Bali: Inlandstourismus als Silberstreifen am Horizont

Bali in Zeiten internationaler Grenzschließungen

Von Karlie Cummins
Beach_Bali
© Karlie Cummins

Wirtschaftlich gesehen war 2019 eines der besten Jahre im Tourismus, die Bali je erlebt hat. Millionen Touristinnen und Touristen gaben viel Geld aus, viele neue Anbieter eröffneten und es wurde viel gebaut. Beschäftigung und Gewinne waren so hoch wie nie. Springen wir nun ins Jahr 2020 sind die sonst so belebten Straßen und Strände fast menschenleer. Einige Unternehmen machten vorläufig zu, andere entschieden sich schweren Herzens, ganz zu schließen. Balinesische und andere indonesische Beschäftigte mussten enorme Lohnkürzungen hinnehmen. Viele verloren ihre Jobs. Da es kaum staatliche Unterstützung gibt, müssen die Unternehmen und die Menschen kreativ und innovativ werden, um in dieser Zeit ihr Überleben zu sichern.

Balis internationale Grenzen sind seit März 2020 für Tourist*innen geschlossen. Anfangs dachte niemand, dass die Schließungen so lange anhalten könnten. Zunächst versuchten die meisten Arbeitgeber*innen, ihre Beschäftigten zumindest zum Teil zu halten. Doch die Zeit verging und es wurde klar, dass die Grenzschließungen noch Monate lang andauern würden.

Kreative Lösungen entwickeln

Die Balinesen haben Unternehmergeist und fast über Nacht schossen neue Kleinstunternehmen wie Pilze aus dem Boden. Arbeitsloses Küchenpersonal begann, bei sich zuhause Essen zuzubereiten und zu verkaufen. Techniker aus Hotels boten ihre Handwerkerleistungen für Einheimische an. Schneider entwarfen und nähten Masken für die allmählich wieder öffnenden Geschäfte.  Für Menschen, die in Selbstisolation waren oder es einfach bequem fanden, nicht einkaufen gehen zu müssen, wurden Einkaufsdienste angeboten. Viele Bauern, denen die Absatzmöglichkeiten für ihre Erzeugnisse weggebrochen waren, verkauften ihre Waren am Straßenrand direkt an Endverbraucher. Auf der Insel Nusa Lembongan - südöstlich von Bali - begannen fast alle Einwohner, Seegras anzubauen, um ein Monatseinkommen zu erzielen, während sie auf den Neustart des Tourismus warten.

In den vergangenen drei Monaten hat Bali sich für den Inlandstourismus geöffnet – ein Hoffnungsschimmer für die Insel, auf der der Arbeitsmarkt so sehr vom Tourismus abhängt. Die Unternehmen mussten einige Anpassungen vornehmen, um für den nationalen Markt attraktiv zu werden und die Urlaubswünsche und -bedürfnisse der Indonesierinnen und Indonesier zu erfüllen.

Im Geist der Zusammenarbeit

Bali erlebt in dieser Zeit sehr viel Zusammenarbeit zwischen Unternehmen unterschiedlicher Sektoren. Köche kooperierten bei besonderen Veranstaltungen, Anbieter von Kunsthandwerk hielten in Cafés und Hotels Workshops ab und Modemarken eröffneten Stände in verschiedenen Cafés und an Veranstaltungsorten. Es gibt „Staycation”-Angebote und Tageskarten für viele Hotelanlagen und Villen auf Bali. Die haben jetzt Kapazitäten, um ihr Angebot auf Tagesgäste auszurichten und günstige Angebote für Einheimische zu machen, die sich für einen Tag oder ein Wochenende eine Auszeit gönnen möchten.

