Pläne der Tourismus – und Flugindustrie auf der COP26

Eine Nachlese

Mindestens acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen sind dem Tourismus zuzuschreiben. Gleichzeitig ist er ein schnell wachsender Wirtschaftssektor. Anlässlich der UN-Klimakonferenz in Glasgow 2021 (COP26) schlossen sich mehr als 300 Unternehmen der Tourismuswirtschaft zusammen, um die „Glasgow Declaration – A commitment to a decade of tourism climate action“ zu lancieren. Auch die Welttourismusorganisation (UNWTO) macht sich die Deklaration zu eigen. Die Erklärung von Glasgow ist ein Impulsgeber, um den Klimaschutz im Tourismus voranzubringen und starke Maßnahmen und Verpflichtungen sicherzustellen. Sie zielt darauf ab, die tourismusinduzierten Emissionen in den nächsten zehn Jahren zu halbieren und so früh wie möglich vor 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Zudem bekennt sich die Industrie zu einer konsequenten Ausrichtung an neuste wissenschaftliche Empfehlungen, um das 1,5-Grad-Limit von Paris nicht zu überschreiten.

In der Glasgow Declaration verpflichten sich die Unterzeichner zur Umsetzung von fünf Handlungsfeldern:

  1. Alle reise- und tourismusbezogenen Emissionen sollen erfasst und offengelegt werden. Die Methoden und Messinstrumente sollen den UNFCCC-Richtlinien entsprechen und transparent und öffentlich zugänglich sein.
  2. Wissenschaftsbasierte Ziele zur Dekarbonisierung sollen benannt und konsequent umgesetzt werden. Die Reduktionsziele umfassen alle Tourismussegmente, von Transport, Infrastruktur, Unterkunft, zu Aktivitäten, Verpflegung und Abfallmanagement. Kompensationen können nur eine Ergänzung zu echten Reduktionen sein.
  3. Ökosysteme sollen geschützt und wiederhergestellt und vom Klimawandel betroffene und gefährdete Gemeinden sollen bei Resilienzaufbau, Klimaanpassung und Katastrophenschutz unterstützt werden.
  4. Wissens- und Erfahrungsaustausch mit allen Stakeholdern soll ein effektives und koordiniertes Umsetzen der Pläne ermöglichen.
  5. Ressourcen und Kapazitäten sollen zur Verfügung gestellt werden, um die festgelegten Ziele zu erreichen. Dies beinhaltet auch die Finanzierung von Ausbildung und Forschung, um den Übergang zu beschleunigen.

Um die Umsetzung der Glasgow Declaration zu erleichtern, hat der Reiseveranstalter Intrepid Travel einen Praxisleitfaden zur Errechnung der Klimaemissionen und zur Erstellung von Reduktionsplänen veröffentlicht. Darin wird auch beschrieben, wie die Emissionen im direkten Geschäftsbetrieb, aber auch in der Lieferkette erfasst werden und warum Kompensationen nicht in diesen Reduktionsplänen angerechnet werden. Intrepid Travel ist der weltweit erste Reiseveranstalter, der bereits 2020 seine Klimaziele wissenschaftlich überprüfen und bestätigen ließ. Mit dem Leitfaden möchte er andere Unternehmen motivieren und befähigen, ebenso eine Evaluation durchzuführen und die Glasgow Declaration ambitioniert umzusetzen.

Den in der Glasgow Declaration gegebenen Versprechen müssen jetzt Taten folgen. Der Sektor wird sich künftig an den in dieser Erklärung gegebenen Versprechen messen lassen müssen. Die Glasgow Declaration der Tourismuswirtschaft ist ein erster notwendiger Schritt zu einer klimabezogenen Transformation des Tourismus. Auffallend ist jedoch, dass die Flugbranche die Deklaration nicht mitunterschrieben hat. Obwohl sie für mehr als 50 Prozent, im Ferntourismus sogar für rund 80 Prozent, der Klimawirkungen des Tourismus verantwortlich ist.

A propos: Es ist unumstritten, dass auch die Luftfahrt dringend mehr für den Klimaschutz tun muss. Umstritten sind allerdings die Absichten der International Aviation Climate Ambition Coalition (IACAC), eines Zusammenschlusses von 24 Staaten – darunter Deutschland. In ihrer auf der COP26 präsentierten Deklaration beziehen sich die unterzeichnenden Staaten vor allem auf die Ziele und Maßnahmen der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO). Die Erklärung fokussiert dabei vornehmlich auf den Einsatz nachhaltiger Kraftstoffe („sustainable aviation fuels“) und das Kompensations- und Reduktionssystem für die internationale Luftfahrt (CORSIA), welches ein weiteres Wachstum des Flugverkehrs ermöglicht und deshalb von Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen stark kritisiert wird.

Die Zusagen der IACAC liefern damit leider keinen ausreichenden Beitrag zur notwendigen Reduktion der Klimawirkungen des Flugsektors, urteilt Andrew Murphy, zuständig für den Flugverkehr beim Thinktank „Transport and Environment“ in Brüssel. Das Ziel des Branchenverbands, mehr nachhaltige Kraftstoffe einzusetzen, ist unglaubwürdig. Bis 2017 wollte die IATA bereits zehn Prozent nachhaltige Kraftstoffe. 2021 belief sich deren Anteil aber auf gerade einmal 0,05 Prozent. „Es wird Jahre dauern, bis die Produktion nachhaltiger Flugkraftstoffe hochgefahren ist, und noch länger, um eine emissionsfreie Antriebstechnologie zu entwickeln. Im Moment ist weniger fliegen der effektivste Weg, um die Emissionen in der Luftfahrt zu reduzieren“, so Murphy.

Die Glasgow Declaration der Tourismuswirtschaft muss zum Branchenstandard werden und die Staaten müssen für den Flugverkehr endlich ambitionierte und echte Reduktionsziele vereinbaren, um das Reisen auf einen Pfad zu bringen, der mit den Pariser Klimabeschlüssen kompatibel ist. Der historische Fehler, die internationale Mobilität aus dem UNFCCC-Prozess raus zu nehmen und der ICAO und der Internationalen Organisation für die Seeschifffahrt (IMO) zu übergeben, verhindert bis heute, dass sich der Tourismus mit all seinen Mobilitätsemissionen zukunftsfähig aufstellt. 2022 bei der COP 27 Sharm el-Sheikh wäre die nächste Chance, das zu ändern.

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