Brasilien: Postkoloniales Bahia

Rassistische Stereotype als Marketingstrategie

Von Lea Thin
Afrobrasilianische Frau am Fenster bei Tag
© Marianna Smiley_unsplash

Capoeira, Acarajé und Samba – der Tourismus in Brasilien lebt vom kulturellen Erbe der afrobrasilianischen Bevölkerung. Doch statt authentischer Kultur, inszenieren Destinationen, wie der brasilianische Bundesstaat Bahia, ihr Straßenbild so, wie es von Touristinnen und Touristen vermeintlich erwartet wird. Bahia wird so zur Marke, die mit Hilfe ästhetischer und repräsentativer Elemente der Afrokultur in Reiseführern, Prospekten, Social Media oder auflagenstarken Reisemagazinen vermarktet wird. Das hat zwar den positiven Effekt, dass es für die Regierung einen Anreiz gibt, dieses Kulturgut auf Dauer zu erhalten. Gleichzeitig reproduziert das Konsumprodukt „Afrokultur“ Rassismus und Diskriminierung gegenüber der Schwarzen (*) Bevölkerung, die lächelnd, singend, tanzend oder dienend in Trachten oder Uniformen präsentiert werden.

Exotisierung eines Urlaubsparadieses

Ethnotourismus ist gerade bei Urlauberinnen und Urlaubern aus Europa und den USA in Mode. Sie erwarten exotische Reiseziele, um in eine völlig andere Lebenswelt eintauchen zu können. Doch was ist echt und was wurde in Szene gesetzt? Im Fall von Bahia werden lokale Identitäten beim Tourismusmarketing gezielt in den Vordergrund gesetzt. Doch diese Exotisierung afrobahianischer Kultur hat ihre eigene „Geometrie der Macht“. Denn sie verstärkt auch lokale Ungleichheiten und rassistische Stereotype, weiß Alberto Viana, Tourismusforscher an der Universität Salvador de Bahia: „Wir haben noch nicht mit unserer Geschichte von mehr als 400 Jahren kolonialer Herrschaft gebrochen. Wir leben in einem Widerspruch, in dem einerseits die afrobrasilianische Kultur in den Bereichen, die mit Tourismus zu tun haben - wie Gastronomie oder Musik - gefeiert wird. Andererseits erfährt sie aber nicht genug Wertschätzung, um in der Regierung, in den Universitäten und in den höchsten Führungspositionen vertreten zu sein. Das liegt auch an der Vermarktung der kulturellen Stereotype: Afrobrasilianerinnen und -brasilianer müssen für weiße (**)  Touristinnen und Touristen quasi als Attraktion immer lächeln, dienen und unterwürfig sein.“ Obwohl 80 Prozent der Bevölkerung in Bahia als Afrobrasilianer und -brasilianerinnen gelten und ihre Kultur das Aushängeschild des Reiseziels Bahia ist, profitiert diese Bevölkerungsgruppe zu wenig vom Tourismus, so Viana: „Aufgrund des strukturellen Rassismus haben Schwarze weniger Zugang zu hochwertiger Bildung und unternehmerischen Möglichkeiten. Nur ein kleiner Teil der Schwarzen Bevölkerung arbeitet als Tourguides oder hat ein eigenes Geschäft. Die meisten Afrobrasilianerinnen und -brasilianer arbeiten als unterbezahlte und ausgebeutete Dienstleister in Restaurants, Hotels und Strandhütten. Einige sind außerdem Straßenverkäufer und -verkäuferinnen oder arbeiten als Sicherheitskräfte auf Partys.“  

