Kein langfristiger Plan für Lakshadweep

Tourismus auf untergehenden Inseln

Von Sumesh Mangalassery und Suma T. R.
Insel im Meer
© Anuj Chauhan_Unsplash

Proteste von Einheimischen aus Lakshadweep gegen ein geplantes Tourismusprojekt haben kürzlich in Indien für Schlagzeilen gesorgt. Sie finden Unterstützung in der Wissenschaft, die vor den gravierenden Auswirkungen des Klimawandels warnt. Die Inseln zu schützen, statt sie zusätzlichen Risiken auszusetzen, ist das Gebot der Stunde.

Die Inselgruppe Lakshadweep im Arabischen Meer besteht aus sehr kleinen Inseln – den Lakkadiven, den Amindiven und der Insel Minicoy. Zehn dieser Inseln werden von etwa 65.000 Menschen bewohnt. Lakshadweep ist das kleinste der Unionsterritorien Indiens und liegt 200 bis 440 km vor der Westküste. Am 31. Juli 2021 schrieb die Verwaltung von Lakshadweep ein großes Tourismusprojekt nach ''maledivischem Muster“ international aus.

Zugleich warnt der Weltklimarat (IPCC) vor gravierenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Ökosysteme der indischen Küsten. Sie sind von steigenden Meeresspiegeln, Wirbelstürmen, steigenden Luft- und Oberflächentemperaturen und Veränderungen der Niederschlagsmuster bedroht. Die Erwärmung der Ozeane könnte zu häufigeren und höheren Flutwellen und Überschwemmungen der niedrig gelegenen Gebiete führen.

Rote Flagge für die nahe Zukunft

Nach einer aktuellen Studie werden die Meeresspiegel um Lakshadweep um 0,4 bis 0,9 mm pro Jahr steigen. Die schlimmstmöglichen Überflutungsszenarien, die für die Inselgruppe prognostiziert werden, sind unter verschiedenen Emissionsszenarien fast identisch. Mit einer Höhe von nur etwa zwei Metern über dem Meeresspiegel sind die Inseln sehr verwundbar. Die Inselbevölkerung und ihre Kulturen sind bedroht. Eine Abwanderung von Bewohnerinnen und Bewohnern abgelegenerer Inseln wird zu raschem Bevölkerungswachstum in den Hauptzentren und zu einer Verknappung von Wohnraum führen.

Lakshadweep ist reich an mariner Biodiversität und wurde von der Weltnaturschutzunion (IUCN) zu einem der 50 'Hope Spots' der Welt erklärt, die besonders geschützt werden müssen. Im Januar 2020 schrieben 114 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von über 30 indischen Universitäten und Forschungsinstituten an die Verwaltung von Lakshadweep und baten sie, das überdimensionierte Tourismusprojekt angesichts der möglichen Umweltauswirkungen aufzugeben. Sie schrieben, das Projekt könnte Katastrophen verschlimmern und den Druck auf die einheimische Bevölkerung erhöhen, die bereits unter den Auswirkungen des Klimawandels leidet.

Entwicklung für wen?

Vor der Genehmigung von Großprojekten muss eine Umweltverträglichkeitsprüfung (EIA) erfolgen und der Bericht muss der Öffentlichkeit zur genauen Prüfung präsentiert werden. Dies ist noch nicht geschehen. Trotz all der vorgebrachten Bedenken verfolgt die Verwaltung weiter ihre Pläne für eine öffentlich-private Partnerschaft zum Bau von 230 Strand-Villas und 140 Wasser-Villas auf den Inseln Suheli, Minicoy und Kadmat.

Der bereits existierende und sehr beschränkte Tourismus in Lakshadweep wird von einer Gesellschaft namens ‘SPORTS‘ organisiert, unter Beteiligung von mehr als 600 Inselbewohnerinnen und -bewohnern, die in den Hotels und Restaurants oder als Guides und Wassersportlehrerinnen und -lehrer arbeiten. Die Lokalverwaltung, SPORTS-Mitglieder und die einheimische Bevölkerung wurden bei der Planung des neuen Projekts nicht konsultiert. Nach den Projektunterlagen sollen die Inselbewohnerinnen und -bewohner Shareholder im Projekt werden, indem sie Grund und Boden für die Infrastruktur bereitstellen. Der Landbesitz der Insel-Bevölkerung beträgt jedoch weniger als einen Hektar pro Kopf und wird von Gewohnheitsrecht und staatlichen Gesetzen geregelt. Es besteht ein großes Risiko, dass das Projekt zu illegaler Landnahme führen wird und zu einer weiteren Marginalisierung lokaler Gemeinschaften.

