Indien: Auf dem Weg nach oben

Frauen im Trekking-Tourismus im Himalaya

Von Jagita Devi
Frauenmeeting
© Dietmar Quist

Im August 2020 brachte Himalayan Ecotourism (HET) das Wiederaufforstungsprogramm in meinem Dorf Pekhri im Bundesstaat Himachal Pradesh auf den Weg. Viele kamen zu der Veranstaltung. Es waren insgesamt mehr Frauen als Männer und auch sehr viele Kinder. Alle im Dorf wussten um meine Motivation, nicht nur Hausfrau zu sein. Als die Nachbarn erfuhren, dass HET eine Frau suchte, die für ihr Frauenprogramm arbeiten sollte, redeten sie mir zu, mich auf die Stelle zu bewerben. Am Tag der Eröffnungsfeier stellte ich mich dem Team von HET vor.

Neue Möglichkeiten

Stephan Marchal, der Direktor von HET, erklärte mir, dass die Arbeit vor allem darin bestünde, die Frauen-Selbsthilfegruppe in meinem Dorf zu leiten. Ich würde als lokale Koordinatorin arbeiten. Dabei geht es um die Herstellung lokaler Produkte wie Aprikosenöl und Seife und das Management der Baumschule für das Wiederaufforstungsprogramm. Ich sagte ihm, dass mein Traum ein anderer sei: Ich wollte im Tourismus arbeiten - als Guide.

2016 habe ich eine Ausbildung als Trekking-Führerin am Mountaineering Institute in Manali absolviert. Zwei Jahre später habe ich geheiratet. Bei uns zieht die Frau nach der Hochzeit in das Haus ihres Mannes und arbeitet als Hausfrau. Da gibt es wenig Spielraum für persönliche Ambitionen. Irgendwie war ich gezwungen, dieser Regel zu folgen und hatte nie Gelegenheit, tatsächlich als Trekking-Guide zu arbeiten.

Stephan muss nun in mir eine Gelegenheit gesehen haben, die Frauen in die Ökotourismus-Aktivitäten einzubinden – was vorher nicht der Fall gewesen war. Wir einigten uns schließlich, dass ich für das Frauenprogramm arbeiten würde. Zusätzlich würde HET Trekking-Touren ins Programm nehmen, die von Frauen geführt werden. Ich war so glücklich!

Ein Traum wurde wahr

Meine erste Trekking-Tour wurde in der folgenden Saison im Oktober 2020 organisiert. Die Gäste in der Gruppe waren hauptsächlich indische Frauen und ich war ihre Wanderführerin. Es war ein dreitägiger Trek nach Rangthar und Kundri im Great Himalayan National Park. Ich kenne diese Orte gut, denn ich habe dort früher Kräuter gesammelt, die wir auf dem Markt verkauften. Ich war so stolz während dieser Wanderung. Es machte solchen Spaß und ich fühlte mich so gut, wenn ich das tat, was ich mag – meine Gäste zu führen und für sie da zu sein, mir ihre Geschichten anzuhören und ihnen meine zu erzählen, das Lager aufzuschlagen und sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist.

Ich fühlte auch, dass es für die Kundinnen eine tolle Erfahrung war. Es gibt viele Aspekte auf einer Trekking-Tour, bei denen Frauen Bedenken haben könnten. Was, wenn im Team nur Männer sind? Ist das sicher? Wie ist es mit der Toilette und Hygiene? Kann man als Frau das Team einfach so ansprechen, wenn es nur Männer sind? Für indische Frauen kann das ein Problem sein, denn es ist nicht üblich, dass sich Frauen ohne Begleitung ihres Vaters oder Ehemanns auf so ein Abenteuer begeben. Auch für Ausländerinnen kann es ein Problem sein, denn sie kennen unsere Kultur nicht und haben vielleicht Angst, etwas falsch zu machen oder missverstanden zu werden.

Warum weibliche Teams wichtig sind

Es ist so wichtig, Frauen als Trekking-Begleiterinnen zu haben. Es ermutigt die weiblichen Gäste, sich ohne Sorge auf solche Abenteuer einzulassen. Aber es ist auch gut für unsere einheimische Kultur, denn es zeigt, dass die Frauen hier Arbeit übernehmen können, die normalerweise Männern vorbehalten ist. Der Status der Frauen in unserer Gemeinschaft wird dadurch hinterfragt.

Unser System hier ist unfair. Die meiste Arbeit, das Kochen und Putzen, die Kindererziehung, das Bestellen der Felder und die Ernte, das Sammeln von Feuerholz etc. wird von den Frauen verrichtet. Wir haben nicht wirklich Freizeit, für uns gibt es immer Arbeit. Die Männer hingegen haben sehr viel Freizeit und viel Spaß. Es sind die Männer, die nicht wollen, dass die Frauen als Trekking-Begleiterinnen arbeiten.

Fortschritte und Hindernisse

Als ich von HET gebeten wurde, eine Wanderung für weibliche Gäste zu organisieren, musste ich meine Schwiegerfamilie um Erlaubnis bitten. Sie kennen mich und meinen Ehrgeiz und ließen mich gehen. Ich bin ihnen dankbar dafür. Doch als ich andere Frauen aus meinem Dorf bat, mitzukommen, da ich ja nicht alleine gehen konnte, war das eine andere Geschichte. Sie sagten mir immer, dass sie keine Zeit hätten, mitzukommen, und dass ihre Familien ihnen das niemals erlauben würden.

