Gambia: Vom Kolonialismus zum Tourismus

Abhängigkeit in der Unabhängigkeit

Von Adama Bah
Strand in Gambia
© Wim van´t Einde_unsplash

Unser kleiner Staat Gambia an der Westküste Afrikas erhielt 1965 seine innere Souveränität von der Kolonialmacht Großbritannien und konnte von da an unabhängig über die Art der Regierung, das Rechtssystem und die Gesellschaftsordnung innerhalb des Staatsgebietes bestimmen. Wir nennen das „Unabhängigkeit“. Im selben Jahr jedoch brachte ein Tourismusinvestor erstmals 300 Touristen, hauptsächlich aus Skandinavien. 1970 wurde Gambia eine Republik mit einem Präsidenten. 1975 wurde ein Strategiepapier für den Tourismus erstellt, das genau vorschrieb, was zu tun sei, das aber nicht von uns gemacht wurde. Es waren ausländische Berater, die uns sagten, dass wir auf den Tourismus setzen sollten und wie wir vorzugehen hätten. Natürlich hatte unsere damalige Regierung keine Erfahrung mit touristischer Entwicklung. Die Tourismuswirtschaft galt als „unser Erdöl“, denn ansonsten haben wir kaum Ressourcen.

Von den 60 Kilometern Strand wurden 40 Kilometer als Tourismusentwicklungszone ausgewiesen. Das bedeutet, dass niemand ohne Genehmigung der Regierung am Strand bauen durfte. In vielen dieser Gebiete bauten Frauen zuvor Gemüse und Reis an. Das Land wurde ihnen weggenommen. Die Fischerinnen und Fischer wurden von den Stränden vertrieben, an denen neue Hotelanlagen entstanden. Die Gemeinschaften erhielten für all das Land, das ihnen weggenommen wurde, keine Entschädigung.

Auf den Rat, das Land für Touristen zu öffnen, folgte dann der Rat, eine sehr kapitalintensive Infrastruktur zu entwickeln. Für solche Investitionen, zum Beispiel in den Ausbau des Flughafens, brauchen Länder wie Gambia Kredite von internationalen Banken. Und genau so kam es. Wir verschuldeten uns hoch und 1985 hatten wir einen Punkt erreicht, an dem wir unsere Kredite nicht mehr bedienen konnten.

Strukturanpassung unter dem IWF

Wie in den meisten afrikanischen Ländern kam dann der Internationale Währungsfonds (IWF) und legte in einem so genannten „Economic Recovery Programme“ fest, wie unsere Finanzpolitik, wie unsere Wirtschaft auszusehen hatte. Doch ging es wirklich um unsere Wirtschaft oder nicht vielmehr um die Rückzahlung unserer Schulden? Das Programm sah vor, dass wir zur Überbrückung unserer Zahlungsbilanzdefizite kein Geld mehr bekommen sollten, wenn wir nicht bestimmte Bedingungen erfüllen, die uns der IWF auferlegte.

Gambia ist ein sehr kleines Land mit einer Fläche von 11.000 km2 und einer Bevölkerung von damals einer Million Menschen und wir hatten nur „begrenzte Ressourcen“. Die damalige Regierung musste ihre Verletzlichkeit rechtfertigen und sich dem Druck beugen. Sie bekam den Rat, durch die Entlassung vieler Mitarbeitender aus dem öffentlichen Dienst die Staatsausgaben zu reduzieren. Die einheimische Währung, die an das britische Pfund gekoppelt war, sollte freigegeben werden. Damit waren wir den Wechselkursschwankungen an den Devisenmärkten ausgesetzt. Die Subventionierung unserer Landwirtschaft wurde unterbunden, während die EU- und US-Regierungen ihre Landwirtschaft selbstverständlich weiter subventionierten.

Privatisierung der Wirtschaft

Die Regierung wurde aufgefordert, eine Reihe von Programmen umzusetzen. Das beinhaltete, dass alle staatseigenen Betriebe verkauft werden mussten, alle Hotels und die wenigen Industriebetriebe, die wir hatten. Das hatte gravierende Auswirkungen.