Street Food aus Sklavenzeiten

Ein Bild speist das Image des Exotischen, das die westlichen Touristinnen und Touristen suchen, ganz besonders: die Street Food Stände auf den Straßen Bahias. Die tanzenden Köchinnen Bahias sind wichtiger Bestandteil des konventionellen Tourismus. Für viele Reisende sind sie die ersten Einheimischen, die sie bei ihrer Ankunft in Bahias Hauptstadt Salvador wahrnehmen - sogar als Souvenir-Puppen gibt es sie zu kaufen. Dennoch werden die Köchinnen häufig von weißen Einheimischen nur wenig wertgeschätzt. Als Nachfahrinnen afrikanischer Sklavinnen sind sie Teil der postkolonialen Erinnerungen Bahias. Ihre Geschichte beginnt im 16. Jahrhundert, als versklavte Frauen anfingen, das traditionelle Essen Acarajé zu verkaufen, um sich damit ihre Freiheit zu erkaufen – daher werden sie heute noch die „Bahianerinnen mit dem Acarajé“ (Baianas de Acarajé) genannt. Mit ihrem Gesang lockten sie schon damals die Kundinnen und Kunden zu ihren Ständen. Heute sind die frittierten Bohnenfrikadellen ein beliebtes Street Food und Aushängeschild der bahianischen Küche. Mit ihren traditionellen Gewändern stehen die Baianas auf großen Plätzen, Straßen und Märkten und repräsentieren Bahia und ihre afrikanischen Wurzeln. Dabei wird die afrobahianische Küche einerseits inszeniert, quasi als "Spektakel der Ethnizität", um Urlauberinnen und Urlauber zu begeistern. Andererseits ist sie aber auch Ausdruck der kulturellen Identität der einheimischen Schwarzen Bevölkerung, sagt Jeferson Bacelar, Wissenschaftler am Zentrum für afroorientalische Studien der Universität Bahia: „Die afrobahianische Küche ist zu einem Wahrzeichen der Marke „Bahia“ geworden. Dabei sind die Speisen etwas ganz Besonderes und nichts, was die Menschen in Bahia täglich essen. Die Afrobahianerinnen und -bahianaer sind stolz auf ihre kulinarische Kultur und zelebrieren die aufwendige Herstellung der Speisen. Es gibt sie eigentlich nur zu besonderen Festlichkeiten - und eben für Touristinnen und Touristen.“ 

Selbstbestimmung statt Kultur-Karikatur 

Brasilien erlebt gerade die schlimmste rassistische Phase der letzten 60 Jahre. Nicht nur afrofeindliche Politik, sondern auch die Gewalt gegen Schwarze Personen hat unter der aktuellen Regierung Bolsonaros massiv zugenommen, sagt Tourismusforscher Viana. Dennoch kann das Land auch Fortschritte verzeichnen. Die afrikanische Kultur und Geschichte hat Eingang in die Lehrpläne von Schulen gefunden und staatliche Stellen für die Förderung von Gleichstellung wurden eingerichtet. Gleichzeitig hat sich auch für viele Afrobrasilianerinnen und -brasilianer die Arbeitssituation im Tourismus verbessert, ergänzt er. „Immer mehr Schwarze arbeiten im gemeindebasierten oder Afrotourismus und erhalten dort angemessene Löhne. Ein Grund dafür sind neue Gesetze, die diese Art von Tourismus in mehreren Bundesstaaten erleichtern und so das Unternehmertum der ansässigen Bevölkerung fördern. Aber auch die wachsende Popularität ist ein Faktor. So gibt es etwa Initiativen kleiner Reisebüros und Schwarzer Bloggerinnen. Sie präsentieren die Gasthäuser und Hotels von Afrobrasilianerinnen und -brasilianern auf ihren Plattformen und pushen damit ihren Erfolg.“ Mit der Stärkung eines authentischen Bildes der afrobrasilianischen Kultur und der Förderung von Entrepreneurship besteht die Chance, ein neues Image der Schwarzen Bevölkerung im brasilianischen Tourismus zu etablieren. Eines, das ihre kulturelle Wurzeln feiert und in dem sie mehr sind als Statisten in ihrer eigenen Kultur.

(*) Der Begriff Schwarz – mit großem S – ist die Selbstbezeichnung von Personen, die kollektive Rassismuserfahrungen aufgrund von Kolonialgeschichte und Versklavungshandel erleben. Der Begriff ist ein politischer Begriff und beschreibt keine Hautfarbe, sondern die gesellschaftspolitische Position in einem globalen Machtgefüge, das von Rassenideologie geprägt ist. 

(**)   Der Begriff weiß – klein und kursiv geschrieben – bezieht sich nicht auf eine Hautfarbe, sondern auf die privilegierte Position in einem globalen Machtgefüge, das von Rassenideologie geprägt ist.

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