Von Apoena Mano
Rio de Janeiro in Brasilien ist als eine der schönsten Städte der Welt bekannt. Auf dem Morro Dois Irmãos in Leblon versammeln sich Tourist*innen häufig noch vor Sonnenaufgang, um zu beobachten, wie die Stadt und das Meer langsam aus der Dunkelheit hervortreten. Das Zusammenspiel von Bergen, Stränden, Lagune und dichter städtischer Bebauung bildet eine der bekanntesten Kulissen Rios.
Doch am 20. April 2026 wurde dieses Erlebnis für Tourist*innen jäh unterbrochen. Als unerwartet Hubschrauber zu hören waren, wiesen die Tourguides die Besucher*innen sofort an, sich zu ducken. Zunächst folgten viele der Aufforderung, ohne genau zu verstehen, was geschah. Dann machte ein weiteres Geräusch die Situation deutlich: Schüsse. In der angrenzenden Favela Vidigal fand ein Polizeieinsatz statt. Rund 200 Tourist*innen saßen vorübergehend am Aussichtspunkt fest, da ein sicherer Abstieg nicht möglich war.
Was als eine weitere Episode in Rios langer Geschichte urbaner Gewalt hätte verstanden werden können, wurde in nationalen und internationalen Medien als Beeinträchtigung touristischer Mobilität dargestellt: Live-Übertragungen im Fernsehen zeigten, wie internationale Besucher*innen – die aufgrund der von ihnen generierten Einnahmen einen hohen Stellenwert genießen – festsaßen, verängstigt waren und sich der Situation nicht entziehen konnten (siehe auch G1, 2026; Bosotti, 2026).
Wenn Schusswechsel den Tourismus bedrohen, werden sie unmittelbar als Problem für die Stadt wahrgenommen – sie betreffen Besucher*innen, Tourismuseinnahmen, das internationale Image der Destination und die Arbeitsmöglichkeiten von Tourguides und Unternehmen. Betrifft dieselbe Form der Gewalt jedoch ausschließlich die Bewohner*innen, wird sie als Teil der alltäglichen Lebensbedingungen in den Favelas behandelt. Der Vorfall lenkt den Blick auf die Paradoxien von Sicherheit, Tourismus und rassistischen Strukturen in den Favelas von Rio de Janeiro.
Die Entstehung „befriedeter Favelas“ als Touristenattraktionen
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, wie Tourismus als Linse dienen kann, durch die sozialräumliche Ungleichheiten sichtbar werden – insbesondere wenn wir betrachten, wie unterschiedlich die Möglichkeiten sind, sich sicher durch den urbanen Raum zu bewegen und wie diese wechselseitig ermöglicht oder eingeschränkt werden (Milano, Koens & Russo, 2024). Da Tourismus auf der Möglichkeit der Mobilität beruht, wird von Destinationen erwartet, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen sich Besucher*innen mit einem gewissen Maß an Planbarkeit bewegen, konsumieren und die Stadt erleben können. Angesichts der Bedeutung, die der sicheren Zirkulation von Menschen, Geld, Produkten und Bildern für Destinationen zukommt, gilt es zu beachten, dass die Sicherheit von Besucher*innen gegenüber der von Bewohner*innen selektiv priorisiert und gesteuert wird (Becklake, 2023).
Besonders relevant wird diese Diskussion mit Blick auf die Stadtpolitik Rio de Janeiros. Die 2008 eingeführten „Unidades de Polícia Pacificadora“ (UPPs), Einheiten der sogenannten Befriedungspolizei, entstanden vor dem Hintergrund geopolitischer Interessen und der Vorbereitungen auf internationale Großveranstaltungen. Dazu gehörten insbesondere die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Als eines der prägendsten Programme der öffentlichen Sicherheit in der jüngeren Geschichte der Stadt waren die UPPs mit verstärkten Bemühungen verbunden, Rio als sichere und global wettbewerbsfähige Destination zu präsentieren. Ein wichtiger Bestandteil dieser Regierungsstrategie war „Rio Top Tour“, eine öffentlich-private Initiative zur Förderung des Tourismus in den Favelas. Sie sollte Bewohner*innen beim Aufbau eigener Unternehmen unterstützen und „befriedete Favelas“ als attraktives Angebot Rios innerhalb der globalen Tourismuswirtschaft positionieren (Freire-Medeiros, 2013).
In den ersten Jahren galt das Programm als Erfolg. Nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio wurde sein Scheitern jedoch unübersehbar. Damit begann eine Phase, die von zunehmendem Tourismus in den Favelas bei gleichzeitig fortbestehenden Gewalterfahrungen der Bewohner*innen geprägt war (Mano, 2018).
Wessen Sicherheit wird priorisiert?
