Mehr Engagement für Impfgerechtigkeit

3 Strategien für internationale Tourismusakteure

von Lebawit Lily Girma
Impfung in der Zona Reina
© Florian Kopp / Brot für die Welt

Durch ihr Schweigen zum Thema Impfgerechtigkeit sind die großen Unternehmen der Reisebranche ebenso für eine sich vertiefende Kluft im Tourismus verantwortlich, wie Regierungen, die Impfstoffe horten, schreibt Lebawit Lily Girma in ihrem lesenswerten Artikel für das amerikanischen Branchenmagazin Skift. Wir haben ihn leicht gekürzt übersetzt. Das englische Original finden Sie hier.

Ohne Impfgerechtigkeit gibt es keine globale Erholung des Tourismus

Schon zu Beginn der Sommerreisesaison in Ländern mit hohen Impfquoten, forderte das Branchen-Magazin Skift den Tourismussektor auf, sich für Impfgerechtigkeit weltweit einzusetzen. Drei Monate später liegt der Prozentsatz der Menschen in einkommensschwachen Ländern, die eine erste Dosis des Covid-Impfstoffs erhalten haben, laut Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) bei 1,1 Prozent.
Es ist eine erschütternde Geschichte der Gleichzeitigkeit zweier Tourismus-Welten: Die eine erlebt dank der Impfungen eine frühe wirtschaftliche Erholung, während die andere weiter auf Impfdosen wartet. Die tourismusabhängigen Volkswirtschaften öffnen sich bereits wieder für geimpfte Reisende und gehen dabei das Risiko von Infektionen in ihrer eigenen Bevölkerung ein.

Wie kann die Tourismusbranche selbst aktiv werden, um die weltweite Ungerechtigkeit der Impfstoffverteilung zu verringern? Welche Verantwortung haben einflussreiche Organisationen wie der World Travel and Tourism Council (WTTC), die Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) oder die großen Reiseveranstalter und Tourismusunternehmen, wenn sie Urlauberinnen auf die Reise schicken und damit dazu beitragen, die Spaltung der beiden Tourismuswelten zu vertiefen?

Mehr Bemühungen seitens der großen Verbände nötig

„Die globalen Institutionen, die den Tourismus vorantreiben – UNWTO, WTTC und andere globale Akteure – müssen die Stimme erheben und sich für die Tourismusfamilie einsetzen“ sagt der jamaikanische Tourismusminister Edmund Bartlett, der kürzlich auf dem UNWTO-Gipfel zur Erholung des Tourismus in Riad das Thema Impfgerechtigkeit ansprach. „Ich möchte den WTTC dringend auffordern, wieder auf den richtigen Weg zu kommen“, sagt Bartlett und weist auf die starke Beziehung des WTTC zur „industriellen, wohlhabenden Welt“ hin.
Virginia Messina, Vize-Präsidentin und amtierende Geschäftsführerin des WTTC, des globalen Verbands der Tourismuswirtschaft, sagt, dass die Organisationen hinter den Kulissen über Impfbemühungen gesprochen habe, wie zuletzt mit dem internationalen Luftverkehrsverband IATA oder dem Asiatisch-Pazifischen Reiseverband PATA. „Ich denke, es wäre interessant, wirklich zu verstehen, was unsere Mitglieder machen, denn ich glaube, dass sie wahrscheinlich mehr tun, als wir sehen oder denken“, so Messina. „Aber wir können sicherlich lauter darüber sprechen, sei gegenüber des öffentlichen oder des privaten Sektors“. In einer Erklärung an Skift führt die UNWTO an, dass Impfgerechtigkeit „völlig konsistent“ mit ihrer Position während der Pandemie sei.

Vorreiter der Tourismuswirtschaft werden aktiv

Anfang August kündigte der Reiseveranstalter Intrepid Travel den Start einer globalen Kampagne für Impfgerechtigkeit an. Sie setzen dabei auf einen zweigleisigen Ansatz. Dieser besteht einerseits aus Aufklärungsarbeit über Impfstoffe und andererseits daraus, die Hindernisse beim Zugang zu Impfstoffen vor Ort zu reduzieren, in denen die Mitarbeitenden von Intrepid Travel tätig sind und in denen Reisen wiederaufgenommen werden.

