Madagaskar: Aus dem Schatten heraustreten

Fortschritte für Frauen im Tourismus

Von Miora Rapatsalahy
Madagaskar Boot auf Fluss
© Antonio Sanchez_Unsplash

Frauen in Madagaskar können großartige Unternehmerinnen sein, mit einem sehr starken Willen und Mut. Sie sind sich bewusst, dass sie das Überleben ihrer Familie sichern müssen. Sie können selbst Beschäftigung schaffen oder Jobs finden: in Kleinunternehmen, in der Gastronomie, in der Produktion und dem Verkauf von Kunsthandwerk oder in der Landwirtschaft – Aktivitäten, die im engeren oder weitesten Sinne mit der Tourismusbranche in Verbindung stehen.

Madagaskar hat eine Bevölkerung von 28 Millionen Menschen, von denen 80 Prozent auf dem Land leben. Unser Tourismussektor trägt sieben Prozent zum BIP bei. Er stellt etwa 44.000 direkte und 1,5 Millionen indirekte Arbeitsplätze. Der Tourismus in Madagaskar basiert immer noch auf Massentourismus, entsprechend den Zielsetzungen der Regierung. In der Regel ist es Strand- und Erholungstourismus oder Reisende wollen Flora und Fauna kennenlernen. Einige wenige Veranstalter bieten spezialisierte Formen von Tourismus an, wie z.B. Naturbeobachtungen, Kulturtourismus oder ländlichen Tourismus. Nachhaltiger Tourismus ist noch immer weitgehend unbekannt.

Wenn wir über Tourismus sprechen, geht es nicht nur um Hotels oder touristische Angebote und Aktivitäten, sondern um die gesamte Wertschöpfungskette. Wir sprechen hier von Aktivitäten, die eng miteinander verbunden sind. Bäuerinnen und Bauern sind ebenso beteiligt wie Handwerker, Fahrer, Guides, Zimmerpersonal und Kellnerinnen und Kellner, aber auch das Management von Hotels oder Reiseveranstaltern. Frauen spielen viele, vielfältige und wichtige Rollen in diesem Sektor, wenn sie auch oft nicht besonders herausstechen. Sie haben ihren Platz "hinter dem Vorhang". Frauen und Mädchen sind besonders zahlreich in informellen "Überlebens-"Aktivitäten. Im informellen Sektor ist die Mehrheit der selbständig Beschäftigten weiblich.

Anhaltende Ungleichheiten

Aufgrund historischer, kultureller, sozio-ökonomischer und politischer Faktoren besteht die mangelnde Gleichberechtigung der Geschlechter in unserem Land fort. Frauen sind weiterhin stärker von Armut, Diskriminierung und Ausbeutung betroffen als Männer. Sie sind vom wirtschaftlichen und politischen Leben weitgehend ausgeschlossen. Oft leiden sie noch immer unter der Last von Vorurteilen und sozio-kulturellen Normen, die sie in ihrem Ehrgeiz zurückhalten. Das gilt vor allem in den Städten, wo man Macht und Beziehungen braucht, um einen guten Job zu bekommen. Männer bevorzugen Männer, wenn es um die Besetzung von Stellen geht. Es herrschen immer noch Stereotype und Vorurteile, nach denen Frauen als schwach und emotional gelten und angeblich keine Managementfähigkeiten haben.

Erfahrungen als Unternehmerin

Es braucht einen starken, kämpferischen Charakter, um in einem vorwiegend männlich geprägten Umfeld berücksichtigt zu werden. Ich bin selbst Managerin eines Reiseveranstalters in Antananarivo, spezialisiert auf „maßgeschneiderte“ Programme, aber insbesondere auf verantwortlichen und Solidaritätstourismus. Als ich das Unternehmen im September 2010 gründete, war das sehr schwierig. Als Frau, die zudem auch recht jung erscheint, wurde ich von meinen Gesprächspartnern oft nicht ernst genommen. Sie hielten mich für zu visionär, für unfähig und hatten kein Vertrauen in mich. Doch inzwischen habe ich mir das Vertrauen erarbeitet, durch Leidenschaft, Durchhaltevermögen und viele Aktivitäten mit Menschen unterschiedlicher Hintergründe und aus verschiedenen Kulturkreisen. Ich engagiere mich für die enge Verknüpfung von Tourismus und lokaler Entwicklung, für den Schutz der Umwelt und den Wert der Frauen.

