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Reiseführer als Bildungsmedium?

Die Konstruktion von Sehenswürdigkeit


Tourismus in Yucatan


Von Melanie Uth

Mit einem jährlichen Marktvolumen von über 400 Millionen Euro sind gedruckte Reiseführer in Deutschland auch heutzutage beliebt und weit verbreitet. Für viele Reisende sind sie das einzige Informationsmedium, um sich über „Land und Leute“, Geschichte, Traditionen, Sprache/n der besuchten Regionen zu informieren. Die Texte sind häufig in einem dezidierten und einladenden Ton geschrieben, und die Reisenden haben in der Regel keinen Grund, die gegebenen Informationen in Frage zu stellen. Gedruckte Reiseführer sind also eine Art populäres Bildungsmedium. Als solche genießen sie das Vertrauen der Leserschaft in das Expertenwissen der Autor*innen, und haben damit (noch immer) einen hohen Einfluss darauf, mit welchen Ideen und Erwartungen ihre Leser*innen reisen.

Vor diesem Hintergrund sind zahlreiche Darstellungen in aktuellen Reiseführern kritisch zu betrachten, wie Recherchen am Institut für Romanistik der Universität Potsdam zeigen. Zum Beispiel weichen Angaben zu Bevölkerungszahlen zum Teil drastisch von der Realität ab (bis zu zwei Drittel von offiziellen Volkszählungen), und viele für die beschriebenen Regionen sehr wichtigen gesellschaftlichen Prozesse und Konflikte finden gar keine Erwähnung. Dies gilt vor allem dann, wenn es lokale Relikte (Ruinen u.a.) einer „glorreichen Vergangenheit“ gibt, die der Leserschaft als attraktive Ziele präsentiert werden können.

Vergleiche von unterschiedlichen Reiseführern zu ein und derselben Region zeigen zudem, dass mitunter drastisch voneinander abgeschrieben wird oder Neuauflagen ohne wichtige Korrekturen erscheinen und so auch „alte“ Fehler mitkopiert werden – wobei es zwischen den Verlagen teils deutliche qualitative Unterschiede gibt.

Problem der Sehens-würdig-keit

Da das alltägliche Leben der besuchten Menschen an sich oft nicht als besuchenswert, d.h. „sehens-würdig“, empfunden wird, entsteht ein verzerrtes Bild der herausgestellten Regionen, das den Fokus der Leserschaft auf ganz spezifische, als besonders schillernd und sehens-würdig bewertete Orte lenkt. Die vor Ort lebenden Menschen werden in dem Zuge automatisch zur bloßen Kulisse degradiert, oder auch zu bloßen Dienstleister*innnen, welche dabei helfen mögen, die beschriebenen „must-see“-Erlebnisse zu realisieren. Oder aber sogar zu Hürden, die es mit Bedacht zu überwinden gilt. So finden sich in Reiseführern nicht selten Kommentare wie, „der Ort lohnt sich nicht“, „lieber schnell durchfahren“, „Vorsicht vor …“, bestimmte Viertel „lieber meiden“.

In der Logik der oft weit reisenden und erlebnishungrigen Leser*innen erscheinen diese Ausdrucksweisen und Tipps ausgesprochen sinnvoll. Die Etappen von Rundreisen werden in der Regel komplett durch die Antwort auf die eine zentrale Frage „Lohnt sich das?“ strukturiert. Aus Sicht der regionalen Bevölkerung ist ein interkultureller Kontakt unter diesen Voraussetzungen allerdings mit tagtäglichen Schwierigkeiten behaftet. So verursachen die derart vermittelten Vorstellungen über die besuchten Regionen oftmals ein zweifelhaftes Verhalten seitens der Reisenden, das von der Lokalbevölkerung nicht selten als „würdelos“ beschrieben wird und die regionale Lebensqualität zum Teil massiv beeinträchtigt. Wie ernst diese Schwierigkeiten für die Lokalbevölkerung sind, macht zum Beispiel der mexikanische Anthropologe Pedro Antonio Be Ramírez mit seiner Befragung von Einwohner*innen des Tourismus-Hotspots Cancún 2024 deutlich (Be Ramírez 2024: 79f). Die folgenden Zitate sind exemplarisch für die Haltung der Mehrheit der Befragten und sollten unter den Autor*innen ebenso wie den Leser*innen aktueller Reiseführer deutlich mehr Beachtung finden:

