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Touristische (Un-)Sicherheit

Sicherheitspraktiken zum Schutz des Tourismus im Spannungsfeld nachhaltiger Entwicklung


Tourism Police Truck in Guatemala

Von Sarah Becklake

Im Jahr 2015 veröffentlichten die Vereinten Nationen ihre Agenda 2030 für globale nachhaltige Entwicklung. In der globalen Tourismuspolitik sind damit zwei zentrale Prioritäten verbunden:

(1) Tourismus nachhaltiger zu gestalten und
(2) die Sicherheit zu gewährleisten, auf die jeglicher Tourismus angewiesen ist.

Während es bei Ersterem darum geht, Tourismus stärker als Instrument für globale nachhaltige Entwicklung zu nutzen (siehe UNWTO, 2018), zielt Letzteres darauf ab, den Tourismus und damit sein Potenzial für globale nachhaltige Entwicklung zu schützen (siehe UN Tourism, 2024a). Angesichts zunehmender Vorfälle und wachsender Besorgnis vor Katastrophen, Kriegen, Terrorismus, Gewalt, Kriminalität, politischer Instabilität und sozialen Unruhen sowie gesundheitlichen, finanziellen und technologischen Krisen rücken Sicherheit und Schutz des Tourismus zunehmend in den Fokus der Tourismuspolitik (ebd.).

Damit verbunden ist die Entwicklung und Umsetzung vielfältiger soziotechnischer Sicherheitspraktiken und -strategien, die darauf abzielen, einen Tourismus zu schaffen, der „in Friedenszeiten attraktiv und in Krisenzeiten resilient“ ist (ebd., S. 8). Die weltweit zunehmende Bedeutung von Sicherheit für eine tourismusgetragene globale nachhaltige Entwicklung zeigt sich deutlich in der Ausrufung des Jahres 2027 zum „Internationalen Jahr des nachhaltigen und resilienten Tourismus“ durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen (Resolution 78/260). Auch die Initiative „Safety of Destinations“ von UN Tourism sowie das dreiteilige Whitepaper Security and Safety in the Tourism Sector beschäftigen sich mit dem Thema (UN Tourism, 2024a, b, c). Diese Entwicklung ist keineswegs neu. Sie deutet jedoch darauf hin, dass der Tourismus derzeit eine Phase verstärkter Versicherheitlichung durchläuft.

Priorisierung der Absicherung des Tourismus

In der Sicherheitsforschung  bezeichnet „Versicherheitlichung“ (securitisation) den Prozess, durch den ein Thema in einen sicherheitspolitischen Deutungsrahmen integriert wird (siehe Buzan et al., 1998). Ein solcher Sicherheitsrahmen richtet den Blick auf Bedrohungen und die von ihnen ausgehenden Risiken für ein bestimmtes „Sicherheitsreferenzobjekt“ (security referent object). Damit ist das gemeint, was als schützenswert gilt – beispielsweise der Staat, die Wirtschaft, die Umwelt, ein gutes Leben oder menschliches Leben. Dies legitimiert und erfordert wiederum die Entwicklung von Sicherheitspraktiken und -strategien, die das jeweilige Sicherheitsreferenzobjekt vor möglichen Bedrohungen und Risiken schützen sollen.

Die kritische Sicherheitsforschung nimmt dagegen eine andere Perspektive ein. Sie untersucht, „wer wo, wie und warum (un)sicher gemacht wird und mit welchen Folgen“ (Le Billon, 2015, S. 70). In diesem Zusammenhang argumentiert Prof. Didier Bigo, dass Sicherheitspraktiken zwar mit ihrem vermeintlichen Potenzial begründet werden, Vertrauen, Schutz und Gewissheit zu schaffen, zugleich jedoch „Unbehagen, Unsicherheit und neue Konflikte“ hervorrufen können (2012, S. 125). Bigo schlägt daher das Konzept der „(Un-)Versicherheitlichung“ ([in]securitisation) vor, das verdeutlicht, dass „Unsicherheit und Sicherheit gleichzeitig zunehmen können“ (S. 126). Aus Perspektive der kritischen Sicherheitsforschung ist es daher wichtig, nicht nur zu betrachten, was touristische Sicherheitspraktiken beabsichtigen – nämlich den Tourismus vor unterschiedlichen Bedrohungen und Risiken zu schützen –, sondern auch, welche weiterreichenden unbeabsichtigten Auswirkungen und Folgen sie haben können und wer davon wo, warum und auf welche Weise betroffen ist.

