Virtuelle Reisen

Die Welt zu Gast im eigenen Wohnzimmer

Lea Thin
virtuelles reisen
© Simon Migaj - Unsplash

Durch die COVID-19 Pandemie sind nicht nur die Gesundheitssysteme vieler Staaten überlastet, auch die Reisebranche hat zu kämpfen. Viele Menschen sind auf Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen, und dennoch sind Einschränkungen beim Reisen derzeit notwendig, um Gäste wie Angestellte zu schützen. Ein virtuelles Reiseangebot kann Tourismusanbietern dabei helfen, auch in der Krise zumindest ein geringes Einkommen zu erzielen. Virtuelle Reisen machen Erfahrungen und Begegnungen möglich – auch ohne selbst vor Ort zu sein.

Virtuelle Alternativen für den geplatzten Urlaub

Um den Spagat zwischen Reiselust und #stayhome zu meistern, zeigen sich Reiseanbieter derzeit kreativ: Damit Reisefreudige nicht auf andere Kulturen, Sehenswürdigkeiten und spannende Aktivitäten verzichten müssen, haben viele ihr Angebot kurzerhand auf virtuelle Entdeckungen ausgelegt. Dabei müssen virtuelle Reisen nicht unbedingt nur ein Lückenfüller sein. Die innovativen Ideen haben auch das Potenzial, touristische Angebote langfristig zu verändern und eröffnen neue Chancen:

1. Unmögliche Reisen möglich machen 

Virtuelle Reisen bieten Kultur- und Naturliebhaber*innen die einzigartige Möglichkeit, Länder zu entdecken, die sonst nur schwer bereist werden könnten. So können Interessierte auch während eingeschränkter Reisemöglichkeiten einen authentischen Einblick in gesellschaftliche und politische Realitäten von Regionen erhaschen, die in Deutschland hauptsächlich für ihre Krisen und Konflikte bekannt sind. Ein Anbieter, der solche Orte seit Ausbruch der Pandemie auch virtuell auf die Reiseroute setzt, ist Alsharq. Die politischen Studienreisen in die WANA-Region (Westasien/Nordafrika) finden nun über live Videoschaltungen statt. Mit im Portfolio ist etwa eine Reise nach Afghanistan zu Künstler*innen im Exil, eine Wanderung in Irak-Kurdistan, um mehr über die aktuelle Konfliktlage zwischen PKK und türkischer Armee zu erfahren sowie eine Tour zu einer Quelle, an der Verteilungskämpfe zwischen Israel und Palästina stattfinden. Doch nicht nur schwer zugängliche Regionen werden auf diese Weise bereisbar. Auch Menschen, die sonst nur schwer Zugang zu Reisen haben, profitieren von den online Angeboten. So kann der virtuelle Raum ein Ort für Begegnungen zwischen Menschen sein, die physisch nicht aufeinander treffen könnten - etwa Personen mit Behinderungen, Kranke oder aber Menschen, die aufgrund ihres Passes keine uneingeschränkte Reisefreiheit haben.

2. Nachhaltige Reiseanbieter durch die Krise bringen

Während Kreuzfahrtgiganten und Bettenburgen aktuell ihre Konzepte des Massentourismus überdenken müssen, sind die Hoffnungen groß, dass die Krise eine Transformation hin zu nachhaltigerem Reisen bewirkt. Voraussetzung dafür ist, dass gerade die Unternehmen die Krise überstehen, die bereits jetzt Wert auf nachhaltige Tourismuskonzepte legen. So bietet beispielsweise das neuseeländische Social Business GOOD Travel zur Überbrückung der Corona-Einschränkungen virtuelle Reisen an. Das Unternehmen will Tourismus nicht nur nachhaltig gestalten, sondern mit ihm den Menschen und der Umwelt auch etwas zurückgeben. Die Reisenden hören auf ihren Online-Touren Geschichten der lokalen Partner*innen und erfahren, wie sie diese in der Krise unterstützen können. In einer begleitenden Kampagne präsentiert das Unternehmen unter dem Hashtag #virtualtravel besonders nachhaltige Aktivitäten, Unterkünfte und Tourismusanbieter und wirbt damit kostenfrei für deren Fortbestand. Ein anderes Beispiel ist der Münchner Veranstalter Hauser Exkursionen. Der nachhaltigkeitszertifizierte Reiseveranstalter bietet virtuelle Exkursionen in Form von Online-Vorträgen an, etwa um sich im Rahmen eines „Stay Home & Travel Later“ Gutscheins auf den nächsten physischen Trip vorzubereiten. Der Erlös für die virtuellen Vorträge kommt dabei in vollem Umfang bei den Reiseleiter*innen, Referent*innen und lokalen Partner*innen an.