Frauen im Tourismussektor

In den vergangenen Jahren hat sich die Situation der Frauen jedoch stark geändert. Es gab Verbesserungen hinsichtlich der Stellung der Frauen in der Gesellschaft und insbesondere im Tourismus. Es gibt nicht mehr diese Konkurrenz zwischen Männern und Frauen und diese Dominanz der Männer. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind heute weitaus mehr Frauen beschäftigt als Männer und das in allen Kategorien und in allen Arten von Beschäftigung. Frauen sind in der Tourismusbranche überall präsent. Der Tourismus bietet ihnen Möglichkeiten, in verschiedenen Bereichen auf ihre jeweils eigene Weise aktiv zu sein. Sie erschließen sich kleine Jobs, wie z.B. in der Gastronomie oder an der Rezeption.

Auch in ländlichen Gegenden entwickeln Frauen mehr und mehr Aktivitäten und produzieren z.B. Kunsthandwerk oder Kleidungsstücke. Neben ihrer Hausarbeit, die ihnen automatisch zugewiesen wird, übernehmen sie immer mehr Tätigkeiten, die bisher Männern vorbehalten waren, z.B. in der Landwirtschaft. Sie kümmern sich um ihren Haushalt und ihre Familien und zusätzlich sind sie sich ihrer Verantwortung bewusst geworden, ihren Anteil zum Familieneinkommen beizutragen. Denn insgesamt ist die Überlebenssituation in Madagaskar prekär. Unsicherheit gab es in Madagaskar zwar schon immer, doch durch die Corona-Pandemie hat sie sich noch verschärft. Die gesamte Wirtschaft liegt am Boden und viele Angehörige der Mittelschicht haben ihre Arbeit verloren. 

Frauen werden heute leichter akzeptiert und können zunehmend freier entscheiden, was sie tun wollen. Allerdings werden sie immer noch nicht ausreichend anerkannt und ihr Potenzial wird nicht weiterentwickelt, denn sie bleiben mit ihrer Arbeit oft im Schatten. Im Tourismus arbeitende Frauen erleben nicht die gleiche Benachteiligung wie Frauen in anderen Bereichen, die weiterhin von Männern dominiert werden. Ganz im Gegenteil, Frauen spielen im Tourismus heute eine wichtige Rolle – als Gründerinnen, als Direktorinnen, als Managerinnen. Es ist die Wertschätzung, an der es aber immer noch fehlt.

Wege aus der Krise

Durch die Pandemie sind wir jetzt in einer sehr schwierigen Lage. Von der Regierung gab es zu keinem Zeitpunkt Hilfe oder Pläne für eine Erholung oder Wiederbelebung der Wirtschaft in Madagaskar. Die finanzielle Situation bleibt sehr problematisch, im Tourismussektor, in den Unternehmen und für uns persönlich.

Ich habe mich für verschiedene Fortbildungsprogramme eingeschrieben und mich in Workshops und Komitees beteiligt, die zu Unternehmensverantwortung, Umwelt und der Entwicklung ländlicher Gemeinschaften arbeiten. Das sind alles ehrenamtliche Aktivitäten, aber ich konnte meine Zeit in diesen zwei Jahren gut ausfüllen. Ich habe viel gelernt und meine Netzwerke erweitert. 

Insgesamt haben sich in der Pandemie die Aktivitäten von Frauen auch gerade in ländlichen Gebieten gut entwickelt, denn sie waren gezwungen, Alternativen zu finden, um ihren Männern zu helfen, ein Haushaltseinkommen zu erwirtschaften. Sie erschlossen sich Tätigkeiten in ihrem direkten Umfeld, lernten vom Wissen der Älteren und passten vor Ort existierende Produkte an. Es entstehen jetzt immer mehr Gruppen, Vereine und Frauenbewegungen – auch im Tourismussektor.

Miora Rapatsalahy
© Miora Rapatsalahy

Miora Rapatsalahy ist Gründerin und Managerin von Tour Malin Madagascar, einem Reiseveranstalter mit Schwerpunkt auf verantwortlichem und Solidaritätstourismus in Antananarivo, Madagaskar.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp
 

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