Mit Tourismus aus der Krise

Gesundheitstourismus und Wellness nach Corona

Von Christina Kamp
Health and Wellness
© Antonika Chanel - Unsplash

Die Corona-Pandemie hat offengelegt, wie wenig selbstverständlich ein „gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters“ war und ist – überall auf der Welt. Als eines der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung hat Gesundheit für die internationale Gemeinschaft einen hohen Stellenwert. Der Reiseverkehr hat sich in der Pandemie vor allem als Infektionstreiber erwiesen. Doch kann ein auf Gesundheit ausgerichteter Tourismus auch zur Erholung beitragen und die Resilienz stärken.

Das Problem der ‘Vorerkrankungen‘ hat in der Pandemie ein Schlaglicht auf die Vulnerabilität breiter Teile der Bevölkerung geworfen. In reichen Ländern wie Deutschland geht es dabei vor allem um typische ‘Wohlstandskrankheiten‘ wie Diabetes oder Adipositas, in Entwicklungsländern oft auch um mangelbedingte Erkrankungen. Sowohl bei der Gesundheitsvorsorge als auch bei der -versorgung hat die Corona-Pandemie erhebliche Defizite offengelegt. Die Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften gegen COVID-19 hängt neben wirksamen Maßnahmen zum Infektionsschutz auch von der Robustheit der Gesundheitssysteme, der Bevölkerungsstruktur und der Krankheitslast ab. Nach über einem Jahr rückt neben der Vermeidung weiterer Pandemie-Wellen der Umgang mit den vielgestaltigen gesundheitlichen Folgen der Krise in den Blick.

Der globale Reiseverkehr – touristisch oder nicht – hat das Corona-Virus SARS-Cov-2 rund um die Welt getragen. Auch dessen Varianten können durch infizierte Reisende weiterverbreitet werden, die keine Symptome haben oder wenn die weitverbreiteten Schnelltests frühe Phasen der Infektion noch nicht erkennen.  Das Risiko steigt, wenn Einreise- und Quarantäneregeln und Testpflichten gelockert werden, während die Impfkampagnen in vielen Ländern noch nicht weit genug fortgeschritten sind. Bei aller weiter gebotenen Vorsicht verspricht der langsam wieder anlaufende Tourismus aber auch Erholung von der Pandemie. Das gilt sowohl für die Menschen in den Zielgebieten, die im Tourismus nach langer Zeit wieder Beschäftigung und Einkommen finden, als auch für die ‘urlaubsreifen‘ Gäste.

Gesundheitliche Folgen der Pandemie

Das körperliche und psychische Wohlbefinden vieler Menschen ist durch COVID-19 und die pandemiebedingten Einschränkungen laut einer internationalen Studie stark gesunken. Zudem ist das Ausmaß der als ‘Long Covid‘ bezeichneten Langzeitfolgen von COVID-19 noch nicht absehbar. Für viele andere gesundheitliche Probleme sank in der Pandemie die Aufmerksamkeit, nötige Behandlungen wurden nicht selten hinausgezögert. Viele Menschen ernähren sich in der Krise schlechter und ungesünder. Bei anderen hat sich der Trend hin zu einer gesünderen Ernährung verstärkt und das Gesundheitsbewusstsein ist gestiegen.

Um Abstand vom Alltag zu bekommen, zu entspannen, Neues zu erleben und Kraft zu tanken, spielen Urlaub und Reisen eine wichtige Rolle. Das Recht auf Urlaub wurde aus gutem Grund – zum Schutz der Gesundheit – gesetzlich verankert und ist Bestandteil der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Speziell auf Gesundheit ausgerichtete touristische Angebote dürften gerade nach der Pandemie erheblich an Stellenwert gewinnen.

Medizin- und Gesundheitstourismus

Bereits zuvor erlebten gesundheitstouristische Angebote einen wahrhaften Boom. Das Spektrum ist breit, angefangen bei ärztlichen Behandlungen bis hin zu gesundheitsfördernden Wellness-Programmen. Unterschiede in Bezug auf Behandlungskosten, Wartezeiten bei Operationen oder die Qualität der ärztlichen Versorgung veranlassen Patient:innen, sich im Ausland behandeln zu lassen. Nicht selten verbinden sie dies mit einem touristischen Aufenthalt. Entsprechend hat zum Beispiel die indische Regierung vor einigen Jahren spezielle Visa für medizinische Zwecke eingeführt, um mehr ausländische Patient:innen ins Land zu locken. Auch Thailand hat seine Position als südostasiatischer Hub für medizinische Dienstleistungen und Wellness ausgebaut.

Wachstumsmarkt Wellness

Wellness-Angebote legen den Schwerpunkt auf gesundheitsfördernde Entspannung und Regeneration. Nach Daten des Global Wellness Institutes (GWI) hat der Wellness-Tourismus zwischen 2015 und 2017 ein Wachstum von 6,5 Prozent verzeichnet, mehr als doppelt so viel wie der Tourismus insgesamt. 2017 seien 830 Millionen Reisen zu Wellness- und medizinischen Zwecken unternommen worden, davon 209 Millionen nach Asien, heißt es im GWI-Bericht zur “Global Wellness Tourism Economy”. Die Region Asien-Pazifik, angeführt von China und Indien, verzeichnete besonders hohe Wachstumsraten. Auch in Lateinamerika und in der Karibik, im Nahen Osten und Nordafrika und in Afrika südlich der Sahara war das Wachstum überdurchschnittlich.

Gesundheitstouristische Alleinstellungsmerkmale

Destinationen punkten mit ihrer eigenen Kultur und Gastronomie und oft auch mit gesundheitsfördernden natürlichen Gegebenheiten, Traditionen und Heilmethoden. Im Gesundheitstourismus haben Länder mit international bekannter kulturspezifischer Heilkunde Alleinstellungsmerkmale entwickeln können: Ayurveda – das ‘Wissen vom Leben‘ – in Indien und Sri Lanka oder die traditionelle chinesische, thailändische oder tibetische Medizin in verschiedenen asiatischen Ländern verbinden die Behandlung von Krankheiten mit allgemeiner Gesundheitsvorsorge.

In Lateinamerika hat Costa Rica mit seiner “Wellness Pura Vida”-Kampagne ein Markenimage entwickelt und setzt besonders auf Naturnähe. Auf dem afrikanischen Kontinent diversifiziert zum Beispiel Südafrika mit ‘Achtsamkeitssafaris‘ und Yoga in der Wildnis das touristische Angebot in Richtung Wellness. Marokko setzt auf seine traditionellen Badehäuser (Hammams), Ägypten auf Sandbäder und Thermalquellen.

Erholung und Resilienz für Gäste und Einheimische

Der Gesundheitstourismus bietet Destinationen die Chance auf eine deutliche höhere Wertschöpfung als viele andere Tourismussegmente. Wellness-Reisen machen laut GWI 6,6 Prozent aller touristischen Reisen aus, aber 16,8 Prozent der Ausgaben der Reisenden. Jahreszeitunabhängige Angebote helfen der Saisonalität im Tourismus entgegenzuwirken. Auch ist der Wettbewerb über den Preis in diesem Segment weniger ausgeprägt.

Eine gute Gesundheits-, Erholungs- und Wellness-Infrastruktur verbessert die Widerstandsfähigkeit von Destinationen und Gesellschaften in und nach der Krise also nicht nur in Bezug auf die öffentliche Gesundheit sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Entsprechend gestaltet kommt sie sowohl dem Gesundheitstourismus als auch dem Wohlbefinden der einheimischen Bevölkerung zugute.
 

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