Tansania ist mehr als Safari, Strände und „exotische“ Landschaften. Der „Dekoloniale Reiseführer Tansania“ lädt dazu ein, vertraute Bilder zu hinterfragen und das Land aus unterschiedlichen lokalen Perspektiven kennenzulernen. Im Interview sprechen Henriette Seydel und Bernard Ntahondi über die Entstehung des Reiseführers, die Bedeutung von Mehrsprachigkeit und die Frage, wer touristische Geschichten erzählt.
Das Interview führte Alien Spiller.
Frau Seydel, Herr Ntahondi, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen dekolonialen Reiseführer für Tansania zu entwickeln?
Bernard Ntahondi: Ein großer Teil der bestehenden Reiseliteratur basiert auf externen Perspektiven und reduziert das Land häufig auf bekannte Klischees – Wildtiere, Strände und „exotische“ Landschaften – während seine vielschichtige Geschichte und sein heutiges kulturelles Leben weitgehend ausgeblendet werden.
Henriette Seydel: Genau. Ich habe bei Gesprächen mit anderen deutschen Tourist*innen und im Zuge meiner Forschung gemerkt: Es fehlt Wissen über die Kolonialgeschichte und in vielen Reiseführern und Internetplattformen fehlen Infos zu Museen oder Orten, die sich kritisch mit diesem Erbe auseinandersetzen. Dabei gibt es in Tansania so viele zivilgesellschaftliche, aktivistische und wissenschaftliche Initiativen, die genau das tun und den Tourismus als Lernort nutzen wollen. Also haben wir beschlossen, diese Angebote zusammenzutragen. Gleichzeitig wollten wir den Tourismus selbst hinterfragen: Wer profitiert? Welche Bilder von Afrika werden reproduziert?
Bernard Ntahondi: Der dekoloniale Reiseführer möchte Tansanier*innen wieder als aktive Erzähler*innen ihrer eigenen Räume positionieren und Reisende zu einer bewussteren Auseinandersetzung mit Orten einladen. Seine Bedeutung liegt aus meiner Sicht darin, den Rahmen zu verschieben, durch den Tansania verstanden wird – weg von einem Ort des Konsums hin zu einem Ort der Begegnung, der Geschichte und gelebten Erfahrung.
Der Reiseführer versteht sich als „Reisebegleiter mit Perspektivwechsel“. Wie sind Sie konzeptionell an das Projekt herangegangen, um den Perspektivwechsel zu ermöglichen?
Bernard Ntahondi: Das Buch wurde nicht als Anleitung verstanden, die vorgibt, was richtig oder falsch ist, sondern als Einladung, die eigenen Wahrnehmungen zu hinterfragen. Statt Reisenden vorzuschreiben, was sie sehen sollen, regt es dazu an, darüber nachzudenken, wie Orte gesehen und verstanden werden. Indem Orte in ihren historischen, sozialen und politischen Zusammenhängen dargestellt werden, können Leser*innen über oberflächliche Eindrücke hinaus mit ihnen in Beziehung treten.
Henriette Seydel: Es gibt ja bereits einen postkolonialen Reisebegleiter zu Namibia, der sehr lesenswert ist, und von dem wir uns auch inspirieren haben lassen. Als Wissenschaftlerin war mir wichtig, afrikanische Wissenschaftler*innen und Stimmen aus dem Globalen Süden sichtbarer zu machen. Ein Projekt über Dekolonialisierung möchte ich als weiße, europäische und akademisierte Person nicht alleine machen. Zusätzlich haben wir auch deutsche wie tansanische Nichtwissenschaftler*innen um Textbeiträge gebeten: Tourist*innen, Tour Guides, Museumsangestellte oder Aktivist*innen zum Beispiel. Es war uns außerdem wichtig, Geschlechterparität bei den Autor*innen zu erreichen. Wir wollten nicht die eine Wahrheit erzählen, sondern einen gemeinsamen Lernraum schaffen.
Bernard Ntahondi: Indem Stimmen von lokalen Historiker*innen, Künstler*innen und Kulturschaffenden aus ganz Tansania einbezogen werden, präsentiert dieser dekoloniale Reiseführer eine Vielzahl von Perspektiven statt einer einzigen dominierenden Erzählung. Damit ermöglicht es Menschen wie uns vor Ort, unsere eigenen Geschichten zu erzählen.
Der Guide arbeitet mit drei Sprachen – Deutsch, Englisch und Swahili. Warum war Mehrsprachigkeit ein wichtiger Bestandteil des Projekts?
Bernard Ntahondi: Mehrsprachigkeit war essenziell, weil Sprache eng mit Teilhabe und Macht verbunden ist. Die Einbeziehung von Swahili stellt außerdem die Dominanz fremder Sprachen bei der Produktion und Verbreitung von Wissen über Tansania infrage. Sie macht deutlich, dass lokale Zielgruppen nicht zweitrangig, sondern zentral für diese Debatte sind.
