Resilient, aber nicht nachhaltig?

Warum „zurück zum Normalzustand“ nicht wünschenswert ist

Christina Kamp
Schild ,,we alle be okay - spread hope" an Eingangstür
© Tim Mossholder - Unsplash

Der Wahrscheinlichkeit nach wäre sie jetzt gar nicht an Reihe gewesen, die Corona-Pandemie. Nach dem Weltrisikobericht 2020 des Weltwirtschaftsforums zählten Infektionskrankheiten nicht zu den zehn wahrscheinlichsten Risiken mit direkten, massiven Auswirkungen auf das menschliche Leben. Wohl aber zu denen mit besonders gravierenden Folgen.

Die Krise, die das Coronavirus SARS-CoV-2 und die Maßnahmen zu seiner Eindämmung ausgelöst haben, stellt uns vor enorme und komplexe Herausforderungen, überall auf der Welt. Wie widerstandsfähig unsere Gemeinschaften und Gesellschaften sind und wie gut oder schlecht wir die vielfältigen Dimensionen dieser Krise bewältigen, wird sich erst noch herausstellen.

Zurück zum „Normalzustand“?

Resilienz, d.h. Widerstandsfähigkeit oder auch Krisenfestigkeit, ist ein Konzept, dessen Relevanz sich angesichts der aktuellen Erfahrungen stärker und breiter erschließt denn je. Bereits 2014 hat das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) in seinem „Bericht über die menschliche Entwicklung“ Risikofaktoren analysiert, durch die Entwicklungsfortschritte zunichte gemacht werden könnten, und Möglichkeiten zur Stärkung der Resilienz aufgezeigt. Inzwischen hat das „Resilienz-Denken“ auch Eingang in die Tourismusforschung gefunden, nicht zuletzt, weil der Tourismus besonders krisenanfällig ist.

Wessen Resilienz?

Dabei ist die Frage, wie der Tourismussektor oder einzelne Unternehmen die Coronakrise überstehen werden, unter Resilienz-Gesichtspunkten nur eine unter vielen mögliche Fragestellungen. Sie zielt auf sektor- oder organisationsspezifisches Krisenmanagement ab, mit dem Ziel, baldmöglichst wieder zum „Normalzustand“ zurückzukehren, unabhängig davon, wie wünschenswert oder nachhaltig dieser eigentlich war. Resilienz heißt entsprechend „wertfrei“ betrachtet, einfach wieder „auf die Beine zu kommen“. Diesem engen Verständnis nach hat der Tourismus sich wiederholt als resilient erwiesen: Ob nach Terroranschlägen, Naturkatastrophen, oder Wirtschaftskrisen, meist ging es bald schon wieder „weiter wie bisher“ – einschließlich sämtlicher Nachhaltigkeitsdefizite, die die Branche prägen.

Ein anderer Ansatz, der sich in der Tourismusforschung häufig wiederspiegelt, fragt nach der Resilienz touristischer Zielgebiete. Betrachtet werden dabei auch gravierende Veränderungen, die durch den Tourismus selbst verursacht werden. Denn auch „Overtourism“ und damit verbundene Überlastungserscheinungen können im kleineren oder größeren Maßstab krisenhafte Ausmaße annehmen.

Breiter entwicklungspolitisch angelegt ist die Frage: Wie müssten Gemeinschaften oder Gesellschaften aufgestellt sein, um mit Krisen oder unerwünschten Veränderungen bestmöglich umgehen zu können? Und: Welche „Vulnerabilitäten“ bestehen, d.h. inwiefern sind Gemeinschaften oder bestimmte Gruppen in einer Gesellschaft besonders gefährdet, anfällig oder verletzlich – also „vulnerabel“? Vor diesem Hintergrund lässt sich der Tourismus darauf hin untersuchen, ob und wie und unter welchen Bedingungen er Widerstandfähigkeit stärkt, Anfälligkeit mindert und gesellschaftlicher Ungleichheit entgegenwirkt.

Resilient wogegen?

Die Coronakrise liefert wichtige Erkenntnisse, denn sie wirkt wie ein Zeitraffer und Vergrößerungsglas. In kurzer Zeit und mit großer Wucht hat sie fast alle Bereiche des menschlichen Lebens beeinträchtigt, Schäden verursacht und schnelle Lösungen gefordert. Sie lässt erahnen, was uns durch andere mögliche Krisen bevorstehen könnte. Im positiven Sinne hat sie aber auch gezeigt, welch ambitionierte und einschneidende Maßnahmen möglich sind, wenn der entsprechende politische Wille, Vertrauen in die öffentlichen Institutionen und Solidarität in der Bevölkerung besteht.

Anders als eine Pandemie entwickeln sich viele Krisen über längere Zeiträume hinweg, darunter einige derjenigen, die laut dem Weltrisikobericht als die wahrscheinlichsten gelten, wie ein Versagen der Klimapolitik, der dramatische Verlust an biologischer Vielfalt und Wasserkrisen. Naturkatastrophen, menschengemachte Umweltkatastrophen oder Cyber-Angriffe können schockartig Krisen auslösen.

All diese Krisen könnten uns umso härter treffen, je mehr wir sie über die Coronakrise aus dem Blick verlieren. Und sie können zeitgleich auftreten und sich gegenseitig verstärken, zum Beispiel wenn der Klimawandel im sibirischen Permafrostboden Krankheitserreger freisetzt, die längst ausgerottet schienen.

Resilienz als Transformation

Was im Lichte der Corona-Krise und im Schatten vieler weiterer akuter oder bevorstehender Krisen nottut, ist „transformative Resilienz“. Sie beschreibt die Fähigkeit eines Systems, sich komplett zu wandeln und gestärkt aus einer Krise hervorzugehen. Eingeübte Bürgerbeteiligung in den Urlaubsdestinationen und gemeinsame Lernprozesse können helfen, durch Einbeziehung verschiedener Sichtweisen zu gut durchdachten und breit akzeptierten Lösungen zu kommen – selbst wenn nichts mehr scheint wie zuvor. Kooperation, Kommunikation und Vertrauen stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Transformationsphase.

Neben solchen und vielen weiteren abstrakt formulierten Resilienz-Merkmalen in der Literatur zeigen auch ganz praktische Beispiele, wie aus Indien und dem Iran, dass Krisen sich leichter bewältigen lassen, wenn man nicht nur von einer Einkommensquelle wie dem Tourismus abhängig ist, sondern breiter aufgestellt ist. Durch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Selbstversorgung (vor allem, aber nicht nur in der Landwirtschaft) und die Einbindung in regionale und internationale Versorgungs- und Wertschöpfungsketten werden riskante Abhängigkeiten vermieden.

Vorsorgendes Resilienz-Denken stützt und ergänzt das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung, ersetzt es aber nicht. Es hilft, Schwachpunkte zu erkennen und auf Krisen besser vorbereitet zu sein. Nicht durch „zurück zum Normalzustand“, sondern nur im Sinne von „Krisen als Chancen“ bei hoher Anpassungs- und Transformationsfähigkeit kann es zudem den Erhalt der Lebensgrundlagen heutiger und auch zukünftiger Generationen befördern. So gehen Resilienz und Nachhaltigkeit Hand in Hand.

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