Für einen Tourismus mit Zukunft

Nachhaltiger Tourismus in der beruflichen Aus- und Fortbildung

Randy Haubner

Sozial- und umweltverträglicher Tourismus ist in vielen Köpfen der Reisemacher und -mittler nur in Ansätzen verankert. Doch zeigen Studien, dass immer mehr Reisende nachhaltige Aspekte in ihrem Urlaub berücksichtigt wissen möchten. Es fehlt aber bislang noch an "nachhaltigen" Reiseangeboten und an einer fachkundigen Beratung.

"Ich habe vier Wochen Urlaub und möchte eine Reise nach Südafrika unternehmen. Neben Entspannung möchte ich die Kultur und Natur kennen lernen und Menschen begegnen. Ich hätte gerne eine Unterkunft mit hohen ökologischen Standards, regionaltypische Speisen und einheimische Reiseleiter." Kommt ein Kunde mit einem solchen Anliegen, sind viele Reisebüro-Mitarbeiterinnen erst mal ratlos. Dies haben zwei groß angelegte Mystery-Studien des Bundesamtes für Naturschutz (2007) und der Fachhochschule München (2010) in ausgewählten Reisebüros ergeben.

Um die "Bildungslücke Nachhaltigkeit" zu schließen, engagieren sich seit 2007 das Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung (biz) und das Entwicklungspolitische Bildungs- und Informationszentrum Berlin (EPIZ) für die Förderung von Nachhaltigkeit in der beruflichen Aus- und Fortbildung im Tourismus. In Kooperation mit zwei tourismusrelevanten Studiengängen der Hochschule Bremen und zwei berufsbildenden Schulen in Bremen und München (Fachrichtung Reiseverkehr) haben sie Qualifizierungs- und Bildungsmaßnahmen zu nachhaltigem Tourismus entwickelt und durchgeführt.

Nachhaltigkeit im Berufsalltag

Tourismusfachkräfte sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Angebot und Nachfrage. Mit dem Bildungsprojekt sollen angehende Fachleute für einen umweltverträglichen und sozialverantwortlichen Tourismus sensibilisiert werden. Sie bekommen Hinweise für den Berufsalltag, zum Beispiel über existierende Gütesiegel und Zertifizierungen. So erwerben sie die Kompetenz, beim Gestalten von Reisen oder im Beratungsgespräch mit dem Kunden Nachhaltigkeitsaspekte zu integrieren.

Das Projekt "Bildungs_Lücke Nachhaltigkeit im Tourismus in der beruflichen Aus- und Weiterbildung" wurde als offizielles Projekt der UN-Dekade "Bildung für Nachhaltige Entwicklung" 2009/10 ausgezeichnet. Die entwickelten Bildungsmaterialien orientieren sich am Konzept der Dekade. Sie versetzen angehende Touristikerinnen und Touristiker in die Lage, aktiv an der Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft mitzuwirken.

Praxisorientierte Bildungsmaterialien

Im Rahmen des Projektes entstanden drei handlungsorientierte Bildungs- und Informationsmaterialien, die auch im Unterricht oder bei Schulungen eingesetzt werden können. Im Unterrichtsmodul "Nachhaltigkeit im Tourismus" können die Schülerinnen und Schüler beispielsweise in verschiedene Rollen schlüpfen und so einen Perspektivenwechsel erleben. In einem Planspiel soll eine Bürgerversammlung auf Mauritius mit den verschiedenen Interessengruppen über die Erschließung einer touristischen Destination auf einer vorgelagerten Insel entscheiden. Vom Fischer über den Ökologen bis hin zum Manager eines Luxusressorts vertreten die Auszubildenden verschiedene Standpunkte und lernen so aus unterschiedlicher Sicht zu argumentieren und eine für alle akzeptable Lösung zu finden.