3. Perspektiven für Tour Guides schaffen

Für viele Locals ist die Beschäftigung als Tour Guide eine attraktive Möglichkeit, am Tourismus mitzuverdienen. Gleichzeitig sind es gerade diese lokalen Führungen, die Reisen besonders authentisch und wertvoll machen. Aufgrund der Corona-Reisebeschränkungen leiden nicht nur die Guides selbst durch den wirtschaftlichen Einbruch, sondern auch ihr gesellschaftlicher Beitrag liegt auf Eis: die Verständigung zwischen Menschen, Kulturen und Nationalitäten. Um Guides auch während der Krise eine Plattform für ihre wichtige Arbeit zu geben und zeitgleich eine Möglichkeit für einen kleinen Nebenerwerb zu ermöglichen, bietet Airbnb lokalen Reiseführer*innen die Möglichkeit, ihre Touren virtuell zu vermarkten. Mit dabei sind beispielweise Petz und Khun Jaa, Kabaretttänzerin und Kathoey. Als Kathoey bezeichnen sich in Thailand transsexuelle Männer, Personen eines dritten Geschlechts oder feminine homosexuelle Männer. Die beiden Guides aus Bangkok geben interessierten Teilnehmer*innen in einer dreistündigen Online-Sitzung Einblicke in die Transgender-Kultur Thailands. Petz und Khun Jaa vermitteln dabei grundlegende Kenntnisse über Transsexualität in Thailand, von Vokabeln bis hin zu medizinischen Fragen und hoffen, dass sie so weiter dazu beitragen können, Missverständnisse und Vorurteile gegenüber Transgender-Personen zu beseitigen. Auch Richard aus Südafrika veranstaltet seine Führungen nun online. Als Aktivist und Zeitzeuge gibt er persönliche Einblicke in die Geschichte der Apartheid in Südafrika und teilt seine Erfahrungen und Erlebnisse. Dabei spricht er über Rassentrennung, Diskriminierung und Marginalisierung und darüber, wie das Apartheidsystem die Menschen und die Stadt Kapstadt geprägt hat. Seit die politischen Bildungsführungen vor Ort nicht mehr stattfinden können, präsentiert der ausgebildete Guide Kapstadts Sehenswürdigkeiten, Kulturerbestätten und architektonische Wunder auf dem Bildschirm.

Virtuelle Reisen-  eine echte Alternative?

Obwohl sie bislang noch recht improvisiert daherkommen, haben die neuen Reiseformate auf dem Bildschirm einiges zu bieten. Virtuelles Reisen ermöglicht es Anbietern, neue Zielgruppen zu erreichen und auch Orte erlebbar zu machen, die sonst nicht ohne weiteres zugänglich wären. So können etwa Vorurteile gegenüber Regionen aufgebrochen werden, die aufgrund aktueller Krisen und Konflikte nicht bereist werden können. Der virtuelle Raum kann als Ort für Begegnungen zwischen Menschen genutzt werden, die sonst nicht verreisen können oder dürfen. Zudem können virtuelle Touren ein Instrument für politische Bildung sein und langfristig Eingang in die Lehrpläne von Schulen und anderer Bildungseinrichtungen finden. 

Trotz dieser Chancen werden virtuelle Touren physische Reisen vermutlich nicht komplett ersetzen können. Das persönliche Aufeinandertreffen, das andere Klima, das Essen, das Riechen des Meers oder das Wandern durch den Urwald können über den Laptop nicht auf die gleiche Weise erlebbar gemacht werden. Zudem können virtuelle Reisen nur zu einem Bruchteil des Preises einer physischen Reise angeboten werden. Anbieter können also wirtschaftlich nicht alleine von ihnen überleben und werden auch künftig auf Reisende angewiesen sein, die mit Bus, Bahn oder Flugzeug anreisen. Als Überbrückung oder zur Vorbereitung auf eine aktuell nicht durchführbare Reise, aber sind sie ein echtes Angebot.

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