Der Vorfall auf dem Morro Dois Irmãos blieb kein Einzelfall. Drei Monate später, im Juli 2026, ergab sich eine ähnliche Situation. Dutzende Tourist*innen saßen an einem beliebten Aussichtspunkt zum Sonnenaufgang auf dem Morro Dona Marta fest, als ein Schusswechsel zwischen Polizei und Drogenkriminellen ausbrach (siehe auch AFP, 2026). Was solche Gewaltsituationen für die lokale Bevölkerung bedeuten, hat Thiago Firmino, Tourguide und Community Leader in Santa Marta, bereits 2023 beschrieben. Der Tourismus sei dann nur einer von vielen betroffenen Lebensbereichen. Lokale Dienstleistungen würden unterbrochen, Kinder auf ihrem Schulweg beeinträchtigt und Menschen hätten Schwierigkeiten, ihren Arbeitsplatz zu erreichen (O Globo, 2023).
Tourismus bietet eine wichtige Perspektive, um sozialräumliche Ungleichheiten in heutigen Städten zu verstehen. Dafür können wir untersuchen, wie unterschiedlich Tourist*innen und Bewohner*innen städtische Räume erleben – in Abhängigkeit von ihren Möglichkeiten der Mobilität. Diese wiederum wird durch ihre jeweilige Position innerhalb miteinander verflochtener Machtverhältnisse geprägt. Die Perspektive lässt sich mit dem Konzept urbaner Mobilitätsregime erfassen – einem analytischen Ansatz, der untersucht, wie physische Mobilität in heutigen Städten politisch organisiert und ungleich abgesichert wird (Mano, 2027).
Dieser Ansatz lenkt die Aufmerksamkeit auf die Reproduktion kolonialer Hierarchien, die Mobilität unterschiedlich ermöglichen. Er zeigt, wie rassistische Strukturen beeinflussen, wessen Bewegungsfreiheit geschützt und erleichtert und wessen Bewegungsfreiheit eingeschränkt, überwacht oder sogar als entbehrlich betrachtet wird. Die Fälle Vidigal und Dona Marta veranschaulichen diese Dynamik: Dieselben Polizeieinsätze mit Schusswaffengebrauch, die Aufmerksamkeit erregen, wenn sie überwiegend weiße Besucher*innen in den Favelas gefährden, setzen schwarze Bewohner*innen überproportional tödlicher Gewalt aus (siehe auch (Folha de S.Paulo, 2025).
Ungleichheiten sind nicht unveränderlich
Machtverhältnisse umfassen immer sowohl die Entstehung als auch das Infragestellen von Ungleichheiten. Eine bedeutsame Form lokaler Führung entsteht, wenn Favela-Tourguides die Möglichkeit bekommen, Begegnungen zwischen Bewohner*innen, Besucher*innen, staatlichen Behörden und anderen gesellschaftlichen Gruppen zu vermitteln und zu übersetzen (Freire-Medeiros & Mano, 2026). Ihre Position kann sie zugleich dazu befähigen, sich in breitere gesellschaftliche Debatten einzubringen und Perspektiven zu artikulieren, die vorherrschende Vorstellungen von Sicherheit und Tourismus infrage stellen. Auf diese Weise rücken sie die rassistischen Strukturen in den Mittelpunkt, die das Leben in den Favelas prägen.
Diese Form der Positionierung zeigte sich nach einem der tragischsten Vorfälle im Zusammenhang mit Tourismus und urbaner Gewalt in Rio de Janeiro. Im Jahr 2017 erschoss die Militärpolizei von Rio eine spanische Touristin in der Favela Rocinha (siehe auch Betim, 2017). Daraufhin wurden nachdrückliche Forderungen laut, Favela-Tourismus in der Stadt auszusetzen oder grundsätzlich zu verurteilen. Favela-Tourguides widersprachen jedoch und kehrten die Debatte um, indem sie eine zentrale Frage stellten: „Wessen Sicherheit wird priorisiert?“ Cosme Felippsen, ein lokaler Tourguide aus der Favela Providência, brachte eine rassismuskritische Dimension in die Diskussion ein, die in der vorherrschenden Darstellung weitgehend fehlte: Während der Tod einer weißen ausländischen Besucherin unmittelbar Besorgnis über die Gefahren eines Besuchs in einer Favela auslösen konnte, blieb die alltägliche Polizeigewalt, der überwiegend Schwarze und arme Bewohner*innen ausgesetzt waren, weniger sichtbar:
„Wenn es falsch ist, die Favela zu besuchen, weil es dort gefährlich ist, dann müsste es doch auch falsch sein, dass dort Menschen leben, oder? Genau jetzt, während wir miteinander sprechen, sterben Kinder. Und niemanden interessiert es. Die Leute wollen dorthin gehen, Samba genießen, ein Bier trinken, aber wenn dann etwas Schlimmes passiert, wenden sie sich gegen die Favela und grenzen sie aus (…)“ (Cosme Felippsen, zitiert nach Betim, 2017).