Die Broschüre "Rainer Reisgern kann auch anders: Nachhaltiger Tourismus" erzählt die fiktive Geschichte des Reiseverkehrskaufmanns Rainer Reisgern, der seinen Urlaub in einem nachhaltigen Eco-Ressort verbringt und das erste Mal in Berührung mit den Vorzügen des nachhaltigen Tourismus kommt. Die Materialsammlung "G+ Berufe global: Tourismus" bietet einen Überblick über Nachhaltigkeit im Tourismus. Sie gibt Anregungen für die Aus- und Fortbildung. Rollenspiele können ausprobiert, Wertschöpfungsketten am Beispiel afrikanischer Länder berechnet und ausgewertet, Maßnahmen im Bereich des innerbetrieblichen Managements erarbeitet sowie Reiseberichte analysiert werden.

Handlungsoptionen für die Berufspraxis

In Seminaren in Nord- und Süddeutschland wurden Fach- und Berufsschullehrkräfte und Touristiker in einen Austausch miteinander gebracht, um gemeinsam Handlungsoptionen für die Berufspraxis zu entwickeln. Es wurden unterschiedliche Ansätze zur Umsetzung eines nachhaltigen Tourismus vorgestellt. Mitglieder des Verbandes "Forum anders reisen" berichteten beispielsweise, dass sowohl im innerbetrieblichen Management als auch bei der Gestaltung ihrer Reiseangebote Wert auf Nachhaltigkeit gelegt werde. So reichen die Ansätze von der Verwendung von Recyclingpapier über öko-faire Produkte bis hin zu Energiesparmaßnahmen. In den Destinationen werden von Ortsansässigen geführte Unterkünfte bevorzugt, regionale Speisen angeboten und nach Möglichkeit ökologisch vertretbare Verkehrsmittel gewählt. In den Berufsschulen sind Fragen der Nachhaltigkeit nach und nach ein Thema, allerdings noch nicht flächendeckend. Im Lehrplan von 2005 wurde erstmals festgeschrieben, dass soziale und ökologische Verantwortung im Unterricht thematisiert werden solle. Dies geschieht seither in Ansätzen, ist aber noch abhängig von den Lehrenden und ihrem persönlichen Bezug zum Thema. Einige Berufsschulen engagieren sich in besonderem Maße und haben die Thematik bereits fest in ihren Unterricht integriert. Es gibt auch Vorhaben, Nachhaltigkeit im Tourismus fächerübergreifend in den Unterricht einzubinden.

Nachhaltigkeit wird prüfungsrelevant

Eine entscheidende Hürde bei der Integration der Thematik in der beruflichen Aus- und Fortbildung wurde auf den Seminaren klar: Bei den Abschlussprüfungen Reiseverkehr ist Nachhaltigkeit im Tourismus bislang nicht prüfungsrelevant. Da momentan aber der Rahmenlehrplan für den Ausbildungsberuf Reiseverkehrskaufmann/-frau modifiziert wird, bot sich nun die Möglichkeit, das Thema bei der AkA Nürnberg (Aufgabenstelle für kaufmännische Abschluss- und Zwischenprüfungen) anzusprechen; mit der Anregung, Nachhaltigkeit im Tourismus inhaltlich und prüfungsrelevant zu integrieren. In der neuen Ausbildungsordnung, die voraussichtlich 2011 in Kraft treten wird, sei das Thema aufgenommen worden, hieß es bei der AkA, und es werde auch in den Prüfungsfragen vorkommen.

Perspektivisch müssen die schulische Ausbildung und die betriebliche Fortbildung und Praxis stärker miteinander verknüpft werden. Um Nachhaltigkeit langfristig in der Tourismusbranche zu verankern, müssen sich mehr Tourismusunternehmen und weitere Bereiche der touristischen Dienstleistungskette an dem Prozess beteiligen. Die gute Resonanz auf das Projekt und die zahlreichen Anfragen nach den Bildungsmaterialien zeigen den Bedarf. Mit dem Projekt wurde ein erster Schritt getan, die "Bildungslücke Nachhaltigkeit im Tourismus" zu schließen. Weitere sollen folgen.

Randy Haubner ist Diplom-Geographin und Projektkoordinatorin für nachhaltigen Tourismus beim Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung (biz). Das Projekt wird von InWEnt aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und vom Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa, Entwicklungszusammenarbeit in Bremen gefördert.

Weitere Informationen: http://www.bizme.de/

(6.755 Anschläge, 92 Zeilen, September 2010)

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