Interview mit Kasia Morgan von Tourism Declares

Die Tourismusbranche erklärt den Klimanotstand

Von Lea Thin
Tourism Declares
© Karsten Würth-Unsplash

Seit Januar 2020 ruft die Initiative Tourism Declares Reiseveranstalter und –organisationen dazu auf, den Klimanotstand zu erklären. Obwohl die Branche stark unter der Corona-Pandemie und dem Lockdown leidet, haben bislang bereits mehr als 200 Unternehmen die Erklärung unterzeichnet. Lea Thin hat für Tourism Watch mit Kasia Morgan gesprochen. Neben ihrer Rolle beim Tourism Declares Kommunikationsteam, ist sie auch Leiterin für Nachhaltigkeit bei Exodus Travels, einer der Gründungsorganisationen.

Die Initiative „Tourism Declares” wurde etwa zeitgleich zum Ausbruch der Corona-Pandemie ins Leben gerufen. Warum sollten Tourismusanbieter gerade jetzt dem Netzwerk beitreten?

Den Klimanotstand zu erklären ist ein Signal dafür, wie Unternehmen glauben, aus dieser Krise herauszukommen. Wir, die Tourismusbranche, müssen besonders mutig sein und uns auf die Herausforderungen des Klimawandels vorbereiten. Die Sichtbarkeit einer Pandemie, die alles zum Erliegen bringt, hat das nur allzu sehr verdeutlich. Ein Netzwerk wie Tourism Declares bietet Unternehmen die Gelegenheit zu lernen, wie sie nachhaltiger und resilienter werden können. Als Blaupause entwickeln wir im Laufe des Jahres eine Reihe von Klimaschutzplänen. Außerdem sind alle sogenannten “Climate Emergency Plans”, die jede:r Unterzeichner:in erstellen muss, offen auf unserer Website zu sehen. Auch sie enthalten großartige Inspirationen für Klimaschutzmaßnahmen.

Können Sie ein paar Beispiele für solche Maßnahmen nennen?

“Much Better Adventures” hat beispielsweise gerade seinen Plan veröffentlicht, der die Emissionskennzeichnung von Reisen enthält. Der Reiseveranstalter hat die CO2-Emissionen ihres gesamten Portfolios ermittelt und schlüsselt diese auf ihrer Webseite detailliert zu jeder einzelnen Reise auf. Auf diese Weise erkennen ihre Kund:innen auf einen Blick die Umweltauswirkung ihrer Reise, so dass sie sich für nachhaltigere Trips entscheiden können. Ein anderes Beispiel ist die „Responsible Safari Company“. Der Safarianbieter aus Malawi berechnet allen Gästen eine so genannte „Ökosystem-Servicegebühr“ von 1,5 Prozent, die direkt in den kommunalen Naturschutz fließt. Und „Sustainable Travel International“ arbeitet mit dem Tourismusbüro von Palau zusammen. Der pazifische Inselstaat ist nicht nur sehr ambitioniert dabei, das erste klimaneutrale Reiseziel der Welt zu werden, er ist mit seinen mehreren hundert Inseln auch äußerst anfällig gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels. Daher legt Palau großen Wert darauf, sein Ökosystem zu schützen.

Der Climate Emergency Plan ist eine freiwillige Verpflichtung. Wie überprüft Tourism Declares, dass Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden?

Die Initiative wurde in erster Linie ins Leben gerufen, um gemeinsam voneinander zu lernen und uns gegenseitig zu unterstützen. Bei der Unterzeichnung der Erklärung geht es also weniger um eine neue Verpflichtung als vielmehr um Unterstützung beim Aufbau eines nachhaltigeren Geschäfts. Wir wollen ein vertrauensvolles Umfeld schaffen, in dem wir uns gegenseitig verantwortlich fühlen, diese Pläne und unsere Fortschritte zu veröffentlichen, auch wenn wir manche Ziele nicht erreichen konnten. Ein Überwachungs- und Strafsystem wäre da kontraproduktiv.