Favela-Touren sind ein wichtiger Bestandteil des Kultur- und Tourismussektors von Rio de Janeiro. Alle Menschen sollten die wunderschönen Sonnenaufgänge der brasilianischen Stadt sicher erleben können – und so versammelte sich bereits am Morgen nach den Schusswechseln wieder eine große Gruppe am selben Ort auf dem Morro Dois Irmãos (siehe auch O Globo, 2026). Die Widersprüche von Tourismus, Sicherheit und rassistischen Strukturen in den Favelas werfen allerdings die Frage auf, warum der Schutz touristischer Mobilität so häufig zum Ausgangspunkt dafür wird, Unsicherheit überhaupt erst wahrzunehmen – an Orten, an denen Bewohner*innen seit Jahrzehnten unterschiedlichen Formen von Gewalt ausgesetzt sind.
Apoena Mano ist Postdoktorand am Institut für Soziologie der Universität São Paulo. Er arbeitet im FAPESP-Verbundprojekt „Evictions Observatory“ (23/12851-7 & 25/24961-7) und ist Mitglied der Forschungsgruppen „MTTM – Mobilities: theories, themes and methods (USP)“ und „Cidades: Núcleo de Pesquisa Urbana (UERJ)“. Er ist Autor des Buches „Globalizing Favelas“, das 2027 bei der University of California Press erscheinen wird.
Referenzen:
Agence France-Presse (AFP). (2026, June 23). Shootout traps tourists at Rio sunrise lookout. RTL Today. https://today.rtl.lu/news/world/shootout-traps-tourists-at-rio-sunrise-lookout-2046373206 [22.09.2026].
Becklake, S. (2023). Touristic security: Not a ‘win-win’ global security practice. Conflict, Security & Development, 23(4), 289–316. https://doi.org/10.1080/14678802.2023.2268560
Betim, F. (2017, October 27). The dilemma of favela tourism: ‘If it’s wrong to visit, it must be wrong to live there, right?’ RioOnWatch. https://rioonwatch.org/?p=39758 [22.09.2026].
Bosotti, R. (2026, April 20). Police gunfight with favela gang traps 200 tourists on hilltop. BBC News. https://www.bbc.com/news/articles/cjr9vvr904wo?utm [22.09.2026].
Folha de S.Paulo. (2025, November 6). Risk of Black people being killed by police in Rio is 4.5 times higher than for White people, study says. Folha de S.Paulo. https://www1.folha.uol.com.br/internacional/en/brazil/2025/11/risk-of-black-people-being-killed-by-police-in-rio-is-45-times-higher-than-for-white-people-study-says.shtml?utm [22.09.2026].
Freire-Medeiros, B. (2013). Touring poverty. Routledge.
Freire-Medeiros, B., & Mano, A. (2026). Touristic governance in a Rio de Janeiro favela: Mobility regimes, network capital, and community leadership. Geopolitics, 1–28. https://doi.org/10.1080/14650045.2026.2695036
G1. (2026, April 20). Operação contra CV deixa turistas ilhados e ônibus fica atravessado no Rio de Janeiro. G1. https://g1.globo.com/rj/rio-de-janeiro/noticia/2026/04/20/operacao-policial-vidigal.ghtml?utm [22.09.2026].
Mano, A. (2021). Morro de medo: Regimes de mobilidades após uma década de Unidades de Polícia Pacificadora em favelas do Rio de Janeiro. Ponto Urbe, 27, 1–23. https://doi.org/10.4000/pontourbe.10148
Mano, A. (2027). Globalizing favelas. University of California Press.
Milano, C., Koens, K., & Russo, A. P. (2024). The politics of urban tourism (im)mobilities: Critical perspectives on inequalities and social justice. Cities, 152, 105148. https://doi.org/10.1016/j.cities.2024.105148
O Globo. (2023, May 27). Um dia após intenso tiroteio, PM segue no Santa Marta e clima é de tranquilidade com desconfiança. O Globo. https://oglobo.globo.com/rio/noticia/2023/05/um-dia-apos-intenso-tiroteio-pm-segue-no-santa-marta-e-clima-e-de-tranquilidade-com-desconfianca.ghtml?utm [22.09.2026].
O Globo. (2026, April 21). Um dia após visitantes ficarem ilhados, topo do Morro Dois Irmãos fica lotado no nascer do sol. O Globo. https://oglobo.globo.com/rio/noticia/2026/04/21/um-dia-apos-visitantes-ficarem-ilhados-topo-do-morro-dois-irmaos-fica-lotado-no-nascer-do-sol.ghtml?utm [22.09.2026].


