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Interview mit A3M: Reisesicherheit in Zeiten globaler Krisen


Geopolitische Konflikte, Extremwetter, politische Unruhen oder Kriminalität machen die Gestaltung von Reisen für Tourismusunternehmen und Reisende zunehmend komplexer. Mirko Jacubowski von A3M erklärt im Interview, wie Sicherheitsrisiken im Reisesektor bewertet und differenziert kommuniziert werden können, ohne einzelne Regionen vorschnell zu stigmatisieren. A3M ist ein Dienstleister für Reisesicherheit und Krisenmanagement und entwickelt dafür unter anderem Frühwarn-, Informations- und Kommunikationssysteme.

Das Interview führte Alien Spiller

Herr Jacubowski, haben geopolitische Konflikte, Naturkatastrophen und andere Sicherheitsrisiken das Reisen in den vergangenen Jahren komplexer gemacht? Welche Entwicklungen beobachten Sie derzeit besonders?

Ja, Reisen ist deutlich komplexer geworden. Das liegt weniger daran, dass einzelne Risiken völlig neu wären, sondern vor allem daran, dass Krisen häufiger gleichzeitig auftreten, sich schneller entwickeln und stärker miteinander verknüpft sind. Geopolitische Konflikte können kurzfristig Flugrouten, Grenzübergänge oder die Sicherheitslage in benachbarten Ländern beeinflussen. Extremwetterereignisse führen zu Evakuierungen, Verkehrsausfällen und Einschränkungen der touristischen Infrastruktur. Hinzu kommen politische Unruhen, Streiks, Cyberangriffe und gesundheitliche Risiken.

Besonders beobachten wir derzeit, dass sich die Auswirkungen einer Krise nicht mehr auf das unmittelbar betroffene Gebiet begrenzen lassen. Eine Eskalation kann beispielsweise den internationalen Flugverkehr, Energiepreise oder Lieferketten beeinträchtigen. Für Reisende und Unternehmen wird es deshalb immer wichtiger, nicht nur die Lage am Zielort, sondern auch mögliche Folgewirkungen und somit die gesamte Reise mit allen Komponenten im Blick zu behalten.

Welche Rolle spielt Kriminalität bzw. organisierte Kriminalität für die Reisesicherheit?

Kriminalität spielt für die Reisesicherheit eine wichtige Rolle, wobei zwischen Alltagskriminalität und organisierter Kriminalität unterschieden werden muss. Für Reisende sind vor allem Diebstahl, Raub, Betrug oder Entführungsrisiken unmittelbar relevant. Organisierte Kriminalität wirkt häufig indirekter, etwa durch Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Menschenhandel oder gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen.

Besonders problematisch wird es, wenn staatliche Strukturen schwach sind, Korruption verbreitet ist oder kriminelle Netzwerke einzelne Regionen kontrollieren. Dann können sich Risiken sehr kurzfristig verändern. Entscheidend ist deshalb eine differenzierte Betrachtung: Nicht jede hohe Kriminalitätsrate bedeutet automatisch ein hohes Risiko für Reisende. Wichtig sind der konkrete Ort, die Reiseart, das persönliche Verhalten sowie die Frage, ob touristische Gebiete, Verkehrswege oder bestimmte Tageszeiten besonders betroffen sind.

A3M unterstützt Unternehmen in der Tourismusbranche bei der Einschätzung von Sicherheitsrisiken. Wie gehen Sie dabei vor? Welche Kriterien und Datenquellen bilden die Grundlage Ihrer Risikobewertungen?

Unsere Risikobewertungen basieren auf einem strukturierten, mehrstufigen Verfahren. Zunächst erfassen und prüfen unsere Travel Security Analysts Informationen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen. Dazu gehören Behördenmeldungen, internationale Organisationen, lokale und internationale Medien, Wetter- und Erdbebendienste, Verkehrsinformationen sowie verifizierte Meldungen aus sozialen Netzwerken und lokalen Quellen.

Entscheidend ist jedoch nicht nur die Menge der Informationen, sondern deren Einordnung. Wir bewerten unter anderem die Zuverlässigkeit der Quelle, die geografische Ausdehnung, die erwartete Dauer und Dynamik eines Ereignisses sowie die konkreten Auswirkungen auf Reisende. Dabei unterscheiden wir beispielsweise zwischen einer allgemeinen politischen Spannung und einer unmittelbaren Gefahr für touristische Gebiete oder Verkehrswege.

Zusätzlich berücksichtigen wir die bestehende Infrastruktur, die Leistungsfähigkeit lokaler Behörden und Rettungsdienste sowie mögliche Ausweich- und Evakuierungsoptionen. Ziel ist es, aus vielen einzelnen Informationen eine verständliche und handlungsorientierte Lageeinschätzung zu entwickeln.

Ihre Risk Map zeigt, dass nur noch wenige Länder der niedrigsten Risikokategorie zugeordnet werden. Wie lassen sich Risiken kommunizieren, ohne Länder oder Regionen vorschnell zu stigmatisieren oder tourismusabhängige Gemeinschaften unnötig zu benachteiligen?

Eine verantwortungsvolle Risikokommunikation muss präzise, differenziert und verhältnismäßig sein. Pauschale Aussagen über ganze Länder sind häufig nicht hilfreich, da sich Sicherheitslagen regional stark unterscheiden können. Ein Ereignis in einer Grenzregion muss beispielsweise nicht automatisch Auswirkungen auf weit entfernte touristische Zentren haben.

Genau hier setzt auch die A3M Risk Map an. Sie bildet die Sicherheitslage für jedes Land ab und differenziert, wo erforderlich, zusätzlich nach einzelnen Regionen. Reisende erhalten dadurch eine erste, schnell erfassbare Orientierung und können besser einschätzen, ob ein Risiko tatsächlich das gesamte Reiseziel oder nur klar abgegrenzte Gebiete betrifft.

