Vom Influencer zum Sinnfluencer?

Über die Verantwortung von Reisebloggerinnen und -bloggern
Laura Jäger
Lempuyang Tempel auf Bali. Instagram Instagram-Touristen in der Schlange
© JRP Studio - Shutterstock

Auf ihren Blogs schreiben sie über ihre Erlebnisse aus fernen Ländern und geben Reisetipps. Auf Instagram oder Youtube teilen Bloggerinnen und Blogger atemberaubende, perfekt inszenierte Bilder und erreichen Tausende von Menschen, die Inspiration und Information für ihre Reisen suchen. So beeinflussen sie immer mehr Reisende bei der Wahl ihrer Urlaubsziele, Unterkünfte oder der Transportmittel. Damit sind auch sie „Influencer“ und Trendsetter. Inzwischen werden immer mehr Bloggende sich dieser Verantwortung bewusst, doch noch längst nicht alle. 

Follower im wahrsten Sinne des Wortes

Entdeckte ein Backpacker vor 20 Jahren einen einsamen Strand, erzählte er vermutlich unterwegs anderen Rucksackreisenden davon. Bis dieser Geheimtipp es in den Lonely Planet schaffte und Reisende in großer Zahl herbeiströmten, brauchte es meist mehrere Jahre. Heute dagegen reicht oft ein einziger Post einer Influencerin oder eines Influencers mit der nötigen Reichweite aus, um Orte über Nacht an die Spitze der Liste der „Most Instagrammable Places“ zu katapultieren. In Kanada wurde ein Sonnenblumenfarmer von tausenden Besucherinnen und Besuchern überrascht,  nachdem Influencer Selfies im Blütenmeer seiner Felder auf Instagram posteten. Binnen weniger Tage wurden sie  zu einem beliebten Foto-Spot der Instagram-Touristen. Nur mithilfe der Polizei konnte die Farm gesperrt werden, um weiteren Schaden an den Feldern zu vermeiden.

Je mehr Influencerinnen und Influencer von einem Ort, einem Streetfood-Stand oder einem Wanderweg schwärmen, desto mehr Menschen möchten dorthin – mit allen bekannten Konsequenzen für Mensch und Umwelt. Der Begriff „Follower“ ist dann wortwörtlich zu verstehen. Mittels sogenannter Geolocations können Bloggerinnen, Instagrammer und Youtuberinnen ihre Reiseziele und Fotokulissen auf die Koordinate genau verorten. Inzwischen gibt es eine – wenn auch noch recht kleine – Gegenbewegung von Bloggenden und Reisenden unter dem Hashtag #nogeotags.  Sie verzichten ganz bewusst auf Geotags oder geben nur sehr grobe Ortsangaben, um einzigartige Orte vor dem Andrang zu vieler Besucherinnen und Besuchern schützen.

Das brasilianische Paar Tania und Marcelo bloggt unter dem Namen M + T – zunächst um ihre Erlebnisse mit Familie und Freunden zu teilen, während sie zwei Jahre lang durch Lateinamerika reisten und dabei in sozialen Einrichtungen arbeiteten. Inzwischen erreichen sie über Instagram, Facebook und Youtube mehr als 45.000 Menschen. Sie nutzen diese Reichweite ganz gezielt, um mehr Menschen auf nachhaltige und gemeindebasierte Tourismusprojekte in Lateinamerika aufmerksam zu machen. Mit ihren Posts möchten sie mehr als nur schöne Bilder zeigen. Sie erzählen immer auch die Geschichte der Menschen und Orte dahinter.

Instagrammability, Inszenierung und Authentizität

Influencerinnen und Influencer werden von ihren Followern meist als besonders authentisch wahrgenommen. Viele präsentieren vermeintlich makellose Bilder von sich an traumhaften Stränden oder einsamen Berggipfeln. Doch das ist häufig nur die Hälfte der Wahrheit. Mit wie viel Mühe, sorgfältiger Inszenierung und Nachbearbeitung diese Bilder entstehen, zeigen die wenigsten Bilder. 

