Wettbewerbsvorteil Gesundheit

Impfpriorität für die dominikanische Tourismuswirtschaft

Von Lea Thin
Rezeptionist hinter Plastikscheibe mit Mund-Nasen-Schutz
© Sabolaslo-Unsplash

Die Dominikanische Republik hat Ende April mit der Impfung aller Beschäftigten des Tourismussektors und ihrer Familien gegen COVID-19 begonnen. Damit trifft der karibische Inselstaat bei der Priorisierung von Impfdosen eine klare Entscheidung zugunsten der dramatisch betroffenen Tourismuswirtschaft. Die großen Hotelresorts haben ihre Foyers kurzerhand zu Impfzentren umfunktioniert – und sind mit großer Wahrscheinlichkeit auch diejenigen, die am meisten vom Wettbewerbsvorteil „Impfung“ profitieren werden.

Impfen gegen den Wirtschaftscrash

Das Gastgewerbe ist eine der wichtigsten Säulen der dominikanischen Wirtschaft. Nach Angaben der Zentralbank trug es vor Ausbruch des Coronavirus fast acht Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, beanspruchte 36 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion und war für 33,9 Prozent der Devisen, die ins Land kommen, verantwortlich. Doch seit der Pandemie ist die Auslastung der Hotels stark zurückgegangen, mehr als eine halbe Million Beschäftigte befinden sich im Schwebezustand. Um dem völligen Wirtschaftscrash entgegen zu steuern und schnellstmöglich wieder Reisende ins Land zu locken, hat die Regierung daher bereits im Frühjahr Mitarbeiter:innen des Tourismussektors dazu aufgefordert, sich impfen zu lassen. Ein notwendiger Schritt, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, sagt Alexis Moisés, Präsident von FUNDATUR (La Fundación de Apoyo al Desarrollo y Fomento del Turismo): ,,Wir waren die ersten, die der nationalen Regierung öffentlich empfahlen, der Impfung des touristischen Personals gegen COVID-19 Priorität einzuräumen. Die touristischen Aktivitäten werden dadurch allmählich reaktiviert, so dass die formell und informell Beschäftigten nach und nach ihre Einkommensquellen zurückgewinnen.“

Falsche Prioritäten? 

Die Initiative war der Startschuss für eine Kampagne, bei der jeden Tag mehrere tausend Menschen geimpft werden sollen. Und die Strategie trägt bereits Früchte. Heute liegt der karibische Inselstaat in Lateinamerika ganz weit vorne, was die Impfquote seiner Bevölkerung gegen COVID-19 angeht. Davon profitiert auch der Tourismus: „Die Wirtschaft des Landes ist auf dem besten Weg wieder die Wachstumsrate zu erreichen, die sie vor der Pandemie hatte. Wir gehen davon aus, dass sich die Dominikanische Republik bis Ende 2021 wieder als zuverlässiges, führendes Reiseziel in der Karibik positionieren wird“, so Moisés. 

Doch wie jedem anderen Land stehen auch der Dominikanischen Republik nur begrenzt Impfdosen zur Verfügung. Daher gibt es auch hier eine Priorisierung von Risikogruppen. Die Priorisierung fand aber bislang nur auf dem Papier statt, sagt Matias Bosch, Professor für Sozialwissenschaften an der Universität UNAPEC in Santo Domingo: „In der Dominikanischen Republik stehen Tourismusmitarbeiter:innen in derselben Prioritätsgruppe wie beispielweise das Militär. Es gibt aber keine Mechanismen, um sicherzustellen, dass Risikogruppen, etwa nach beruflicher Tätigkeit, Alter oder Gesundheitszustand, geimpft werden. Wir wissen also weder, wer bereits geimpft worden ist und – schlimmer noch – wer ausgelassen wurde. Denn abgesehen von der Anzahl der verabreichten Impfdosen gibt es von der Regierung keine Informationen darüber, nach welchen Kriterien Impfberechtigte ausgewählt wurden. Das ist wirklich ein Problem.“ Auf dem Papier scheint sich die Tourismuswirtschaft in der Dominikanischen Republik dank der Impfpriorisierung seiner Beschäftigten gut zu erholen. Aber es bleibe unklar, wie gewährleistet wird, dass nicht nur große Hotelketten und Resorts, sondern auch kleine Tourismusanbieter, Saisonarbeiter:innen oder informelle Beschäftigte Zugang zu den Impfungen erhalten.