Praktiken zur Stärkung des Sicherheitsgefühls internationaler Tourist*innen

Aufbauend auf der kritischen Sicherheitsforschung konzentriert sich meine Forschung auf touristische Sicherheitspraktiken, die darauf abzielen, internationalen Tourist*innen ein ausreichendes Sicherheitsgefühl für den Besuch einer Destination zu vermitteln und sie während ihres Aufenthalts vor tatsächlichen Gefahren zu schützen (Becklake, 2021, 2023, 2025).

Zu diesen Praktiken gehören touristic assuring, touristic disciplining, touristic bubbling und touristic webbing.

Touristic assuring (Sicherheit vermitteln) zielt darauf ab, Tourist*innen Vertrauen und Sicherheit zu vermitteln und ihnen das Gefühl zu geben, nichts befürchten zu müssen. Dabei kommen häufig Marketing- und Zensurstrategien zum Einsatz. So nutzen Destinationsmarketingkampagnen diskursive Strategien, um Vorstellungen von Risiken entgegenzuwirken und Orte für den touristischen Konsum vertraut, gastfreundlich und sicher erscheinen zu lassen. Zensurstrategien dienen hingegen dazu, die Verbreitung von Informationen, Narrativen und Bildern zu kontrollieren, die dem Tourismus potenziell schaden könnten.

Touristic disciplining (Verhalten steuern) umfasst die Förderung von Verhaltensweisen, die touristischen Interessen dienen. Dabei kommen häufig auch pädagogische und repressive Strategien zum Einsatz. So sollen sogenannte Tourism Awareness Programmes Bürger*innen für die nationale Bedeutung des Tourismus sensibilisieren und ihnen zugleich vermitteln, wie sie sich Tourist*innen gegenüber „angemessen“ verhalten sollen. Verhalten sich Bürger*innen gegenüber Tourist*innen auf die „falsche“ Weise, können sie zum Ziel staatlicher oder privater Sicherheitskräfte werden, die zum Schutz des Tourismus und der Tourist*innen eingesetzt werden, beispielsweise spezieller Tourismuspolizeieinheiten.

Touristic bubbling (touristische Räume abschirmen) stellt eine Strategie dar, Räume und Orte für Tourist*innen sicher zu gestalten, häufig durch Privatisierung und Abschottung. Das bekannteste Beispiel hierfür ist die Errichtung privater, abgeschirmter und kontrollierter All-inclusive-Resorts. Doch auch Innenstädte, Nationalparks, Welterbestätten und Verkehrssysteme werden touristisch „abgeschirmt“, häufig durch den Aufbau und Einsatz staatlicher und privater Sicherheitskräfte.

Touristic webbing (Tourist*innen absichern und begleiten) hat zum Ziel, Tourist*innen unterwegs abzusichern und greift dabei häufig auf Überwachungs- und Begleitstrategien zurück. So werden Tourist*innen zunehmend dazu angehalten, digitale Anwendungen und Dienste zu nutzen, die unabhängig von ihrem Aufenthaltsort Sicherheitsinformationen, Empfehlungen und Unterstützung in Echtzeit versprechen. Alternativ können Tourist*innen beim Durchqueren als „riskant“ eingestufter Räume und Orte von Polizei oder Militär begleitet werden.

Obwohl diese Maßnahmen mit dem Schutz des Tourismus – und seines Potenzials für nachhaltige Entwicklung – begründet werden, zeigen sozialwissenschaftliche Studien aus Lateinamerika, dass solche Sicherheitspraktiken und die damit verbundenen Strategien unterschiedliche Formen von Ungleichheit reproduzieren. Zudem können sie die Menschenrechte und die menschliche Sicherheit bereits marginalisierter und vulnerabler Bevölkerungsgruppen beeinträchtigen (siehe Becklake, 2023).

Daraus ergeben sich zwei miteinander verbundene kritische Punkte: Erstens können bestimmte touristische Sicherheitspraktiken globale nachhaltige Entwicklung untergraben. Zweitens tragen sie dadurch zu einem fortlaufenden Prozess der (Un-)Versicherheitlichung bei.

Touristische Sicherheitspraktiken können nachhaltige Entwicklung untergraben

Nicht nur die kritische sozialwissenschaftliche Forschung stellt eine vereinfachende Verknüpfung touristischer Sicherheitspraktiken mit tourismusgetragener globaler nachhaltiger Entwicklung infrage. Auch UN Tourism weist darauf hin, dass touristische Sicherheitspraktiken:

mitunter die Grundsätze und Ziele einer nachhaltigen Tourismusentwicklung untergraben können. So kann beispielsweise die persönliche Sicherheit von Tourist*innen gegenüber jener der lokalen Bevölkerung priorisiert werden, oder Maßnahmen zur Sicherung touristischer Räume – etwa in Form von Enklaven oder festgelegten Routen – können das Menschenrecht der Bürger*innen auf Freizügigkeit innerhalb ihres eigenen Landes verletzen. (UNWTO, 2018, S. 97)