Natürlich nicht! Das ist doch offensichtlich, wenn man darüber nachdenkt. Warum sollten die Männer uns erlauben, auf eine Wanderung zu gehen? Wer würde dann zuhause die Arbeit machen, wenn wir nicht da sind? Die müssten die Männer dann womöglich selbst tun? Wenn die Frauen trekken gehen, wird das Verhältnis zwischen Männern und Frauen umgedreht, deshalb gibt es dagegen so viel Widerstand. Realistisch betrachtet würden natürlich die anderen Frauen und Mädchen im Haushalt einspringen müssen und auf uns würde ein extra Berg an Arbeit warten, wenn wir zurückkommen. 

Die Arbeit von Frauen ist teurer

2021 wurde ich von HET gebeten, im Wiederaufforstungsprogramm mit einem professionellen Team zusammenzuarbeiten, das von HET eingesetzt worden war. Von den drei Frauen Aastha, Ritika und Nishant habe ich viel gelernt, über Ökologie, Sozialarbeit, die Sammlung von Daten, Kartierung, Berichtswesen, etc. Eines Tages, als ich mit ihnen arbeitete, rief Stephan an und fragte, ob ich eine Trekking-Tour für drei Touristinnen organisieren könnte. Ich musste für die Tour mindestens drei weitere Frauen als Trekking-Begleiterinnen finden. 

Alle wollten wissen, wie viel sie bezahlt bekämen. Ich nannte ihnen den Tagessatz, den HET zahlt. Sie alle sagten mir: „Warum sollten wir für so wenig Geld drei Tage unserer Zeit opfern? Das lohnt sich nicht.” Was sie erwarteten war etwa das Dreifache. Stephan sagte, das sei schlicht nicht möglich, denn er müsse sich an den Tagessatz halten, den die männlichen Tourguides im Dorf festgelegt hatten.

Daraufhin hielten wir bei mir zuhause ein Treffen ab, um das Problem zu diskutieren: Der Tagessatz für die Trekking-Teams wird von den Männern für die Männer festgelegt. Doch die Zeit einer Frau ist eigentlich mehr wert, als die Zeit eines Mannes. Wenn die Männer Zeit haben, eine Wanderung zu begleiten, die Frauen aufgrund ihrer Arbeitsbelastung im Haushalt aber nicht, dann sollten die Frauen einen höheren Satz bezahlt bekommen. So einfach ist das. Wir einigten uns als Kompromiss auf das doppelte Gehalt.

Ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Frauen

Das Management von HET nahm die Idee positiv auf. Die Kundinnen, die von einem weiblichen Team begleitet werden möchten, müssen mehr bezahlen. Sie bekommen die Gründe dafür erklärt und ich hoffe, dass sie es verstehen werden. Nun werden wir sehen, wie die Männer darauf reagieren.
Sehr bald beginnt die nächste Saison. Während der Pandemie gab es nur ganz wenige Trekking-Touren. Doch ich denke, dieses Jahr sollten wir uns darauf einstellen, dass viele Gäste kommen werden, die ja zwei Jahre lang nicht reisen konnten. Ich hoffe einfach, dass bei uns im Dorf akzeptiert wird, dass mehr Frauen als Trekking-Begleiterinnen arbeiten, denn mit einem doppelten Lohn für Frauen könnten die Familien ja mehr verdienen. Wenn das funktioniert, dann ist es ein wichtiger Schritt zur Stärkung von Frauen in der Himalaya-Region. 

Jagita Devi, Bergführerin und Mitarbeiterin des Frauenprogramms von Himalayan Ecotourism, kurz HET
© Dietmar Quist

Jagita Devi

Jagita Devi ist Bergführerin und Mitarbeiterin des Frauenprogramms von Himalayan Ecotourism. HET ist ein Zusammenschluss aus einer Kooperative und einem Reiseveranstalter im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh. In diesem Jahr gewann die Assoziation den TODO Awards für sozialverantwortlichen Tourismus, der anlässlich der Internationalen Tourismusbörse (ITB) 2022 vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung verliehen wurde.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

Further contents

Uganda: Ein Hoffnungsträger für Frauen

Woman looking through Telescope_Uganda
© Slim Emcee_Unsplash

Der Inlandstourismus rückt wegen COVID-19 in vielen Ländern immer stärker in den Fokus – auch in Uganda. Das stärkt heimische Tourist*innen und Frauen aus der Branche.

Frauen zuerst

Demo - We the people
© Alice Donovan Rouse - Unsplash

Frauen dominieren die Tourismusbranche. Doch COVID-19 zeigt: Die Pandemie trifft weibliche Beschäftigte in der Reisebranche besonders hart. Schuld daran sind strukturelle Ungleichheiten.

Für Gleichberechtigung im indonesischen Tourismus

 ‘Rinjani Women Adventure’ bieten als erste Frauen in Lombok Wandertouren an
© Rinjani Women Adventure

Der Tourismussektor hat das Potenzial, die Gleichberechtigung von Frauen zu stärken. Bei digitalen Buchungsplattformen klafft jedoch noch eine große Kluft zwischen weiblichen und männlichen Tourismusakteuren in Indonesien.

Tourism Watch Newsletter: Die wichtigsten Hintergrundinfos alle 2-3 Monate per Mail.

Infoservice

Die wichtigsten Hintergründe alle zwei bis drei Monate im Abo Hier abonnieren