Der Flugverkehr ist nach wie vor für einen Löwenanteil der Emissionen aus Reisen verantwortlich. Was kann der Tourismussektor tun, um diesen CO2-Fußabdruck zu reduzieren?

Unser Unternehmen bietet zum Beispiel Zugreisen statt Fliegen an. Damit helfen wir Kund:innen ganz konkret dabei, ihren CO2-Fußabdruck auf Reisen zu verringern. Das funktioniert natürlich nicht bei weiten Distanzen. Daher haben wir unser europäisches Portfolio erheblich ausgebaut, so dass nun ein Drittel unserer Destinationen auf Schienen erreicht werden kann.

Nach Palau wird es mit dem Zug aber schwierig…

Sicher, Destinationen selbst haben nur wenig Einfluss darauf, ob und wie der Luftverkehr seine Emissionen reduziert. Was sie aber tun können, ist, die Grundlage für Kohlenstoffspeicherung zu schaffen - zum Beispiel indem sie ihr Küstenökosystem erhalten, wie es Palau macht. Mit dem Erhalt ihrer biologischen Vielfalt stärken Reiseziele zudem ihre Resilienz gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels, die durch den Flugverkehr erzeugt werden.

Tourism Declares setzt sich für einen nachhaltigen Wiederaufbau der Tourismuswirtschaft nach COVID-19 ein. Was haben Destinationen aus dem Lockdown gelernt, um nicht wieder ins business as usual zurückzufallen?

Viele Konzepte für Reisen in einer Welt nach der Pandemie gehen Hand in Hand mit einem nachhaltigeren Tourismus. "Visit Scotland" bietet jetzt beispielsweise eine größere geografische Bandbreite an Reisezielen an und bewirbt Urlaub außerhalb der Saison, um Overtourism zu vermeiden. Das ist gut für die lokalen Ökosysteme, aber reduziert zeitgleich auch die Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus. Insgesamt haben Destinationen durch die Pandemie gelernt, dass auch sie von einem unerwarteten Ereignis, wie etwa einem Lockdown, getroffen werden können. So etwas könnte sich durch die Auswirkungen des Klimawandels wiederholen. Daher beginnen viele jetzt gezielt ihre Resilienz zu stärken. Wie die Thompson Okanagan Tourism Association in Britisch-Kolumbien. Das Unternehmen hat Berichte zu den Auswirkungen von COVID-19 auf die lokale Tourismusindustrie veröffentlicht, um Strategien für langfristige Widerstandsfähigkeit zu entwickeln.

Wird die Branche also nachhaltiger aus dieser Pandemie hervorgehen oder wird es doch eher eine Jagd nach dem schnellen Geld, um die leeren Kassen wieder zu füllen?

Ich denke, es wird leider eine Mischung aus beidem sein. Die Entwicklung wird stark von den Reisenden selbst bestimmt. Prognosen deuten darauf hin, dass viele Menschen einfach möglichst schnell und günstig in die Sonne fliegen wollen, sobald ein Urlaub wieder möglich ist. Immerhin hat die Pandemie nicht nur die Tourismusbranche hart gebeutelt, auch viele Verbraucher:innen haben finanziell gelitten. Befragungen zeigen jedoch auch, dass sich diese Einstellung langfristig ändern wird. Laut einer Studie von Kearney sind 48 Prozent der Befragten aufgrund der Pandemie nun besorgter um die Umwelt. Auch der Global Web Index kommt zu dem Ergebnis, dass die Hälfte aller europäischen Reisenden aufgrund ihrer Erfahrungen mit COVID-19 jetzt vermehrt auf ihren CO2-Fußabdruck und die Umweltbelastung ihrer Reisen achten wollen. Als Folge wird die Tourismusindustrie nachziehen und die steigende Nachfrage nach nachhaltigeren Reisen bedienen.

Kasia Morgan von der Initiative Tourism Declares
© Kasia Morgan
Kasia Morgan von der Initiative Tourism Declares

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