Von der leeren Hand in den Mund

Arbeitskräfte im informellen Sektor in Corona-Zeiten

K.T. Suresh
Straßenreinigung durch indische Männer
© Sujeeth Potla - Unsplash

Die Corona-Pandemie stellt einen globalen Gesundheitsnotstand dar, der zu einer politischen, humanitären und ethischen Krise unvorhergesehenen Ausmaßes geworden ist. Der Ausbruch der Pandemie in Indien und die darauffolgenden Maßnahmen zu ihrer Eindämmung, darunter mehrere Lockdowns, bremsten die gesamte Wirtschaft aus. Sie warfen ein Schlaglicht auf die prekäre Situation, die das Leben unzähliger Arbeitskräfte im informellen Sektor prägt. 

Arbeitskräfte im informellen Sektor Indiens leben in Corona-Zeiten von der Hand in den Mund

Um Einsichten in diese Prekarität und die Bewältigungsmechanismen der Betroffenen zu gewinnen, führt ActionAid India eine nationale Studie durch. Der Bericht zur ersten Runde „Workers in the Time of COVID-19” ist gerade erschienen. Die Erhebungen stammen aus dem Mai 2020, als das Land sich in der dritten Phase des nationalen Lockdowns befand. Die Bilder gestrandeter Wanderarbeiter*innen, die sich zu Fuß auf den Weg in ihre Dörfer machten, gingen um die Welt und haben sich in die kollektive Erinnerung eingegraben. Der Lockdown hat die Vielzahl an Krisen verschärft, mit denen Menschen im informellen Sektor zurechtkommen müssen, aber er hat sie auch für alle sichtbar gemacht. 

Der Tourismus ist eine der Branchen in Indien, die einer großen Zahl informeller Arbeitskräfte Beschäftigung bieten. Die meisten Menschen in der informellen Wirtschaft sind vom Kleinsthandel und von Gelegenheitsjobs abhängig. Sie wohnen oft in Slums, informellen Siedlungen oder – als Wanderarbeitende in Urlaubsorten – direkt an ihrem Arbeitsplatz, wo sie beispielsweise auf Tischen und Bänken in Restaurants oder auf Baustellen schlafen. Anders als der formelle Sektor sind sie statistisch kaum erfasst. 

Der informelle Sektor ist geprägt durch lange Arbeitszeiten, schlecht bezahlte, kaum wertgeschätzte und oft gefährliche Arbeit und wenig bis keinen Zugang zu sozialer Sicherheit. Die Arbeitsverhältnisse sind oft ausbeuterisch. Dass informelle Beschäftigungsverhältnisse im Tourismussektor so weit verbreitet sind, liegt nach Einschätzung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) auch an der Saisonalität der Branche, verbunden mit schwacher Regulierung, Rechtsdurchsetzung und gewerkschaftlicher Organisation. 

Für den ActionAid Bericht wurden über 11.530 Arbeiter*innen in 21 indischen Bundesstaaten befragt. Zu den erfassten tourismusrelevanten Bereichen gehören Reinigungs- und Servicekräfte in der Hotellerie und Gastronomie ebenso wie Straßenhändler*innen. Insgesamt 147 Personen (101 Männer, 46 Frauen) aus der Hotellerie beteiligten sich an der Befragung, vor allem aus dem südindischen Bundesstaat Karnataka und dem östlichen Odisha. Die meisten von ihnen waren Ortsansässige. Zum Zeitpunkt des Interviews waren 84 Prozent von ihnen ohne Arbeit. 

