Online – Offline

Sexualstraftaten in sozialen Medien und auf Reisen
Josephine Hamann und Mechtild Maurer
Kinder am Computer
© Frank Schultze - Brot für die Welt

Suchten sich reisende Sexualstraftäterinnen und -täter ihre Opfer früher meist direkt vor Ort, eröffnet ihnen das Internet heute neue Zugänge. Durch ‘Cyber-Grooming‘ über soziale Medien bauen sie gezielt Kontakte zu Kindern und Jugendlichen auf. Sie erschleichen sich ihr Vertrauen, um sexuellen Missbrauch online oder bei realen Treffen anzubahnen. Täterinnen und Täter suchen ihre Opfer auch in fernen Ländern auf, um sie zu vergewaltigen oder auszubeuten, in der Annahme, dass das Aufdeckungsrisiko dort gering sei.

Für die Wahl ihres Fernreiseziels sei schnelles Internet vor Ort mit ausschlaggebend gewesen, sagten inhaftierte deutsche Sexualstraftäter in Kambodscha 2016 in Interviews für eine Studie von ECPAT Deutschland e.V. Inzwischen nutzen Täterinnen und Täter sehr gekonnt alle Möglichkeiten, die neue Technologien und soziale Medien ihnen bieten – online wie offline.

Soziale Medien ermöglichen Kontakt

Über das Internet ist die Kontaktanbahnung direkt zu Kindern oder auch über Dritte relativ leicht geworden. Täterinnen und Täter nutzen oft falsche Identitäten und tummeln sich in Chatrooms und Games, die sich speziell an Kinder und Jugendliche richten. Über soziale Netzwerke bauen sie langfristige Beziehungen auf, um Kinder und Jugendliche online zu manipulieren und sexuellen Missbrauch zum Beispiel per Livestream zu erzwingen. Mit den so erstellten Missbrauchsdarstellungen wie Fotos oder Videos erpressen die Täterinnen und Täter die Kinder oft über einen langen Zeitraum hinweg und zwingen sie zu weiteren sexuellen Handlungen.

Das Internet vergisst nichts

In der Regel geben sich die Täterinnen und Täter nicht mit sexueller Gewalt allein zufrieden, sondern dokumentieren darüber hinaus ihre Taten. Foto- und Videomaterial des sexuellen Missbrauchs von Kindern werden gesammelt, getauscht, für viel Geld verkauft oder ins Netz gestellt. Mit der erneuten und fortgesetzten sexuellen Ausbeutung über digitale Medien geraten die betroffenen Kinder und Jugendlichen weiter in die Abhängigkeit. Je länger sie diese sexuelle Gewalt erleiden müssen, umso schwerer wird es für sie, ihren Peinigern zu entkommen. Auch Jahre nach den Taten werden die Opfer immer wieder mit diesen Situationen konfrontiert, was die therapeutische Behandlung erschwert.

Sexuelle Gewalt sowohl Online als auch Offline

Ist der Kontakt zu den Kindern aufgebaut, bringen viele Täterinnen und Täter erfolgreich den Wohnort ihrer Opfer in Erfahrung. Dann steht ihnen nichts mehr im Weg, sich mit ihnen zu treffen. Oft werden Treffen auch durch Dritte arrangiert, denen die Opfer vertrauen. Die Reisen zur Ausübung sexueller Straftaten gegen Kinder beschränken sich schon lange nicht mehr auf wenige als einschlägig geltende Fernreiseziele. Sexualstraftäterinnen und -täter nutzen die Anonymität im Internet und in der Fremde gezielt aus. Sie bedienen sich der Vielfalt der touristischen Infrastruktur, nehmen Billig- oder Linienflieger, Bahn oder Bus, Auto oder Wohnmobil. Sie wählen als Tatorte Hotels, Ferienwohnungen und immer öfter auch Airbnb-Unterkünfte. Bereits in den neunziger Jahren wurde bekannt, dass sich ‘Sugar Daddys‘ auf den Philippinen gerne bei Familien mit Kindern einmieteten. Heute erleichtern Internetportale die Buchbarkeit von Privatunterkünften.

Strafverfolgung im In- und Ausland

Sexueller Missbrauch und Missbrauchsdarstellungen stehen in Deutschland weitreichend unter Strafe. Im Frühjahr 2019 ging in Freiburg ein großes Strafverfahren gegen mehrere Sexualstraftäter mit hohen Haftstrafen zu Ende. Sie hatten die sich im Internet und im Darknet mit einer Mutter und deren Freund verabredet, um deren Sohn zu vergewaltigen. Einige der Täter waren aus anderen europäischen Ländern angereist. Laut Polizei wurden die Taten unter anderem in Ferienwohnungen verübt.

In Vietnam wurde ein 45-jähriger wegen sexualisierter Gewalt an zwei Jungen zu fünf Jahren Haft verurteilt, berichteten vietnamesische Zeitungen Mitte Januar 2016. Der Täter war als Tourist eingereist, hatte sich dann in Vietnam niedergelassen und in einer Schule gearbeitet. Mit Hilfe einer Übersetzungs-App war es ihm gelungen, mit den Jungen zu kommunizieren, um sie dann in einem Apartment mehrmals sexuell zu missbrauchen.

Prävention tut Not

Um Kinder und Jugendliche wirksam zu schützen, bedarf es Aufklärung und Sensibilisierung. Noch zu wenige Staaten verfügen über zeitgemäße Kinder- und Jugendmedienschutzgesetze. Es braucht Gesetze, die Unternehmen in die Verantwortung nehmen und berücksichtigen, dass in vielen Teilen der Welt Kinder und Jugendliche über internetfähige Mobilgeräte verfügen und über soziale Medien kommunizieren.

Bisher ist es immerhin schon punktuell gelungen, Großunternehmen wie Facebook oder Google zur Einführung von Schutzmaßnahmen und zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Auch die Tourismusbranche muss sich der Prävention im Bereich der sexuellen Gewalt mittels digitaler Medien und übers Internet stärker annehmen. Das gilt insbesondere für Hotels, Ferienwohnungsportale, Vermittler von Privatunterkünften, Campingplatzbetreiber und deren jeweiligen Interessenvertretungen, die noch kaum Maßnahmen zum Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt umgesetzt haben. Dabei gibt es gerade von einigen Hotels bzw. internationalen Hotelketten beispielhafte Konzepte, die einfach zu adaptieren wären.

Reisende können ebenfalls zum Schutz von Kindern und Jugendlichen beitragen, indem sie über das Meldeportal “Nicht wegsehen“ verdächtige Situationen in Deutschland und im Ausland melden und indem sie bei ihren Buchungen Tourismusbetriebe bevorzugen, die den Schutz der Kinder ernst nehmen.

Josephine Hamann arbeitet seit Mitte 2018 als Projektkoordinatorin bei der Kinderschutzorganisation ECPAT und ist für die Unternehmensbegleitung im Tourismus zuständig. Mechtild Maurer ist langjährige Geschäftsführerin von ECPAT Deutschland e.V.

Redaktionelle Bearbeitung von Christina Kamp.

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