Zurück auf Los oder doch alles besser?

Die Zukunft des Tourismus ist noch unentschieden

Antje Monshausen
Signposts point in different directions
© Javier Allegue Barros-Unsplash

Ein Tag im März vor einem Jahr

Als vor ziemlich genau einem Jahr die ITB wenige Tage vor Start kurzfristig abgesagt wurde, strotze der Tourismussektor nur so vor Kraft. Seit Jahren kannte die Branche global nur noch eine Richtung: nach oben. Gleichzeitig wurden die Sollbruchstellen des ungebremsten Wachstums immer sichtbarer: Proteste gegen Over-Tourism und Verdrängung der Bewohner:innen waren in immer mehr Reiseregionen an der Tagesordnung, und der zunehmend stärker thematisierte Zusammenhang zwischen Tourismus und Klimawandel hatte zu einem immensen Vertrauensverlust geführt. Besonders in den Gesellschaften Mitteleuropas, wo das Reisen für viele schon lange nichts Besonderes mehr war, fragten sich immer mehr Menschen, ob der Tourismus es wert ist, dafür Lebensräume und Weltklima zu zerstören.

Kein Zurück auf Los

Der Zusammenbruch des Tourismus in Folge der Coronakrise hat keines dieser Probleme gelöst, er hat nur neue Probleme geschaffen – zumindest darin sind sich Tourismuskritiker:innen und Unternehmensverter:innen einig. Während letztere – allen voran die großen Verbände der Tourismuswirtschaft –darauf bestehen, dass sich zuerst der Tourismus wirtschaftlich erholen müsse, damit man die Kraft habe, die anderen Probleme anzugehen, sind Kritiker:innen zu recht ungeduldiger. Zu Ihnen gehören viele Wissenschaftsvertreter:innen, Pionier:innen des nachhaltigen Tourismus und Nichtregierungsorganisationen. Für sie darf es kein Zurück zum alten, zerstörerischen Normal geben! Globale Krisen wie die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich und der Klimawandel warten nicht, bis Corona vorbei ist. Die komplexen Herausforderungen der Welt können nicht nacheinander gelöst werden, sondern bedingen sich gegenseitig. Was notwendig wäre, damit der Tourismus eine Zukunft haben kann, formulierte im Sommer 2020 der Klima- und Tourismusforscher Stefan Gössling mit dem Imperativ eines kohlenstoffarmen, hochwertigen und resilienten Tourismus.

Die wirtschaftliche Dimension der Nachhaltigkeit

Die wirtschaftliche Anfälligkeit des Tourismus gegenüber externen Krisen wie einer globalen Pandemie, fügt der ökologischen und sozialen Verwundbarkeit, über die bislang nur in den Nachhaltigkeitsnischen ernsthaft diskutiert wurde, nun noch die wirtschaftliche Fragilität hinzu. Anders gesagt: Corona hat die Nachhaltigkeit aus der Nische geholt, weil mit den Diskussionen um Resilienz – also der Widerstandsfähigkeit - nun auch die wirtschaftliche Nachhaltigkeit ganz oben auf der Agenda von Manager:innen und CEOs gelandet ist. Und wie es bei Nachhaltigkeit so ist, ist alles mit allem verbunden. So stärkt die Resilienzdebatte auch das Verständnis für die ökologischen und sozialen Herausforderungen. All dies führt dazu, dass sich der Diskurs auch in der Tourismuswirtschaft selbst verändert hat.

2020 – das Jahr der Bekenntnisse zu einem besseren Tourismus

So viele Manifeste und Selbstverpflichtungen wie 2020 gab es nie: Einige wie die „One Planet Vision der UNWTO für eine nachhaltige Erholung des Tourismus“ sind dem alten Denken verhaftet und suchen beispielsweise die Lösung des touristischen Klimaproblems in nicht ausgereiften Zukunftstechnologien, statt im Hier und Jetzt klimaschonendere Produkte anzubieten. Die meisten aber, wie Tourism declares, in dessen Rahmen mittlerweile 208 Unternehmen den Klimanotfall erklärt haben, setzen auch auf Veränderungen im unternehmerischen Kerngeschäft. Erste Unternehmen dieses Netzwerks haben sich schon Klimaziele gesetzt, die ihre Produkte langfristig kompatibel machen sollen mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens. Die Future of Tourism Coalition folgt einem sehr ganzheitlichen Ansatz und liefert in ihren 13 Prinzipien zu Partizipation, fairer Bezahlung, Reduktion des Klimafußabdruckes bis hin zu gerechten Steuersystemen viele Ideen, was im Tourismus besser laufen müsste. In Deutschland haben 300 Akteure gemeinsam das „Impulse4travel Manifest“ entwickelt, das eine neue Wertschätzung für das Reisen und die Menschen, die im Tourismus arbeiten, wecken soll. Nun arbeiten sie an der Umsetzung, damit touristische Orte wieder das werden, was sie eigentlich sind: Lebensräume der Gastgeber:innen. Diese drei Initiativen haben gemeinsam, dass sie die Verantwortung nicht an andere delegieren oder in eine ferne Zukunft wegschieben, sondern sie annehmen. Trotzdem müssen diese Akteure an ihren Versprechen gemessen werden, wenn es mit dem Tourismus wieder aufwärtsgeht.

