Karibik: Frauen im Tourismus stärken

Das ‘Future Tourism Projekt‘ der UN-Entwicklungsorganisation

Ausgebildete Managerin auf Barbados
© Krystal Yearwood

Mit den SDGs (Sustainable Development Goals) haben die Vereinten Nationen den Maßstab für nachhaltige Entwicklung weltweit gesetzt. Ihnen zufolge ist die Stärkung von Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen (KKMU) ebenso wichtig wie die Gleichstellung der Geschlechter. Deshalb stellt die UN-Entwicklungsorganisation UNDP die Stärkung von Frauen in den Mittelpunkt ihres Projekts "FUTURE TOURISM: Rethinking Tourism and MSMEs in times of COVID-19" in der Ostkaribik. Lea Thin hat mit Krystal Yearwood, Future Tourism Support Officer, über die Bedeutung von Frauen für den Tourismussektor nach der Pandemie gesprochen.

Krystal Yearwood
© Privat
Krystal Yearwood

Krystal, das UNDP-Projekt Future Tourism stellt die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung von Frauen in den Mittelpunkt. Warum? 

Krystal Yearwood: In der Karibik sind überwiegend Frauen im Tourismussektor tätig. Aber genau wie überall, besetzen die meisten von ihnen die schlechter bezahlten und weniger qualifizierten Jobs, was sie extrem anfällig für externe Schocks wie die COVID-19 Pandemie macht. Die Arbeitslosigkeit nimmt durch die Lockdowns und andere Einschränkungen zu, Frauen und Kinder sind besonders gefährdet. Daher konzentriert sich unser Projekt darauf, Frauen die notwendigen Werkzeuge an die Hand zu geben, um ihre Fähigkeiten auszubauen. Damit KKMU sich nach einer schweren Krise wie dieser erholen, ist Technologie der Schlüssel. Allerdings wird Technologie von Unternehmen, die von Frauen geführt werden, deutlich weniger genutzt. Deshalb widmen wir Frauen bei der Einführung digitaler Technologien besondere Aufmerksamkeit. Dann können sie sich besser gegen künftige Schocks absichern und sich besser in der touristischen Wertschöpfungskette positionieren.

Sind selbstständige Frauen in den Tourismushochburgen der Karibik von der Pandemie anders betroffen als ihre männlichen Kollegen? 

KY: Es gibt deutliche Unterschiede! Gerade beim Thema Technologie zeigen unsere Erhebungen in der Branche, dass nur 77 % der von Frauen geführten Unternehmen eine Online-Präsenz haben, im Vergleich zu 87 % der von Männern geführten Unternehmen. Außerdem konnten nur 29 % der von Frauen geführten Unternehmen Online-Zahlungen abwickeln, während dies bei 36 % der von Männern geführten Unternehmen der Fall war. Als die Unternehmen aufgrund der Pandemie digital oder online gehen mussten, waren Frauen also weniger in der Lage, sich anzupassen. Darüber hinaus tragen Frauen auch während der Pandemie noch immer die Last der Care-Arbeit. Von ihnen wird erwarten, dass sie sich um den Online-Unterricht ihrer Kinder kümmern, ihre Familie, insbesondere ältere Familienmitglieder, versorgen und gleichzeitig ihren Arbeitsplatz behalten. 

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für Frauen in der Karibik, um erfolgreich ein Unternehmen zu gründen?

KY: Ich glaube, zuallererst muss man sich einen Plan über die eigenen Unternehmensziele machen und sich überlegen, wie man sie erreichen kann. Im nächsten Schritt muss die Finanzierung des Geschäftsvorhabens geklärt werden. Die Zinssätze im karibischen Finanzsektor sind in der Regel sehr hoch und es werden hohe Sicherheiten verlangt. Daher ist der Zugang zu Finanzmitteln möglicherweise das größte Hindernis, das ein KKMU überwinden muss. Für Frauen ist es aufgrund des soziokulturellen Kontextes noch schwieriger. Viele Männer haben Zugang zu Finanzierung über ihre Netzwerke oder haben einen Business Angel, der in ihr Vorhaben investiert. Frauen hingegen müssen häufig ihre persönlichen Ersparnisse als Sicherheiten verwenden. Nach der Gründung ist es das Wichtigste kontinuierlich zu lernen. Nur so können Frauen sich verbessern und neue Fähigkeiten erlernen. Das ist das A und O, um ein Unternehmen erfolgreich zu führen. Aber auch, um mit unvorhergesehenen Ereignissen fertig zu werden – wie mit der Pandemie aktuell oder einer anderen Katastrophe, wie einem Wirtschaftscrash oder einer Naturkatastrophe.

