Hinweise darauf geben, wie das Konzept der Nachhaltigkeit quantitativ erfasst und bewertet werden kann. Eine systematische Literaturauswertung von über 80 tourismusspezifischen Nachhaltigkeitsbewertungen, die ich im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit durchgeführt habe, bestätigt allerdings, dass es vor allem an anerkannten sektorspezifischen Rahmenwerken für geeignete Kennzahlen mangelt: Für Messgrößen fehlen Zielbezüge und existierende Referenzsysteme wie die SDGs finden keine Berücksichtigung.

Wenn der Tourismus einen Beitrag zu einer wünschenswerten und dauerhaften Zukunft leisten soll, dann muss das Ausmaß, in dem er dies tut, auch gemessen werden, sonst bleibt der Begriff "nachhaltig" eine bedeutungslose Worthülse. Aktuelle Indikatoren sind oft stark auf ökonomische wachstumsbezogene Belange fokussiert und liefern vor allem einfache volumenbasierte Informationen. Sie sind nicht geeignet, Bezüge zu einer wünschenswerten, lebenswerten Zukunft abzuleiten, da sie alleinstehend bleiben und nicht mit einem problematischen Systemzustand in Verbindung gesetzt werden, der verbessert werden soll.

Indikatoren für nachhaltiges Destinationsmanagement

Im Kontext von Destinationen sollten aussagekräftige Indikatoren insbesondere den (potenziellen) Nachhaltigkeitsbeitrag touristischer Aktivitäten für die jeweilige Region ermitteln. Konkret sollten etwa ökonomische Kennzahlen ermitteln, inwiefern durch Tourismus Einkommen erzeugt werden und wie diese zum ökonomischen Wohlstand der Region beitragen. Dies kann bspw. anhand von Wertschöpfung, der Beschäftigungswirkung oder auch des Steuerbeitrags des Tourismus ermittelt werden. Für die Bewertung von Umweltfaktoren sollten auch komplexere Indikatoren erhoben werden, wie die Ermittlung von Ressourceneffizienzen. Hierbei wird die touristische Wertschöpfung mit Umweltverbräuchen, wie Klimabelastung oder Energieverbrauch ins Verhältnis gesetzt. Positive ökologische Auswirkungen des Tourismus beziehen sich zum Beispiel auf die Schaffung und den Erhalt von Schutzräumen, die gleichermaßen Natur- und Artenschutz dienlich sowie touristisches Ziel sein können. Gerade auf Destinationsebene sollten auch qualitative Bewertungen zum Einsatz kommen, beispielsweise durch Befragungen der Anwohner*innen oder Beschäftigten im Tourismus, um Auskünfte über Aspekte wie Tourismusakzeptanz und der tatsächlichen Beschäftigungswirkung des Tourismus zu erhalten.

Unternehmerischen Erfolg neu bewerten

Auf Betriebsebene werden Indikatoren zunehmend relevant, die eine neue Sicht auf unternehmerische Wertschöpfung zulassen. Aktuell aufstrebende Konzepte wie das „Shared Value Concept“ der Ökonomen Porter und Kramer oder die „transformative Resilienz“ vereinen die Vorstellung eines erweiterten unternehmerischen Wertschöpfungsbegriffs. Dieser umfasst neben der betrieblichen Profitabilität auch Kennzahlen zur Erhöhung der Umwelt- und Sozialwirkungen und identifiziert Risikofaktoren wie Kapitalabhängigkeiten und Sickereffekte. Initiativen wie B-Corporations oder die Gemeinwohl-Ökonomie setzen solche Ideen um und unterstützen Unternehmen bei der Entwicklung ganzheitlicher Kennzahlensysteme.

Politische Unterstützung ist nötig

Ein neues Zeitalter der Nachhaltigkeitsbewertungen erfordert eine neue Qualität der Datenverfügbarkeit und neue Erhebungsmethoden. Zusätzliche politische Aufträge zur Erweiterung von amtlichen Statistiken werden notwendig sowie die Schaffung von Verbindlichkeiten auf Unternehmensebene für eine umfassendere Berichterstattung, in Bezug auf unternehmerische Umweltkennzahlen oder Lieferkettenprozesse.

Nicht erst durch Corona wird deutlich, dass der Tourismus einen neuen Kompass benötigt, der ihm dabei hilft, bevorstehende Krisen zu umschiffen, eigene Anfälligkeiten zu identifizieren und die generelle Grundrichtung einer zukunftssicheren Entwicklung beizubehalten. Jetzt, in Zeiten der unmittelbaren wirtschaftlichen Existenzbedrohung durch Lockdowns und Reisebeschränkungen, braucht es gut durchdachte Programme, die eine akute wirtschaftliche Unterstützung mit Zukunftsperspektiven verknüpfen und diese auch mit belastbaren Indikatoren unterlegen. Indikatoren, die den Tourismus nicht als Wachstumsmaschine darstellen, sondern als Katalysator für prosperierende Lebensräume, sind ein Wegweiser aus der Krise und in eine nachhaltigere, resilientere Zukunft.

Martin Balaš ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Biosphere Reserves Institute (BRI) & Zentrum für nachhaltigen Tourismus (ZENAT) an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Weiterführende Quellen:

The Low-Carbon Imperative: Destination Management under Urgent Climate Change. Von Stefan Gössling & James Higham. In Journal of Travel Research, 2020.

Tourism, Resilience and Sustainability: Adapting to Social, Political and Economic Change. Von Joseph M. Cheer und Alan A. Lew (Hg.). Routledge, 2017.

Move Over, Sustainable Travel. Regenerative Travel Has Arrived. In New York Times. Von Elaine Glusac. 27. August 2020.

Why sustainability assessment? Von Robert B. Gibson. In Sustainability Assessment. Pluralism, practice and progress. Von Alan Bond et al. (Hg.). Routledge, 2013

Creating shared value. Von Michael Porter und Mark Kramer. Harvard Business Review, 89 (1—2), S. 62—77. 2017

B Corporations

Gemeinwohl-Ökonomie

Martin Balaš
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Martin Balaš

 

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