Tourismus bei 48 Grad

Interview mit Susanne Becken, Professorin für nachhaltigen Tourismus, Griffith University, Australien

Von Christina Kamp
Strand-Fales auf Samoa
© Susanne Becken

Rekordverdächtige Temperaturen von über 48 Grad Celsius wurden diesen August auf Sizilien gemessen. Fast zeitgleich warnte der Weltklimarat (IPCC) im ersten Teil seines neuen Sachstandsberichts: Extremwetterereignisse werden sich häufen. Was die Erderwärmung für den Tourismus bedeutet, fragten wir Susanne Becken, Professorin für nachhaltigen Tourismus an der Griffith University in Queensland, Australien.

TW: Aus dem neuen IPCC-Bericht lernen wir, dass sich eine Erderwärmung um 1,5 Grad Celsius wohl nicht mehr verhindern lässt. Auch die international vereinbarte Zwei-Grad-Marke steht auf dem Spiel. Wie wird sich das auswirken, vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika?

Susanne Becken: Wir leben bereits mit dem Klimawandel: mit steigenden Temperaturen, Veränderungen im Wasserzyklus und der Zunahme extremer Wetterereignisse. Doch die machen sich in verschiedenen Teilen der Welt auf unterschiedliche Weise bemerkbar – und mit unterschiedlichen Folgen. Zum Beispiel heißt es im IPCC-Bericht, dass der Anteil an tropischen Wirbelstürmen der Stärke 3 bis 5 zugenommen habe. Viele Entwicklungsländer – oft Inselstaaten – befinden sich in der Wirbelsturm-Zone. Die Zerstörungen können jahrelange Entwicklungsbemühungen zunichtemachen. Zunehmende Starkregen sind immer wahrscheinlicher, ebenso wie extreme Hitze, Dürren und Waldbrände.

TW: Was bedeutet das für die Zukunftsfähigkeit des Tourismus im Globalen Süden?

Susanne Becken: Natürlich trifft dies schließlich auch den Tourismus. Ein großer Teil der Tourismus-Infrastruktur befindet sich an Küsten, wo steigende Meeresspiegel ein großes Problem sind. Eine aktuelle Studie aus Thailand zeigt, dass dort in einem Szenario mit hohen Emissionen 23 von 51 Sandstrand-Zonen verschwinden könnten.

Für Unternehmen verursachen die Folgen des Klimawandels höhere Betriebskosten. Stromrechnungen für die Klimatisierung werden höher ausfallen, Versicherungsgebühren werden ebenso steigen wie Sanierungskosten und es kommt zu Störungen der Betriebsabläufe.

TW: Wie müssten touristische Angebote in diesen Regionen angepasst oder neu ausgerichtet werden?

Susanne Becken: Die Sicherheit der Gäste und deshalb die Katastrophenvorsorge ist natürlich von zentraler Bedeutung. An einigen Orten kann das Tourismusgeschäft z.B. aufgrund extremer Hitze unrentabel werden. Oft verschärft der Klimawandel andere Probleme wie die Verfügbarkeit von Trinkwasser, die auch mit der Übernutzung von Ressourcen und schlechtem Management zu tun haben.

Es gibt viele Vorschläge, wie Anpassung aussehen könnte. Dazu gehört zum Beispiel die Entwicklung wetterunabhängiger Produkte oder die Gestaltung von Hotelanlagen, die viel Schatten spenden und sich auf natürliche Weise belüften lassen. Im Tourismus muss noch viel getan werden, um besser angepasst und vorbereitet zu sein.

TW: Mit welchen Veränderungen beim Reiseaufkommen müssen diese Regionen rechnen?

Susanne Becken: In den Destinationen könnte es zu einem Rückgang der Nachfrage kommen, zum Beispiel aufgrund hoher Temperaturen, einer Zunahme von Infektionskrankheiten oder Katastrophenrisiken. In den Herkunftsländern können die Auswirkungen des Klimawandels die Reisemöglichkeiten der Menschen beeinträchtigen, wenn zum Beispiel der Wohlstand und das verfügbare Einkommen abnehmen.