Diese Feststellung verdeutlicht die dringende Notwendigkeit, die weiterreichenden Auswirkungen und Folgen aller touristischen Sicherheitspraktiken kritisch zu evaluieren. Bislang beschränkt sich deren Bewertung jedoch häufig darauf, wie wirksam sie touristische Akteur*innen, Aktivitäten und Orte schützen (siehe beispielsweise UN Tourism, 2024a). Da tourismuspolitische Entscheidungsträger*innen und Akteur*innen zunehmend die Entwicklung und Umsetzung soziotechnischer Sicherheitspraktiken vorantreiben, gewinnen unabhängige Forschung und kritische Begleitung durch die Zivilgesellschaft umso mehr an Bedeutung.

Insbesondere bedarf es mehr Forschung und kritischer Begleitung zu der Frage, welche soziotechnischen touristischen Sicherheitspraktiken bereits bestehen und welche neu entstehen. Es gilt zu untersuchen, wie sie an unterschiedlichen Orten und von verschiedenen Menschen weltweit umgesetzt, erlebt und infrage gestellt werden.  Ebenso ist zu prüfen, inwiefern sie zu globaler nachhaltiger Entwicklung beitragen oder diese untergraben. Und – vielleicht am wichtigsten – wie sie auf praktische und grundlegende Weise verändert werden können, um eine Welt zu fördern, die für alle inklusiv, gerecht, friedlich und ökologisch nachhaltig ist. Diese Arbeit ist unverzichtbar, wenn der fortlaufende Prozess touristischer (Un-)Versicherheitlichung durchbrochen werden soll.


Dr. Sarah Becklake promovierte im Fach Soziologie an der Lancaster University und ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrende am Institut für Soziologie der Leibniz Universität Hannover. Ihre interdisziplinäre Expertise umfasst die theoretische Auseinandersetzung mit dem globalen Tourismussystem sowie dessen empirische Untersuchung und kritische Analyse. Ihre Forschung wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht, darunter Geopolitics; Tourism Geographies; Globalizations; Conflict, Security & Development; Space and Culture; Geographische Zeitschrift und Zeitschrift für Tourismuswissenschaft.


Referenzen:

Becklake, S. (2021). Gendered touristic security: The case of Guatemala. In M. Mostafanezhad, M. Córdoba Azcárate, & R. Norum (Eds.), Tourism geopolitics: Assemblages of infrastructure, affect, and imagination (pp. 207–230). University of Arizona Press.

Becklake, S. (2023). Touristic security: Not a ‘win-win’ global security practice. Conflict, Security & Development, 23(4), 289–316.

Becklake, S. (2025). The neocolonial securitisation of mobilities: (Re)producing (in)fragilities, (in)securities, and (im)mobilities. In J. Becker, M. Bös, & S. Çakır (Eds.), Fragility of global migration: Exploring a constitutive aspect of migratory forms. Springer.

Bigo, D. (2012). International political sociology. In P. D. Williams (Ed.), Security studies: An introduction (2nd ed., pp. 121–133). Routledge.

Buzan, B., Wæver, O., & de Wilde, J. (1998). Security: A new framework for analysis. Lynne Rienner.

Le Billon, P. (2015). Geography: Securing places and spaces of securitization. In P. Bourbeau (Ed.), Security: Dialogue across disciplines (pp. 62–89). Cambridge University Press.

UN Tourism (formerly UNWTO). (2018). Tourism for development: Volume 1: Key areas for action. https://www.e-unwto.org/doi/epdf/10.18111/9789284419722 [05.09.2026].

UN Tourism. (2024a). White paper: Security and safety in the tourism sector. Volume 1: Close links between tourism, security, safety and development. https://www.e-unwto.org/doi/book/10.18111/9789284425440 [26.08.2026].

UN Tourism. (2024b). White paper: Security and safety in the tourism sector. Volume 2: Compendium of technical guides on risks and initiatives. https://www.e-unwto.org/doi/book/10.18111/9789284425464 [26.08.2026].

UN Tourism. (2024c). White paper: Security and safety in the tourism sector. Volume 3: Case studies and testimonials. https://www.e-unwto.org/doi/book/10.18111/9789284425488 [26.08.2026].

United Nations. (2015). Transforming our world: The 2030 agenda for sustainable development. https://sdgs.un.org/sites/default/files/publications/21252030%20Agenda%20for
%20Sustainable%20Development%20web.pdf
[05.09.2026].