Als die Regierung begann, Tourismusinvestoren einzuladen, galten zehn Jahre lange Steuerbefreiungen, um vor allem ausländische Direktinvestitionen ins Land zu holen. Die Tourismuswirtschaft wurde nach und nach von einigen wenigen Reiseveranstaltern dominiert, die Gambia als Winterdestination verkauften. Gambia war für diese Reiseveranstalter nur in den Wintermonaten attraktiv, während sie im Sommer weiter auf die näheren Ziele am Mittelmeer setzten. So wurde eine Saisonalität geschaffen und die Veranstalter bestimmten selbst die Preise, die sie zu zahlen hatten. Die Situation wurde durch niedrige Löhne und fehlende Gewerkschaften verschärft. So erzielten die Beschäftigten im Tourismussektor nicht das für sie nötigte Einkommen.

Schwache Multiplikatoreffekte

Was folgte war eine zunehmende Abhängigkeit. Zwischen unserer einheimischen Wirtschaft und der Tourismusindustrie gab es von Anfang an kaum Verflechtungen. Dabei wäre der Tourismus eine gute Chance, zum Beispiel einheimische landwirtschaftliche Produkte zu verkaufen, so dass die Gäste konsumieren können, was die Menschen vor Ort produzieren. Sonst importieren die Hotels einen großen Teil, anstatt lokale Produkte zu nutzen.

Das führte zu wachsender Armut, höherer Inflation, einem sinkenden Pro-Kopf-Einkommen und einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion. Unsere Kreditwürdigkeit ging so weit zurück, dass es 2017, als eine neue Regierung an die Macht kam, hieß, wir dürften keine weiteren Kredite bekommen, die nicht vom IWF genehmigt seien. Wir könnten allenfalls humanitäre Hilfe bekommen. Das zeigt, wie verletzlich ein Land wie Gambia ist. 

Tourismus als Risiko

Der Tourismus trug laut Gambia Tourism Board vor der Pandemie rund 20 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Wir werden immer abhängiger von einem Tourismussektor, der angesichts dieser Realitäten alles andere als nachhaltig ist. Als im März 2020 die Corona-Pandemie begann, machte die Regierung alle Grenzen dicht. Hotels, Restaurants und andere Tourismuseinrichtungen wurden geschlossen. Die Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie verletzlich wir sind. Nicht nur der informelle Sektor, die ganze Tourismuswirtschaft ist verwundbar. So langsam sehen wir, dass der Tourismus für uns zu einem großen Risiko wird. Wir hatten Ebola 2014, wir hatten die Pleite von Thomas Cook 2019. Nun haben wir Covid-19 und Unternehmen gehen bankrott. 

Nach der Schuldentragfähigkeitsanalyse der Weltbank von 2018 wird Gambia in Bezug auf seine Auslandsverschuldung als Land mit "hohem Risiko erneuter Überschuldung" eingestuft. Die Staatsverschuldung ist nicht tragfähig. Eine bedeutende Anzahl bereits abgeschlossener Kreditverträge bedroht die Zahlungsfähigkeit. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde Gambia im Rahmen des Treuhandfonds für Katastropheneindämmung und Katastrophenhilfe (Catastrophe Containment and Relief Trust, CCRT) des IWF Schuldenerleichterungen gewährt. 

Von Covid-19 lernen

Es wird uns klar, dass der Tourismus keine nachhaltige langfristige Alternative sein kann, wenn er von außen kontrolliert wird. Deshalb müssen wir nach Alternativen schauen. Die Frage ist, ob es nicht besser wäre, mehr in die Landwirtschaft, in die Fischerei und in andere Sektoren zu investieren. Zunächst können wir nicht auf Kredite verzichten. Doch mit den richtigen Investitionen in unsere produktiven Sektoren werden wir in der Lage sein, unsere Wirtschaft am Laufen zu halten und den Tourismus als Bindeglied zur einheimischen Wirtschaft zu nutzen, ohne davon in so hohem Maße abhängig zu sein.

Adama Bah ist Vorstandsvorsitzender des Institutes of Travel and Tourism, Gambia.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

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