Da die Kinos noch immer geschlossen sind, sind viele Anbieter dazu übergegangen, wöchentlich Filme im Freien zu zeigen. Die sind sowohl bei den Balinesen selbst, als auch bei indonesischen Gästen sehr beliebt. Da alle auf corona-sichere Formen von Unterhaltung aus sind, gibt es auch Comedy-Nächte, Bingo, Gebrauchtwarenmärkte, Quiz-Nächte und Autokino-Konzerte. Dabei werden alle staatlichen Sicherheitsvorschriften der ‘neuen Normalsituation’ eingehalten.

Um den indonesischen Markt zu bedienen, mussten die Preise in Bali stark gesenkt und die Speisekarten sorgfältig überdacht werden. Eine große Zahl an Hotels bietet Sonderangebote für Wochenendgäste aus anderen Teilen Indonesiens an. Viele locken mit speziellen Tarifen für längere Aufenthalte. Sie bieten Online-Lernangebote und Arbeitsplätze in den Hotelanlagen oder persönliche und Gruppentrainingsangebote für Kinder und Erwachsene sowie Kinderbetreuung. Da die meisten Indonesier*innen der Mittel- und Oberschicht momentan möglichst von zuhause aus arbeiten und lernen, hat sich diese Strategie sehr bewährt. Es kommt ein großer Zustrom von Gästen aus Jakarta, die die Sonderangebote nutzen und für längere Zeit auf der Insel bleiben. Viele Anbieter legen den Schwerpunkt auf lokale Speisen und einige errichten am Strand, wenn zum Sonnenuntergang viel los ist, Imbiss-Stände für die Einheimischen.

Nachhaltiger werden

Finanzkräftige Unternehmen haben die Gelegenheit genutzt, ihre Anlagen zu renovieren. Bei Renovierungen, Wieder- und Neueröffnungen gibt es einen deutlich stärkeren Fokus auf Umweltschutz. Es gibt viele Aufrufe von Einheimischen und Ausländer*innen in Bali, die Unternehmen mögen ihren ökologischen Fußabdruck überprüfen und Veränderungen in Richtung mehr Nachhaltigkeit vornehmen, bevor Bali sich wieder für internationale Gäste öffnet. Die ‘Bye Bye Plastic Bags‘-Kampagne zweier Teenagerinnen vor einigen Jahren hat auf der gesamten Insel eine Bewegung in Gang gesetzt, die Bali auf einen umweltfreundlicheren Weg bringt. 2019 wurden Einweg-Plastiktüten auf Bali verboten. Die meisten Anbieter verwenden auch keine Plastikstrohhalme mehr, sondern entscheiden sich stattdessen für Strohhalme, die aus Metall, Bambus, Glas oder Maniok und Reis hergestellt wurden. Auch Lebensmittelverkäufer stellen sich der Herausforderung, kein Plastik mehr zu verwenden, und verpacken ihr Obst und Gemüse in Bananenblättern. Es besteht Hoffnung, dass Bali weiter diesen Weg gehen wird, nachhaltiger und umweltfreundlicher zu werden, wenn die Grenzen wieder für internationale Gäste öffnen.

Die Balinesen sind sehr resilient, wenn sie mit Herausforderungen konfrontiert sind. Ihre boomende Tourismuswirtschaft war Bedrohungen durch Terrorismus, Erdbeben und Vulkane ausgesetzt und jedes Mal hat die Insel dadurch an Kraft gewonnen. Es bleibt abzuwarten, ob es auch diesmal so sein wird. Vielleicht wird der Fokus auf ein nachhaltigeres, statt einfach nur geschäftiges Bali zum Silberstreifen am Horizont der Pandemie-Zeit. Selbst während ihrer bislang größten Herausforderungen erhalten sich Einheimische, Unternehmen und auf der Insel lebende Ausländer*innen ihren kooperativen Gemeinschaftsgeist.

Karlie Cummins ist Australierin und lebt mit ihrer Familie in Bali. Seit acht Jahren betreibt sie einen Online-Guide für Bali – Bali Buddies – und arbeitet mit einer Vielzahl an Unternehmen auf der Insel zusammen.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

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