Ergänzend versuchen wir, Risiken geografisch und zeitlich möglichst genau einzugrenzen und klar zwischen bestätigten Tatsachen, wahrscheinlichen Entwicklungen und noch unsicheren Szenarien zu unterscheiden. Ebenso wichtig ist es, nicht nur das Risiko zu benennen, sondern konkrete Empfehlungen zu geben: Welche Gebiete sollten gemieden werden? Welche Verkehrswege sind betroffen? Welche Vorsichtsmaßnahmen sind sinnvoll?

Risikokommunikation sollte Menschen befähigen, fundierte Entscheidungen zu treffen, und nicht unnötig Ängste erzeugen. Dazu gehört auch, Einschätzungen regelmäßig zu aktualisieren und Einschränkungen wieder zurückzunehmen, sobald sich die Lage verbessert.

Wie wird sich das Sicherheitsmanagement im Tourismus in den kommenden Jahren verändern?

Sicherheitsmanagement wird stärker datenbasiert, automatisiert und gleichzeitig individueller werden. Unternehmen werden relevante Entwicklungen mithilfe digitaler Plattformen früher erkennen und ihre Reisenden gezielter informieren können. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, große Informationsmengen auszuwerten, Muster zu erkennen und Meldungen zu priorisieren. Die abschließende Bewertung komplexer Sicherheitslagen wird jedoch weiterhin menschliche Erfahrung und Kontextwissen erfordern.

Für eine höhere Resilienz sollten Unternehmen klare Krisenprozesse etablieren, Verantwortlichkeiten definieren und regelmäßig Übungen durchführen. Wichtig sind außerdem aktuelle Kontaktdaten, eine zuverlässige Lokalisierung von Reisenden sowie alternative Kommunikationswege für den Fall, dass Mobilfunknetze oder andere Systeme ausfallen.

Resilienz bedeutet dabei nicht, jedes Risiko ausschließen zu können. Entscheidend ist, auf unerwartete Ereignisse vorbereitet zu sein, schnell Entscheidungen zu treffen und den Geschäftsbetrieb möglichst flexibel anpassen zu können.

Welche Herausforderungen bringt die heutige Informationsvielfalt für die Einschätzung von Reiserisiken mit sich?

Die große Zahl verfügbarer Informationen ist Fluch und Segen zugleich. Reisende erhalten Nachrichten heute nahezu in Echtzeit. Gleichzeitig verbreiten sich ungeprüfte Meldungen, veraltete Bilder und bewusst manipulierte Inhalte sehr schnell. Besonders in sozialen Medien fehlt häufig der Kontext: Ein spektakuläres Video kann authentisch sein, aber aus einer anderen Region oder einem früheren Ereignis stammen.

Auch KI-Anwendungen können Informationen verständlich zusammenfassen, sind jedoch nur so zuverlässig wie die zugrunde liegenden Daten. Sie können veraltete oder fehlerhafte Angaben übernehmen und Unsicherheiten zu eindeutig darstellen. Allerdings neigt KI noch zu Halluzinationen. In einem so sensiblen Bereich wie Sicherheit, ist das ein Problem. Dies bedeutet, dass  KI-generierte Information immer durch einen Analysten verifiziert werden muss. 

Die zentrale Herausforderung besteht daher darin, Informationen zu verifizieren, Quellen miteinander abzugleichen und zwischen einem öffentlichkeitswirksamen Ereignis und einem tatsächlich relevanten Reiserisiko zu unterscheiden. Professionelle Bewertung schafft hier Orientierung und reduziert sowohl Überreaktionen als auch eine gefährliche Verharmlosung.

Was würden Sie Reisenden mitgeben, damit sie ihre Entscheidung gut informiert und verantwortungsvoll treffen können?

Reisende sollten sich nicht ausschließlich auf eine einzelne Quelle verlassen, sondern Informationen von Behörden, Reiseveranstaltern und professionellen Sicherheitsdiensten miteinander vergleichen. Wichtig ist außerdem, genau auf den betroffenen Ort und den Zeitpunkt einer Meldung zu achten. Eine angespannte Lage in einem Teil eines Landes bedeutet nicht zwangsläufig, dass jede Reise dorthin unverantwortlich ist.

Vor der Abreise sollten Reisende ihre Kontaktdaten hinterlegen, Versicherungsbedingungen prüfen und sich mit grundlegenden Notfallmaßnahmen vertraut machen. Dazu gehören alternative Reiserouten, wichtige Telefonnummern und die Frage, wie Angehörige oder der Arbeitgeber im Notfall erreicht werden können.

Letztlich ist die Entscheidung immer individuell. Persönliche Erfahrung, Gesundheitszustand, Reiseart und Risikobereitschaft spielen dabei eine Rolle. Gute Vorbereitung bedeutet nicht, ängstlich zu reisen, sondern mögliche Risiken realistisch einzuschätzen und für den Ernstfall handlungsfähig zu bleiben.
 

Mirko Jacubowski ist bei A3M Global Monitoring GmbH als Chief Operating Officer für die Produktentwicklung und den touristischen Vertrieb der Travel Risk Management-Lösungen zuständig. Er verfügt über langjährige Erfahrungen in der Touristik, u.a. als Geschäftsführer der Gesellschaft für Reisevertriebssysteme (GfR). Bei Thomas Cook hatte er unterschiedliche Leitungsfunktionen in den Bereichen Vertrieb und Service inne. Zudem war er für das Krisenmanagement des Reisekonzerns in der DACH-Region zuständig.