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Seoul am Scheideweg

Ohne nachhaltige Lebensbedingungen kein nachhaltiger Tourismus


Die südkoreanische Megacity Seoul hat zehn Millionen Einwohner und verfolgt rastlos das Ziel, Besucherzahlen von 20 Millionen pro Jahr zu erreichen. Wenn die Stadt jedoch für ihre Bewohner keine nachhaltigen Lebensbedingungen sicherstellen kann, ist dieses Ziel mit Sicherheit ebenfalls nicht nachhaltig. Im September 2016 werden wir versuchen, einen neuen Kurs einzuschlagen. Mit dem “Seoul International Sustainable Tourism Forum 2016” beginnen wir auf eine neue Art und Weise über den Tourismus zu sprechen – und über die Zukunft von Seoul.

Im Laufe der vergangenen 60 Jahre wurde unser gutes Schiff “Südkorea” in nur eine Richtung gesteuert: Entwicklung. „Entwicklung” wird wie eine heilige, allmächtige Gottheit verehrt. Am Zielangekommen stellen wir jedoch fest, dass wir nicht das Gelobte Land erreicht haben, sondern die „Hölle Joseon“. Junge Koreaner haben unser Land mit diesem satirischen Begriff versehen, nachdem sie Zeugen der rigiden Sozialstruktur, monopolistischen Kontrolle und Diktatur geworden sind. Unter allen OECD-Ländern hat Südkorea die höchste Selbstmordquote, die höchste Verschuldungsquote privater Haushalte, die höchste Mortalität durch Industrieunfälle und den höchsten Anteil an Beschäftigten in befristeten Arbeitsverhältnissen –eine Situation, die an die Joseon Dynasty (1392–1897) erinnert. Vielleicht reisen die Koreaner deshalb so gerne, um dieser Hölle zu entkommen.

Touristen als Eindringlinge

Ob für Koreaner oder ausländische Touristen, Ferien in Korea sind normalerweise sehr kurz – kürzer als eine Woche. In der Urlaubszeit besteht ein massiver Andrang auf die bekannten Touristenziele. Selbst die Urlauber sind davon gestresst. Raus aus dem Bus, Fotos machen, wieder zurück in den Bus. Raus aus dem Bus, Souvenirs kaufen. Rein ins Lokal, raus aus dem Lokal. Dann nach Hause fliegen. Die Hektik ist so groß, dass den Touristen gar nicht bewusst wird, dass sie Eindringlinge sind, wo andere zuhause sind, in ihren Städten und Dörfern. Die Touristen sind einfach nur Konsumenten. Sietreffen die Menschen nicht und bekommen so auch kein tiefergehendes Verständnis ihrer Kultur. Siehinterlassen Zerstörung und Verletzung. Das Ihwa Mural Village ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Seoul. Besonders beliebt ist es bei Touristen aus China, Taiwan und Hongkong. Am 24. April 2016 wurde festgestellt, dass jemand die Wandmalereien mit grauer Farbe überstrichen hatte. Die Kosten für die Wiederherstellung wurden auf 50 Millionen südkoreanische Won (über 40.000€) geschätzt. Die Polizei fand in ihren Ermittlungen heraus, dass der Vandalismus von fünf Anwohnern begangen worden war – nach Rücksprache mit 45Haushalten im Dorf. Die Anwohner konnten den Lärm und Müll nicht länger ertragen, und auch nicht die unhöflichen Touristen mit Kameras, die in ihre Privatsphäre eindrangen.

Tourismusflüchtlinge

In einer ganzen Reihe von Destinationen in Korea wurden aus Wohngegenden Touristenziele, mit verheerenden Folgen. So auch in Seochon und Bukchon, zwei Stadtteilen Seouls, die den Korea-Krieg (1950-53) überstanden und sich ihren Dorfcharaktererhalten haben. „Hanoks“, traditionelle koreanische Häuser, wurden in ihrer ursprünglichen Formerhalten und werden weiterhin bewohnt. In solchen Stadtteilen haben sich die Grundstücks- und Immobilienpreiseinnerhalb von zehn Jahren verzehnfacht. Lokale Geschäfte für den täglichen Bedarf wurden ausnahmslos durch Cafés, Bäckerei-Ketten und Souvenirläden ersetzt, die großen Konzernen gehören. Als diese Gegenden zu Touristenzielen wurden, zwang der Stress, dem sie ausgesetzt wurden, die alteingesessenen Anwohner, dort wegzuziehen. Viele von ihnen zogen in Apartmenthochhäuser am Rande oder außerhalb von Seoul, wo sie als “Tourismusflüchtlinge” bekannt wurden.

Neue Wege finden

“Der Tourismus bringt Arbeitsplätze und Devisen”. Diese Aussage eines aktuellen Schulbuchs ist unumstritten. Doch haben wir in diesem Schulbuchnichts darüber erfahren, wie wir unsere Nachbarn schützen und unser Leben aufrechterhalten können, wenn der Tourismus uns heimsucht und unsere Nachbarn vertreibt. Wir müssen alternative Wege finden, wie neue Straßen, die auf keiner Karte verzeichnet sind.

Wenn wir keine nachhaltigen Lebensbedingungen sicherstellen können, wird es auch keinen nachhaltigen Tourismus geben. Am 20. und 21. September2016 wird die Stadt Seoul zum ersten Mal ein internationales Forum zu fairem und nachhaltigem Tourismusveranstalten. Wir werden neue Diskurse über den Tourismus und die Zukunft von Seoul anstoßen. Wir werden diskutieren, ob mehr Touristen die Einwohner glücklicher machen und wie eine städtische Tourismusentwicklung aussehen soll, die die Rechte der Einheimischen wahrt und ihnen ihre Lebensqualität erhält. Wir werden uns anschauen, welche politischen Handlungskonzepte in der Stadtumgesetzt werden sollen, um sicherzustellen, dass der Tourismus Gästen wie Einwohnern gut tut. Durch kontinuierliche Interaktion zwischen Stadtverwaltung, Bürgern, Experten und Touristen mussfairer Tourismus im Rahmen der Stadtpolitik realisiert werden. Damit können wir ein neues Ziel erreichen: nachhaltigen Tourismus auf Grundlage nachhaltiger Lebensbedingungen.

Maria Youngsin Lim ist Friedensaktivistin, engagiert sich seit 2007 in der Bewegung für einen fairen Tourismus in Südkorea und ist Gründerin der Nichtregierungsorganisation “Imagine Peace”. Sie ist Autorin des Buches „Reise zur Hoffnung“ (auf Koreanisch).

Englische Übersetzung aus dem Koreanischen: Jihyun Kim, Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

(5.265 Zeichen, September 2016, TW 84)