„Unsere Kundinnen und Kunden kommen aus den USA, Großbritannien und Australien. Sie reisen nach Asien, Lateinamerika und Afrika – und es ist schön, wenn sie sich sicher fühlen. Aber die brutale Realität ist, dass die Menschen in den Urlaubsregionen gleichzeitig nicht sicher sind“ sagt James Thornton, Chef der Intrepid Group. „Ich habe einfach das Gefühl, dass ich als globaler Reiseveranstalter die Verantwortung dafür habe, eine größere Beschaffung von Impfstoffen zu ermöglichen und eine Rolle im Bereich der Bildungsarbeit und des Zugangs zum Impfstoff übernehmen sollte.“

Nach diesem ersten Schritt von Intrepid Travel kündigte die Expedia Group einen Tag später eine "Give the World a Shot"-Kampagne in Zusammenarbeit mit UNICEF an. Damit werden Reisende, die über die Expedia-App buchen, aufgefordert, Spenden für die globale Impfstoffversorgung von UNICEF zu sammeln. Zwar ist die Sensibilisierung von Reisenden wichtig, doch lösen die finanziellen Spenden allein das Problem nicht. Tatsächlich ist die Schwierigkeit von Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen bei der Impfstoffbeschaffung nicht auf fehlende finanzielle Mittel zurückzuführen, sondern auf mangelnde Verfügbarkeit von Impfdosen, weil andere Staaten, die Impfstoffe horten. Die Realität bleibt auch in der zweiten Jahreshälfte dieselbe: Ohne Impfgerechtigkeit keine Erholung des Tourismus.

Drei Strategien für internationale Reiseveranstalter, sich für Impfgerechtigkeit einzusetzen

Doch es gibt sinnvolle Möglichkeiten, wie die größten Akteure der Reisebranche Verantwortung für mehr Impfgerechtigkeit übernehmen können. Diese gehen von der lautstarken Befürwortung einer Erhöhung des Angebots bis hin zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zum Nutzen aller.

1. Hindernisse für den Zugang zu Impfstoffen überwinden

In zahlreichen Destinationen haben Privatunternehmen der lokalen Tourismuswirtschaft mit Regierungen zusammengearbeitet, um den Zugang zu Impfeinrichtungen zu ermöglichen und Impfstoffe vor Ort in Hotels und Resorts zur Verfügung zu stellen. Auch Kampagnen vor Ort zur Impfaufklärung gehörten dazu, um die zögerliche Haltung der Einheimischen oder des Tourismuspersonals positiv zu beeinflussen. Doch letztlich sind die Ressourcen und die Macht der Tourismuswirtschaft in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen angesichts der wirtschaftlichen Probleme und einer rückläufigen Konjunktur begrenzt.

Genau hier können Akteure des internationalen Tourismus durch ihre lokalen Geschäftsnetzwerke ansetzen. Sie können gerade in den Gebieten aktiv werden, denen die Regierungen möglicherweise keine Priorität einräumen. So arrangierte das peruanische Büro von Intrepid Travel im Juli die Anreise seiner Trekking-Träger und deren Familien zu den Impfstellen von Cusco und übernahm zudem die Kosten für ihre Unterkunft. Die stellvertretende Betriebsleiterin von Intrepid, Maritza Chacacanta, setzte sich dabei dafür ein, eine Impfstelle näher an der Gemeinschaft der Träger einzurichten. In Calca ist das in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden bereits gelungen. Die Impfrate unter den Trägern stieg von Null im Juli 2021 auf 80 Prozent am 1. August, so dass die erste Touren von Intrepid am 15. August starten können. Um ähnliche Unterstützung zu leisten, plant der Reiseveranstalter den Rest seiner weltweit 22 Niederlassungen zu mobilisieren, um logistische Hindernisse zu überwinden. Ab dem 1. September müssen darüber hinaus alle Kundinnen und Kunden, sowie die Reiseleitenden von Intrepid Travel geimpft sein.