Was kann die Entwicklungszusammenarbeit tun, um Frauen gezielt bei der Resilienz ihres Unternehmens zu unterstützen?

KY: Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit ist es, vulnerablen Gruppen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Sie sollte daher mehr Projekte und Hilfe für Unternehmerinnen schaffen, um die Entwicklung ihrer Unternehmen zu unterstützen. UNDP Barbados hat genau das getan. In Zusammenarbeit mit der Karibischen Entwicklungsbank (CDB), der Karibischen Tourismusorganisation (CTO) und anderen Partnern haben wir Unternehmerinnen technische Unterstützung angeboten, damit die Wertschöpfung aus ihrer Firma ökologisch nachhaltig ist und sie sich an die neuen Marktbedingungen nach COVID-19 anpassen können. Dazu gehört die Fähigkeit, sich an eine veränderte Nachfrage von Reisenden anzupassen, etwa an den immer größer werdende Wunsch nach authentischen karibischen Kulturerlebnissen. Aber es ist auch wichtig, sich auf das Unerwartete vorzubereiten. An die Hurrikan-Saison sind die KKMU bereits gewohnt und sie bereiten sich entsprechend darauf vor. Aber der unerwartete Schock der Pandemie hat die Unternehmen dazu veranlasst, ihre Geschäftspraktiken und die Verwendung ihrer Finanzen wirklich zu überdenken.

Die Pandemie hat die finanziellen Reserven vieler Tourismusunternehmen aufgezehrt. Wie können diese Unternehmen in ihre Resilienz investieren, ohne in die Schuldenfalle zu tappen?

KY: Während der Pandemie hat der Finanzsektor Moratorien für die Rückzahlung von Krediten und speziell auf die Bedürfnisse einzelner Kunden zugeschnittene Zahlungspläne angeboten. Das ist ermutigend für die Zukunft! Wir arbeiten auch daran, Entwicklungsfinanzierungen durch Partnerschaften mit dem privaten Sektor zu erhöhen. Im Rahmen des Future Tourism Projekts erhielten vor allem von Frauen geführte Unternehmen Zuschüsse zwischen 4.000 und 6.500 US-Dollar, um ihren sogenannten „Business Improvement Plan (BIP)“ umzusetzen. Die Pläne wurden mit Mentor:innen erstellt, um Digitalisierung, Finanzplanung und Marketing im Unternehmen zu verbessern. Mit dieser Finanzspritze konnten Unternehmerinnen weiter investieren, damit ihre Firmen sich von den Auswirkungen der Pandemie erholen. Solche strategischen Investitionen umfassen beispielsweise die Umwidmung von Produktionsanlagen in der Tourismusbranche zur Herstellung von Waren und Dienstleistungen mit hoher Nachfrage oder zur Umstellung von einem Geschäftsmodell mit persönlicher, physischer Interaktion auf ein virtuelles Online-Modell. Unsere Zuschüsse sind dabei an die besonderen Bedürfnisse von Unternehmerinnen angepasst. So erhalten die Zuschussempfängerinnen im Rahmen des Projekts einerseits die notwendige Finanzspritze ohne Rückzahlungsdruck und auf der anderen Seite das nötige Training, um sie effektiv zu nutzen.

UNDP fördert nachhaltige Tourismusmodelle, die bestimmten Kriterien erfüllen müssen. Ist das nicht ein weiteres Hindernis für Frauen, die ihr eigenes Unternehmen gründen wollen?

KY: Nicht unbedingt. Gerade langfristig profitieren Frauen ganz allgemein und Gründerinnen im Besonderen von nachhaltigen Tourismusmodellen. Denn diese berücksichtigen zum Beispiel das Recht auf gleiche Bezahlung, besseren Zugang zu Finanzierung oder die Bereitstellung von Betreuungseinrichtungen für Kinder. In der Karibik ist der Tourismussektor untrennbar mit allen anderen Sektoren verbunden. Wenn also dort die Gleichstellung der Geschlechter erreicht ist, ist es wahrscheinlich, dass er auch auf andere Bereiche der Gesellschaft übergreift und auch die anderen Wirtschaftssektoren in Sachen Nachhaltigkeit nachziehen.
 

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