Die Menschen werden als Ausstellungsstücke betrachtet. Das ist das Schlimme daran, die Kultur wird in keiner Weise respektiert.“

 (21-jähriger Bewohner von Cancún, Mexiko)

Es ist wie im Theater. … Man schaut, was den Touristen gefällt, [und fängt an], Dinge nur noch nachzuspielen … Das machen sie jeden Tag. Es macht keinen Sinn. … Sie sehen es als Werbung, um mehr Mittel zu bekommen. … Dann gehen [die Touristen] mit falschen Informationen und diesem schlechten Bild nach Hause.“

(21-jährige Bewohnerin von Cancún, Mexiko)

Koloniale Spuren und Exotisierung

Das Problem der Sehens-würdig-keit geht dabei in den Reiseführern einher mit (unbewussten) kolonialen Narrativen und exotisierender Aufbauschung. Beides findet sich in vielen Texten auch heute noch und wird teilweise von einer Auflage in die nächste kopiert. Unbedarfte Formulierungen wie „dort kann man Frauen in bunten Trachten beobachten“ oder „Hier können Sie noch weitgehend unberührte Ruinen entdecken…“ reproduzieren die koloniale Idee der Exploration exotischer Andersartigkeit und wirken kräftig mit an der Degradierung der Lokalbevölkerung zu einem bloßen Teil der besuchten Landschaft.

Der Umgang mit überhöhten Erwartungen ist generell schwierig. Die Beschreibungen in Reiseführern konstruieren mitunter schlicht falsche Erwartungen. Diese führen schnell zu einer negativ-angespannten Grundhaltung der Reisenden, mit welcher die Lokalbevölkerung zusätzlich zu den ökologischen Herausforderungen tagtäglich umgehen muss. Wenn zum Beispiel ein non-stop frequentierter und ausgetretener Weg zu einer „verlorenen Stadt“ in einer indigenen Bergregion Kolumbiens als „aufregende Dschungelexkursion“ angepriesen wird oder eine mexikanische Ruinenstätte mit bis zu 40.000 jährlichen Besucher*innen als „einsam und mysteriös, im Dschungel verborgen“, machen sich die Verfasser*innen selten Gedanken über die regional-sozialen Auswirkungen der somit generierten Erwartungshaltung (ganz abgesehen von den tagtäglich zu bewältigenden Touristenströmen). Über den Zusammenbruch zentraler Infrastrukturen wie Wasserversorgung, Abfallentsorgung, Verkehrsregelung oder Konflikte um das teure Land in touristischen Regionen wird zwar inzwischen öfter, aber immer noch viel zu wenig berichtet.

Die Exotisierung und Stilisierung bestimmter (meist historischer) Kulturgüter zu glorreichen vergangenen Objekten befördert die Wahrnehmung kultureller Elemente als Waren und macht die Belange der heutigen Lokalbevölkerung unsichtbar. Die aktuellen kulturellen Ausprägungen und „Highlights“ scheinen den Autor*innen von Reiseführern aufgrund der Fokussierung auf Ruinen und Denkmäler oft gar nicht bekannt oder zumindest nicht erwähnenswert zu sein.

Verantwortungsvolle Begegnungen

Auch wenn der Fokus auf (vermeintlich) spektakuläre Ruinen und Naturspots den meisten touristisch Reisenden inzwischen fast in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint, erfordert nachhaltiges Reisen auf kulturellem Gebiet ein fundamentales Umdenken. Hierfür ist es nötig, sich jenseits von erlebnisheischenden und exotisierenden Darstellungen über die besuchten Regionen zu informieren und der lokalen Bevölkerung mit Respekt für ihre aktuellen Bräuche und Belange zu begegnen (oder alternativ auf einen Besuch zu verzichten). Es bleibt zu hoffen, dass sich auch die Reiseführer dahingehend weiterentwickeln und so vermehrt dazu beitragen, den Tourismus in dieser Hinsicht sozial verträglicher und gerechter zu gestalten.

Melanie Uth arbeitet als Professorin für romanische Sprachwissenschaft an der Universität Potsdam. In einem internationalen Team untersucht sie kognitive, kulturelle und gesellschaftspolitische Aspekte im Zusammenhang mit romanischen und amerikanischen Sprachen, Kulturen und Gesellschaften, mit einem Fokus auf sprachlich-kultureller Diversität und Nachhaltigkeit.