Da viele Länder im Globalen Süden vom Langstreckentourismus abhängig sind, betrifft sie das sehr. Ich bin recht skeptisch was Fernreisen angeht. ‘Flugscham‘ wird es weiterhin geben. Einige Menschen werden immer reisen wollen, auch wenn es wegen der Klimakosten weniger werden. Dafür bleiben sie vielleicht länger vor Ort und verbinden Arbeit und Freizeit. Durch die Pandemie wollen die Menschen mehr Zeit in der Natur verbringen. Auch das ist eine Gelegenheit für Anbieter, neue Produkte zu entwickeln.

Bei allen Veränderungen im Tourismus – insbesondere in Folge der Pandemie – muss man nicht nur die zukünftigen Klimabedingungen im Blick haben. Der Tourismus muss nachhaltig und inklusiv sein, darf nur wenig Emissionen verursachen und muss eine hohe Resilienz aufweisen.

TW: In vielen Teilen der Welt brennen Wälder, andere Regionen kämpfen mit den Folgen von Starkregen oder Wirbelstürmen. Wie sinnvoll ist der kostspielige Wiederaufbau von Tourismusstrukturen nach solchen Klimakatastrophen?

Susanne Becken: Da kommt der Gedanke an die ‘Grenzen der Anpassung’ in den Sinn. Es ist nun an der Zeit, zu überdenken, ob es besser ist, wieder aufzubauen oder ob nicht ein geordneter Rückzug ratsamer ist. Die neuseeländische Regierung bietet Unterstützung zur Diversifizierung und zum ‘Ausstieg’ an, doch es gibt nur wenige Länder, die strategisch berücksichtigen, dass der Tourismus der Zukunft anders aussehen und vielleicht ein geringeres Volumen haben könnte.

Der IPCC-Bericht könnte ein kritisches Nachdenken darüber befördern, was wieder aufgebaut werden sollte und wenn ja, wie. Zum Beispiel in Form von erhöhten und stabileren Konstruktionen, die auch steigenden Meeresspiegeln und Wirbelstürmen standhalten. Hotels sollten mit erneuerbaren Energien versorgt werden, über Wasserspeicher verfügen, etc. Das erhöht natürlich die Kapitalkosten und es kann sein, dass Investoren Projekte nicht mehr als lohnenswert erachten werden.

Konventionelle Hotels sind oft sehr billig gebaut und nach einem Standard-Modell, das nicht gut lokal angepasst ist. Kleinere Strukturen und Entscheidungen in Händen der Gemeinschaften vor Ort könnten ein besserer Ansatz sein. Das würde zu weniger, aber vielleicht zu besserem Tourismus führen. Die Strand-Fales auf Samoa sind ein gutes Beispiel. Diese Strandhäuser ohne Außenwände sind nicht teuer, können nach einem Sturm leicht neu aufgebaut werden und gehören normalerweise Einheimischen.

TW: Haben die Reisebeschränkungen in der Coronakrise zum Klimaschutz beigetragen und was lässt sich daraus lernen?

Susanne Becken: Natürlich sind die Emissionen aufgrund des reduzierten Reiseverkehrs zurückgegangen. Doch diese Verringerung wird im Urlaubsreiseverkehr kaum von Dauer sein. Die Menschen haben aber auch die Naherholung für sich entdeckt und einiges davon könnte sich auch in Zukunft halten.

Für Länder des Südens bedeutet das, dass sie sich neu orientieren und auf näher gelegene Herkunftsmärkte konzentrieren sollten. Viele Tourismusunternehmen haben angefangen, mit Schulen zusammenzuarbeiten oder anderweitig zu diversifizieren. Einige sind neue Partnerschaften eingegangen. Kreativität wird von zentraler Bedeutung sein, und nicht zu selbstgefällig darauf zu setzen, dass der Tourismus zum Massengeschäft zurückkehren wird. Corona ist ein Anstoß, alle Aspekte des Tourismus zu überdenken – angesichts der noch viel größeren Herausforderung, die wir vor uns haben: dem Klimawandel.

Susanne Becken
© Susanne Becken

Susanne Becken

 

Susanne Becken ist Professorin für nachhaltigen Tourismus an der Griffith University in Queensland, Australien.

 

 

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