Unter der Ortsangabe „Lempuyang Temple“ finden sich auf Instagram mehr als 70.000 Fotos. Darunter überwiegend dasselbe Motiv: Eingerahmt zwischen zwei Tempelsäulen, dem sogenannten Himmelstor, spiegelt sich die Silhouette der Reisenden über einem Brunnen. Im Hintergrund ragt je nach Wetter der majestätischen Vulkan Gunung Agung empor. Dass sie dafür bereits am frühen Morgen mehrere Stunden mit anderen Insta-Touristinnen und -Touristen in der Schlange stehen mussten, bilden diese Fotos jedoch nicht ab. Ebenso wie die Tatsache, dass ihre Silhouette nicht wirklich im Wasser des Brunnens, sondern mithilfe eines Spiegels reflektiert wird.

Reisen für Anerkennung in den sozialen Medien

Ute Kranz kündigte ihren Job und machte ihre Leidenschaft zum Beruf. 2013 rief sie den Reiseblog „Bravebird“ ins Leben. Über die sozialen Medien erreicht sie mehr als 65.000 Menschen. Inzwischen widerstrebt ihr aber, dass Reisen durch die sozialen Medien immer mehr zum Lifestyle- und Statussymbol wird. „Man reist nicht mehr nur für sich, sondern auch für die anderen, die einem beim Lifestylen zusehen“.

Durch ihren Jetset und ihre perfekten Bilder tragen Blogger erheblich dazu bei, dass die Listen der Orte, die man angeblich gesehen haben muss, immer länger werden. „Immer häufiger hörte ich auch in meinen Netzwerken, dass die Leute noch Land XY „machen müssten“ und gleich mehrere Fernreisen im Jahr planen“, sagt Kranz. Instagram und Co. befeuern nicht nur den Trend, immer weiter und häufiger, dafür aber kürzer zu verreisen, sondern auch die Angst, etwas zu verpassen. Neuhochdeutsch bezeichnet man dieses Phänomen auch als FOMO – fear of missing out. Sei es nun die Angst, den Anblick des Taj Mahal zu verpassen oder die Angst, sich Lob und Anerkennung für das Selfie vor dem majestätischen Gebäude in den sozialen Medien entgehen zu lassen – vermutlich ist es beides.

Mit gutem Beispiel vorangehen

Influencerinnen und Influencer sind also Teil des Problems. Sie können jedoch auch Teil der Lösung sein. Ute Kranz hat sich entschieden, in den nächsten Jahren weder beruflich noch privat zu fliegen. Auf ihrem Blog hat sie vor etwa zwei Jahren damit begonnen, sich kritisch mit manchen Auswirkungen unseres Reiseverhaltens auseinanderzusetzen und hofft damit kontroverse Diskussionen anzustoßen. „Wir brauchen einen anderen Lifestyle. Ich bin inzwischen optimistisch, dass sich in den Köpfen der Blogger und Reisenden viel bewegt.“, so Ute Kranz. Reisen sollte nicht als Statussymbol verstanden werden, für das man Lob und Anerkennung in den sozialen Medien sammelt. Die Bloggerin empfiehlt: Statt auch im Urlaub darauf bedacht zu sein, den schönen Schein zu wahren und anderen zu gefallen, sollte man den Moment genießen. Denn der schöne Schein mag zwar für Likes sorgen, schafft jedoch keine einzigartigen Erlebnisse und Erinnerungen.

Tania und Marcelo setzen auf Instagram gezielt Geotags, um neue und vielfältige Perspektiven auf denselben Ort aufzuzeigen. Sie beschönigen bewusst nicht, was sie vor Ort erleben – auch wenn das manchmal bedeutet, kritisch zu hinterfragen auf welche Art und Weise, der Tourismus in manchen Regionen entwickelt wurde. Ihren Followern und anderen Reisenden raten sie, sich nicht hinter dem Smartphone zu verstecken, sondern die Begegnungen mit den Menschen vor Ort zu suchen. Statt nur ästhetische Bilder in den sozialen Medien zu posten, sollten Reisende teilen, was sie von ihren Begegnungen lernen und was sie unterwegs persönlich bewegt. 

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