Trinkwasser – eine knappe Ressource

Der Weltklimarat (IPCC) hat darauf hingewiesen, dass auf vielen kleinen Inseln Trinkwasser nur beschränkt verfügbar ist. Das gilt auch für Lakshadweep. Der Tourismus verbraucht erhebliche Mengen an Wasser und konkurriert mit der Wasserversorgung der Einheimischen und mit anderen wirtschaftlichen Aktivitäten. Er wird direkte Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen haben.

Das Grundwassersystem von Lakshadweep ist einzigartig. Unter der Oberfläche gibt es eine Sandschicht von etwa einem halben Meter. Etwa einen Meter darunter liegt eine Specksteinschicht. Zwischen dem Sand und den Specksteinen befindet sich die Frischwasserlinse. Es ist die einzige Trinkwasserquelle, die es auf den Inseln gibt. Die Einwohnerinnen und Einwohner entnehmen dieses Wasser traditionell durch ein Netzwerk an langen Brunnen, die über die Inseln verteilt sind. Sie wechseln in regelmäßigen Abständen von einem Brunnen zum nächsten, um eine Übernutzung und das Eindringen von Salzwasser zu vermeiden. Jede Veränderung dieser traditionellen Praxis, die nicht mit dem Grundwassersystem in Einklang steht, gefährdet das Überleben der einheimischen Bevölkerung.

Lakshadweep retten

Zusätzlich zum Wasserverbrauch werden die geplanten 5-Sterne-Resorts regelmäßig Materialien und Güter vom Festland transportieren müssen und dafür die entsprechende Infrastruktur brauchen. Das Projekt wird einen ökologischen und sozialen Fußabdruck haben, der viel zu groß ist, als dass ihn diese Inseln, Lagunen und Riffe verkraften könnten. Es ist unwahrscheinlich, dass eine so große Investition sich angesichts der düsteren Aussichten dieser Inseln wirtschaftlich rechnet. Denn alles, was dort gebaut wird, wird zunehmend extremen Wetterereignissen und steigenden Meeresspiegeln ausgesetzt sein.

Wenn jetzt nicht dringend gehandelt wird, um den Verlauf des Klimawandels zu ändern, werden wissenschaftlichen Studien zufolge die meisten der niedrigen Atolle wie Lakshadweep bis Mitte des Jahrhunderts unbewohnbar werden. Lakshadweep braucht dringend die Aufmerksamkeit der indischen Regierung, um Strategien zur Sicherung der Lebensgrundlagen der Bevölkerung zu entwickeln. Die Inseln brauchen Überlebensstrategien anstelle von Projekten, die den Niedergang beschleunigen werden.

Sumesh Mangalassery, leitet das Themenfeld Strategic Networking und Suma T. R. repräsentiert den Bundestaat Kerala und leitet das Themenfeld Protected Area, Communities and Tourism. Beide arbeiten bei EUQATIONS (Equitable Tourism Options), einer Nichtregierungsorganisation, die Forschungs-, Kampagnen- und Advocacy-Arbeit zu Tourismus und Entwicklung in Indien betreibt.

 

Weiterführende Artikel

Tourismus als sichere Lebensgrundlage?

Resilienz durch gemeindebasierten Tourismus
© Sreejith Nair

Die Corona-Krise stellt die Tourismuswirtschaft vor enorme Herausforderungen. In der Krise zeigt sich, welche Anbieter*innen und Unternehmen widerstandsfähig sind. Ein Bericht aus Indien.

Tourismus bei 48 Grad

Strand-Fales auf Samoa
© Susanne Becken

Der Klimawandel stellt die Zukunft des Tourismus in vielen Destinationen in Frage. Neben dem Klimaschutz ist Anpassung eine enorme Herausforderung.

Resilient, aber nicht nachhaltig?

Schild ,,we alle be okay - spread hope" an Eingangstür
© Tim Mossholder - Unsplash

Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, ist das neue Zauberwort. Damit dabei nicht einfach nur alte - im Tourismus sehr krisenanfällige Strukturen - zementiert werden, sollte jede Krise für Lernprozesse und Veränderungen genutzt werden.

Tourismus und das Menschenrecht auf Wasser

Laut der Welttourismusorganisation (UNWTO) soll Tourismus zur Bekämpfung der Armut beitragen. Dazu gehört auch - als eines der Millenniums-Entwicklungsziele - die Verbesserung des Zugangs zu sauberem Trinkwasser. Häufig geschieht jedoch genau das Gegenteil: Für viele Menschen bedeutet …

Protest gegen Flughafenbau auf den Malediven

Die „Landgewinnung“ für einen neuen Flughafen droht einem wertvollen Mangroven-Ökosystem unwiederbringlich die Zerstörung. Anwohner protestieren und fordern zum Unterzeichnen einer Petition auf.

Tourism Watch Newsletter: Die wichtigsten Hintergrundinfos alle 2-3 Monate per Mail.

Infoservice

Die wichtigsten Hintergründe alle zwei bis drei Monate im Abo Hier abonnieren