Gute Aussichten, vor allem für den Massentourismus

Mit der Impfung der Tourismusindustrie will die dominikanische Republik auch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Destinationen schaffen. Einen klaren Gewinner scheint es dabei zu geben: „Das All-Inclusive Modell kann die neuen Hygiene- und Abstandsregeln besonders gut umsetzen und so coronakonformes Reisen ermöglichen. Resorts mit eigenen Restaurants und Freizeitangeboten müssen im Grunde überhaupt nicht verlassen werden. Ein riesiger Vorteil, wenn es darum geht, die Verbreitung von Infektionen zu vermeiden – und ein wesentlicher Grund dafür, dass die Ankunft ausländischer Passagiere auf dem Luftweg von Januar bis Mai dieses Jahres weiter zugenommen hat“, betont Moisés. Giselle Cedeño von ALBA SUD sieht diese Entwicklung kritisch: „Die Abhängigkeit vom internationalen Markt und dem Massentourismus ist offensichtlich. Dennoch zielten die von der Regierung und dem privaten Sektor ergriffenen Maßnahmen darauf ab, genau diesen Markt wieder zurückzuerobern.“ Damit werde ein Tourismusmodell gestärkt, das auch in Zukunft sehr anfällig für Krisen ist und somit langfristig die Vulnerabilität der dominikanischen Wirtschaft erhöht. Denn auch wenn die Auslastung der Hotels wieder zu steigen beginnt, reicht sie nicht aus, um alle Mitarbeiter*innen wieder fest einzustellen. 

Um den Bedarf an Mitarbeiter:innen vor allem an den gut besuchten Wochenenden zu decken, haben sich viele Unternehmen dafür entschieden, Zeitarbeitsfirmen zu beauftragen. „Vor der Pandemie wurden Zeitarbeiter:innen von Hotels nur für große Events engagiert. Jetzt ist die Nachfrage nach ihren Diensten stark gestiegen, etwa in den Bereichen Housekeeping, Küche, Wäscherei und vor allem in den Restaurants. Für die Unternehmen ist das sehr komfortabel. Sie haben nicht dieselben Verpflichtungen wie für eine feste Belegschaft. Es ist billiger, denn es muss keine Krankenversicherung, kein Transport, keine Unterkunft bezahlt werden", so Cedeño. 

Priorisierung oder Prekarisierung? 

Momentan sieht es so aus, als profitierten vor allem die großen All-Inclusive Hotels von den staatlichen Maßnahmen, aber die lagern ihre Arbeit immer weiter aus statt die Vorteile mit ihren Mitarbeiter*innen zu teilen. „Bereits jetzt hat die Pandemie maßgeblich zu einer Prekarisierung des touristischen Arbeitsmarkts geführt. Etwa 150.000 Menschen haben ihren Arbeitsplatz im Gastgewerbe verloren. Dazu befinden sich viele Menschen in der sogenannten „Suspendierung“ – ein Status, der in der Pandemie eingeführt wurde. Sie werden nicht gekündigt, obwohl sie nicht arbeiten können, allerdings muss der Arbeitgeber auch nicht zahlen. Angestellte, die ihre Arbeit noch ausüben können, haben durch die Hygienemaßnahmen eine viel höhere Arbeitsbelastung mit massiven Überstunden“, kritisiert Cedeño. 

Zweifelsohne scheint die Entscheidung, touristisches Personal bereits früh impfen zu lassen, die Tourismuswirtschaft der Dominikanischen Republik erfolgreich durch die Krise zu führen. Wer dabei letztendlich jedoch auf der Strecke geblieben ist, wird sich erst noch zeigen.

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