„Jede Person, die den Impfprozess beeinflussen kann, und diesen Einfluss nicht nutzt, trägt dazu bei, dass die Ungleichheit bei der Impfung fortbesteht", sagt Judy Kepher-Gona, Gründerin der in Kenia ansässigen Sustainable Travel & Tourism Agenda. Die Bemühungen von Intrepid dienen als Beispiel dafür, wie internationale Reiseunternehmen helfen können, so Kepher-Gona weiter. „Wenn Sie ein internationaler Reiseveranstalter sind, einer von den TUIs dieser Welt, und Sie befördern jedes Jahr Hunderte oder Tausende von Menschen, dann sind Sie auch in einer einflussreichen Position, um Impfgerechtigkeit zu fördern.“
Der jamaikanische Tourismusminister Bartlett fügt dem hinzu, dass die großen Tourismuskonzerne, die WTTC-Mitglieder sind, aufgrund ihrer Dominanz auf dem Tourismusmarkt als treibende Kraft auf der Nachfrageseite eine Machtposition innehaben, um das Thema Impfgerechtigkeit anzugehen. Damit können sie schnellere Ergebnisse erzielen, als es die Anbieter vor Ort im Alleingang können. „Da müssen die großen und schlagkräftigen Reiseveranstalter, Kreuzfahrtlinien und Fluggesellschaften in der IATA starke Forderungen stellen, um einen wertvollen Beitrag zu leisten“, so Bartlett. "Was wir sagen ist, dass wir alle Maßnahmen verschiedener Sektoren innerhalb der globalen Wirtschaft brauchen - aber bisher war ihre schweigende Zurückhaltung ohrenbetäubend."

2. Reisende vor Abreise aufklären

Die Tourismusindustrie könnte laut der Kenianerin Kepher-Gona ganz einfach Unterstützung leisten, indem sie dem Thema Impfgerechtigkeit eine Stimme gäbe. Sie sollten Kundinnen und Kunden aufklären, die sich entschieden haben, in Gebiete mit niedriger Impfrate zu reisen. "Die Tourismusindustrie wird von privilegierten Menschen dominiert, die sich Reisen leisten können - von Reisenden bis hin zu den Tourismusunternehmen." Auch diese privilegierten Akteure haben Einfluss, fügt Kepher-Gona hinzu. Wenn sie vor der Reise schon über alle Sicherheitsaspekte des Reiseziels, das sie besuchen wollen, informiert sind, einschließlich der Ungleichheiten beim Impfschutz, können sie selbst zu Fürsprechern für Impfgerechtigkeit werden.

Momentan achten Reisende mehr auf die Warnungen ihrer eigenen Regierung, in Bezug auf das Risiko bei ihrer Rückreise. Dabei ist das Risiko für ungeimpfte Gemeinden, die Reisende empfangen, viel größer. „Ich denke, dass sich die Menschen im Moment eher darum kümmern, ob sie selbst sicher sind. Ich denke nicht, dass sie sich der Auswirkungen auf die Zieldestination bewusst sind“, sagt Thornton von Intrepid und fügt hinzu, dass es erst vor Ort Klick mache und sie anfangen, Fragen zu stellen. Transparenz bei der Impfgerechtigkeit durch Reiseveranstalter sei wichtig, so Thornton weiter. „Ich glaube zunehmend, dass Sicherheit über die der Besucherinnen und Besucher hinausgeht, und sich auch auf die Destination und die Gastgeberinnen und Gastgeber vor Ort erstreckt.“

3. Unterstützung der Impfaufklärungsmaßnahmen

Laut Tourismusminister Bartlett ist die zögerliche Einstellung gegenüber einer Impfung in den Reiseregionen das zweite große Problem bei der Erholung des Tourismus. Kepher-Gona ist der Ansicht, dass die Touristikerinnen und Touristiker bei gemeinsamen Bildungsinitiativen in Destinationen zusammenarbeiten und mit einer Stimme sprechen sollten. „Besorgen Sie sich die Fakten und verbreiten Sie diese, denn Sie sind in einer einflussreichen Position – und Sie können mit Ihrer Stimme all der Skepsis entgegenwirken“, sagt sie und fordert endlich Taten.

Diese könnten darin bestehen, dass man sich mit einem lokalen Tourismusverband zusammenschließt, um alle Mitarbeitenden aufzuklären, sodass sie sich schließlich impfen lassen. Das könne in Einzelgesprächen passieren oder es könnten medizinisches Fachpersonal eingeladen werden, das aufklärt.
Im Fall von Intrepid Travel liegt ein Teil des Fokus auf der Schulung des Teams im Ausland – kürzlich wurde ein lokaler Professor in Sri Lanka, der Mitglied des technischen Beratungsausschusses der Weltgesundheitsorganisation ist, eingeladen, um vor den Mitarbeitenden über Covid-Impfstoffe zu sprechen.
Letztlich gehe es darum, etwas zu tun, um zu helfen, sagt Kepher-Gona von der Sustainable Travel & Tourism Agenda. "Die Regierung spielt dabei eine Rolle, doch wenn man selbst etwas tun kann, sollte man es tun."

 

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