Ergebnisse der Studie

78 Prozent aller Befragten haben ihren Lebensunterhalt verloren und ihre Arbeitsintensität hat wesentlich abgenommen. Ernährungs- und Wasserunsicherheit entwickelten sich zu zwei besonders gravierenden Problemen während des Lockdowns. Nur rund 18,5 Prozent der Befragten beurteilten ihre Ernährungslage als ausreichend. Während 63 Prozent zwei Mahlzeiten am Tag zu sich nehmen konnten, gaben 34 Prozent an, dass sie nur einmal am Tag zu essen hätten, und drei Prozent nur alle zwei Tage. Rund 38 Prozent der Befragten beurteilten ihren Zugang zu Wasser als unzureichend oder knapp ausreichend.
60 Prozent hatten ihre Unterkunft verlassen müssen, 73 Prozent hatten keinen Zugang zu notwendiger medizinischer Versorgung. Die Arbeiter*innen erhielten kaum Hilfe in Form von Transfer- oder Lohnersatzleistungen. Die verfügbare Nothilfe in Form von warmen Mahlzeiten, Trockenrationen oder Hygieneartikeln reichte nicht aus, um ihnen über den Lockdown von mehreren Wochen hinwegzuhelfen. Sie mussten auf ihre meist geringen Ersparnisse zurückzugreifen. Fast 58 Prozent gaben an, dass sie sich Geld geliehen hätten, um während des Lockdowns ihre Ausgaben zu decken.

Fehlende Arbeitsverträge

Aus der Gesamtstichprobe der Arbeitskräfte im informellen Sektor hatten 90 Prozent der Befragten keinen schriftlichen Arbeitsvertrag, mehr als die Hälfte aus dieser Gruppe erhielt nach dem Lockdown keinen Lohn und etwa 15 Prozent bekamen nur einen Teil ihres Lohns. Ohne schriftliche Verträge ist es extrem schwierig, arbeitsrechtliche Ansprüche durchzusetzen.

Die Auswirkungen der Krise sind so gravierend, weil die Bewältigungskapazitäten des informellen Sektors im Laufe der Jahre immer weiter ausgehöhlt wurden. Sowohl im formellen als auch im informellen Sektor der indischen Wirtschaft haben prekäre Formen von Arbeit zugenommen. Da die Regierung kaum interveniert, setzen Unternehmen immer stärker auf Kostensenkungsstrategien. Das beinhaltet, dass sie ihre Wettbewerbsfähigkeit über den Preis verbessern, indem sie Kosten reduzieren und Risiken auf die Beschäftigten abwälzen. Eine Strategie besteht darin, Stammpersonal durch Arbeitskräfte zu ersetzen, die kein sicheres Einkommen erhalten und keine sichere Anstellung oder Versicherung haben.

Nötige politische Antworten

Unser Bericht konnte nur einen Bruchteil der Vulnerabilitäten der Arbeitskräfte im informellen Sektor erfassen. Die Studie soll nicht nur die Auswirkungen der Pandemie und des Lockdowns aufzeigen und auf sofortige Hilfe drängen, sondern auch zu einer breiteren Reflektion über einen Rahmen für soziale und ökologische Gerechtigkeit beitragen. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Tourismus drohen Armut und Ungleichheit zu verschärfen und die Fortschritte im Hinblick auf die Erfüllung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals) auszubremsen. 

Die Wiederherstellung des Lebensunterhalts informell beschäftigter Arbeitskräfte ist vordringlich. Die Bemühungen sollten dauerhaft darauf ausgerichtet sein, menschenwürdige Arbeit zu würdigen Mindestlöhnen zu schaffen. Auch braucht es Verbesserungen der Arbeitsbedingungen durch eine Stärkung und Umsetzung arbeitsrechtlicher Bestimmungen und die Schaffung geeigneter Schutzmechanismen. Schließlich müssen alle Arbeitskräfte durch eine sinnvolle Sozialversicherung abgesichert sein und Zugang zu erschwinglichen und qualitativ hochwertigen öffentlichen Dienstleistungen haben.

 

K.T. Suresh leitet den Advocacy-Bereich Stadt und Arbeit bei der ActionAid Association, Indien. Er arbeitete 20 Jahre in verschiedenen Positionen bei Equitable Tourism Options (Equations), einer Nichtregierungsorganisation, die Forschungs-, Kampagnen- und Advocacy-Arbeit zu Tourismus und Entwicklung in Indien betreibt, und ist derzeit ihr stellvertretender Vorstandsvorsitzender.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp
 

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