Henriette Seydel: Die Finanzierung der Übersetzungen war übrigens nicht einfach, weil deutsche Fördergelder das oft nicht abdecken. Aber wir wollten, dass das Buch auch als Instrument für Begegnungsreisen, Exkursionen oder Austausche genutzt werden kann. Jede*r soll die Infos in ihrer*seiner Sprache lesen können.
Wie verändert sich der Blick auf Tansania, wenn Geschichte und Tourismus stärker aus lokalen Erfahrungen erzählt werden?
Bernard Ntahondi: Tansania erscheint dann als deutlich komplexer und dynamischer! Der Fokus verschiebt sich von statischen und oft romantisierten Bildern hin zu Geschichten von Kontinuität, Wandel und Alltag. Städtische Räume wie Dar es Salaam werden beispielsweise zu wichtigen Orten kultureller und historischer Auseinandersetzung statt zu bloßen Zwischenstopps. Unsere lokalen Perspektiven bringen außerdem Nuancen und unterschiedliche Sichtweisen ein, die Spannungen, Widersprüche und laufende Veränderungen sichtbar machen. Dieser Ansatz geht über verallgemeinernde Darstellungen hinaus und ermöglicht es uns Tansanier*innen, die in Tansania leben, selbst über Tansania zu sprechen.
Der Reiseführer ist nun seit einigen Monaten erschienen. Wie fällt die Resonanz bisher aus?
Henriette Seydel: Die Resonanz ist sehr positiv, was uns natürlich sehr freut! Die Website wird sowohl von Tansanier*innen als auch Deutschen gut besucht, und der Reiseführer oft bestellt. Mittlerweile haben der Verlag „weltweit“ und „Luviri Press Malawi“ das Buch veröffentlicht, somit ist es ist in jeder Buchhandlung und online erhältlich. Wir sind auch mit tansanischen Verlagen im Gespräch, um es auch dort als Hardcopy anbieten zu können. Die Rückmeldungen zeigen: Das Buch regt zum Nachdenken an, bietet eine gute Zusammenfassung und macht die Vielschichtigkeit des Themas sichtbar. Gleichzeitig kommen auch Hinweise, was fehlt. Und das ist gut so! Der Reiseführer ist kein Endprodukt, sondern ein Mittel, den Diskurs voranzutreiben.
Wenn Leser*innen nach der Lektüre ihr Reiseverhalten in einem Punkt verändern – was würden Sie sich wünschen?
Bernard Ntahondi: Ich würde mir einen Wandel von passivem Konsum hin zu aktiver Auseinandersetzung wünschen. Das könnte bedeuten, aufmerksamer zuzuhören, nach Hintergründen zu fragen und sich der eigenen Rolle als Besucher*in bewusst zu sein. Es könnte auch bedeuten, bewusster zu entscheiden, wie man mit Orten und Gemeinschaften in Beziehung tritt – nicht nur als Beobachter*in, sondern als zeitweilige*r Teilnehmende*r: nachfragen, Komplexität annehmen und offen dafür sein, wenn vertraute Erzählungen infrage gestellt werden. Dazu gehört ebenso die Erkenntnis, dass jeder Ort vielschichtige Geschichten in sich trägt und dass die Auseinandersetzung mit diesen Geschichten Offenheit, Geduld und Sorgfalt erfordert.
Henriette Seydel: Ich wünsche mir Offenheit und Neugier. Dass Reisen als Teil einer ganzheitlichen Lernerfahrung verstanden wird, die vor der Abreise beginnt und danach weitergeht. Dass man sich offen auf neue Eindrücke einlässt, sich mit der Geschichte des bereisten Landes auseinandersetzt, vor Ort mit den Menschen spricht und dass man sich frei macht von klischeehaften Bildern im Kopf und der Jagd nach Instagramm-Fotohotspots.
Bernard Ntahondi: Letztlich können selbst kleine Veränderungen im Bewusstsein zu respektvollerem Austausch und bedeutungsvolleren Begegnungen führen. Ein dekolonialer Ansatz beim Reisen bedeutet nicht, alle richtigen Antworten zu haben, sondern eine größere Aufmerksamkeit für Kontext, Machtverhältnisse und unterschiedliche Sichtweisen zu entwickeln. Am Ende werden die prägendsten Reisen nicht daran gemessen, wie viel wir sehen, sondern daran, wie tief wir lernen zu sehen.
Bernard Ntahondi ist Historiker und arbeitet als Reiseleiter am Dar es Salaam Centre for Architectural Heritage (Architekturerbe-Zentrum). Er kuratiert und präsentiert Filme, die sich mit den Auswirkungen der Kolonialzeit befassen, organisiert Seminare und Workshops und spricht als Experte bei verschiedenen Bildungsveranstaltungen in Tansania und Deutschland.
Henriette Seydel ist Soziologin und Konfliktforscherin. Derzeit promoviert sie an der Universität Augsburg über Kolonialerbetourismus in Tansania. Sie ist ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende des Tanzania Network e.V. und verantwortlich für das Reiseführerprojekt.