Allarmierende Zeichen für Disaster Capitalism mitten in der Corona-Krise

Gleichzeitig wird überall auf der Welt aber auch noch der Tourismus nach altem Muster betrieben und sogar ausgebaut. Auf der Karibikinsel Barbuda, kämpft die Bevölkerung seit dem Hurrikan Irma 2017 gegen den Bau einer neuen Hotel- und Golfanlage. Die Menschen fürchten, dass die Zerstörung der Mangroven und Dünen sie noch verletzlicher gegenüber den immer heftiger werdenden Wirbelstürmen machen wird. Der Premierminister des Inselstaates Antigua und Barbuda begründet die Weiterführung des umstrittenen Projekts nun mit der Covid-Pandemie und der daraus resultierenden Wirtschaftskrise.

Auch über diese Nachricht staunt man: 30 neue Airlines wollen aktuell an den Start gehen - vor allem auf der klima-unsinnigen Kurz- und Mittelstrecke. Während einige Airlines verzweifelt ihre alten Maschinen zu Geld machen wollen, profitieren andere von den Schnäppchen auf dem Gebraucht-Flugzeug-Markt. Die notwendige Erneuerung der Flotten wird damit um Jahre zurückgeworfen, weil die kerosinschluckenden Alt-Flugzeuge noch länger in der Luft bleiben werden.

Change will come – by design or by disaster

Egal, wie man auf die aktuellen Entwicklungen im Tourismus schaut - ob die vielen neuen Initiativen einen optimistisch stimmen oder ob man weiter am real existierenden Tourismus zweifelt - eines ist sicher: Pandemien, Extremwetterereignisse oder digitale Großkatastrophen, wie sie der Risikobericht des Weltwirtschaftsforum 2021 voraussagt, werden zunehmen. Wer diese Herausforderungen annimmt und sich auf den Weg zu einem nachhaltigeren Tourismus begibt, ist besser vorbereitet. Wenn wir den Wandel jetzt nicht aktiv gestalten, wird er uns morgen überrollen: „Change will come – by design or by disaster“. 

Weiterführende Artikel

Den Neustart gestalten

Empty Road in India
© Sankalp Sharma - Unsplash

In vielen Ländern wird die Tourismuswirtschaft staatlich gestützt. Vor dem Hintergrund der schon zuvor bestehenden Probleme des Sektors sind Unternehmen und Politik gefordert, dabei die überfälligen Veränderungen in den Blick zu nehmen.

Agrotourismus in der Karibik

Erntestand auf den Bahamas
© Tony Tong

Viele Karibikstaaten setzen auf Tourismus für wirtschaftlichen Fortschritt – oft auf Kosten anderer Wirtschaftszweige, insbesondere der Landwirtschaft.

Fischerei und Tourismus in der Karibik

Mitchell Lay, Fischer auf der Insel Antigua und einer der Koordinatoren des karibischen Fischerei-Netzwerks erläutert im Interview die zunehmenden Konflikte zwischen Fischerei und Tourismus und die Defizite bei der Beteiligung auf lokaler und internationaler Ebene.

Uganda: Ein Hoffnungsträger für Frauen

Woman looking through Telescope_Uganda
© Slim Emcee_Unsplash

Der Inlandstourismus rückt wegen COVID-19 in vielen Ländern immer stärker in den Fokus – auch in Uganda. Das stärkt heimische Tourist*innen und Frauen aus der Branche.

Tourism Watch Newsletter: Die wichtigsten Hintergrundinfos alle 2-3 Monate per Mail.

Infoservice

Die wichtigsten Hintergründe alle zwei bis drei Monate im Abo Hier abonnieren