Helfer in der Not

Südafrikanische Tourismusbetriebe helfen dabei, die Corona-Pandemie zu überstehen

Lea Thin
Schutzmasken gegen die Pandemie
© Alin Luna - Unsplash

Tourismus ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige Südafrikas. Doch seit März stehen die meisten Hotelbetten aufgrund der COVID-19 Pandemie leer. Der konsequente Lockdown der südafrikanischen Regierung hat den internationalen wie nationalen Tourismus von einem Tag auf den anderen zum Erliegen gebracht. Die Auswirkung spüren vor allem die 740.000 Beschäftigten im Tourismussektor, aber auch 1,4 Millionen von der Industrie abhängige Jobs sind betroffen.

Strategien südafrikanischer Tourismusanbieter, um die Auswirkungen von COVID-19 abzufedern

Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage der südafrikanischen Tourismusbehörde zeigt, dass von 1.610 befragten Tourismusbetrieben ganze 99% von der Pandemie betroffen sind. 83% berichten, dass ihre Einnahmen seit März 2020 um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr gesunken sind, ein Drittel von ihnen verzeichnete nach eigener Aussage sogar hundert Prozent Umsatzeinbußen. Um die Krise zu überstehen, haben daher mehr als zwei Drittel aller Betriebe vorübergehend ihre Hotelpforten geschlossen, gefolgt von erheblichem Personalabbau.

Doch manche Anbieter gehen andere Wege: Sie haben beschlossen, Südafrika mit ihren freien Kapazitäten dabei zu unterstützen, die Krise zu überwinden. Die Hotelverband FEDHASA arbeitet aktuell eng mit dem Gesundheitsministerium zusammen und hat bereits drei Hotels in Gauteng als Quarantäneeinrichtungen zur Verfügung gestellt. Andere Anbieter lassen ihre Unterkünfte geöffnet und bieten zahlenden Gästen ein sicheres Zuhause während ihrer COVID-19 Selbstisolation. Die gemeindebetriebene Bulungula Lodge verfolgt einen anderen Ansatz. Die Eco-Lodge im Armenviertel Nquilena wurde kurzerhand zu einem “Safe Home” für die Älteren der Gemeinschaft umfunktioniert. Die Unterkünfte sind komplett eingezäunt, um Risikogruppen vor einer Infektion durch das Coronavirus zu schützen.

Ein weiteres Beispiel ist die Plattform Ubuntu Beds. Vor allem in den größeren Städten Südafrikas haben sich Hotels und Gästehäuser der Initiative angeschlossen. Sie will leere Hotelbetten in der Nähe größerer Krankenhäusern für die Unterbringung von Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und anderem medizinischem Personal kostenlos verfügbar machen. Kim Whitaker, Gründerin von Ubuntu Beds und selbst Hotelbesitzerin, hat mit uns am 28.Mai über die Ziele und Herausforderungen der Initiative sowie ihren persönlichen Ausblick gesprochen.

Kim, die Türen der meisten Unterkünfte in Südafrika sind wegen des Coronavirus geschlossen. Sie haben beschlossen, diesen leeren Hotels eine neue Funktion zu geben. Wie funktioniert Ubuntu Beds?

Ich habe Ubuntu Beds ins Leben gerufen, um leerstehende Hotelzimmer mit Gesundheitspersonal zusammenzubringen. Beschäftigte im Gesundheitswesen sind dem COVID-19 Virus besonders ausgesetzt und gefährdet damit auch ihre Familien und andere Personen, insbesondere auf ihrem Arbeitsweg. Seit dem Ausbruch der Pandemie haben sich bereits Hunderte von ihnen angesteckt, vor allem Krankenpflegerinnen und –pfleger. Fehlende Schutzausrüstung, übermäßige Exposition in langen Arbeitsschichten aufgrund von Personalmangel und lange Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln sollen zu dieser raschen Verbreitung beigetragen haben. Die Initiative macht deshalb private Unterkünfte in der Nähe von Krankenhäusern und Klinken kostenlos für Gesundheitspersonal zugänglich. Hier haben sie ein sicheres Zuhause und können gleichzeitig ihre Freunde und Familien schützen. Spezialisierte Reinigungsfirmen säubern die Räume nach dem Aufenthalt mit einem speziellen COVID-19-Nebel um sicherzustellen, dass es zu keiner Kreuzkontamination kommt.

Das Konzept ist auf Angebote von Hotelbetreiber*innen und Spenden angewiesen. Wer unterstützt Ubuntu Beds?

Unser Ziel ist es, durch private Spenden und Unternehmenssponsoring 850.000 Euro aufzubringen, um in den nächsten vier Monaten bis zu 2.500 Mitarbeiter*innen des öffentlichen Gesundheitswesens zu beherbergen. Bis heute haben sich 919 Einrichtungen aus dem ganzen Land mit etwa 15.700 Zimmern in der Nähe von Krankenhäusern und Kliniken der Plattform angeschlossen. Wir erhalten Spenden von kleineren Unternehmen und Privatpersonen. Hauptspender ist jedoch FirstRand, eine südafrikanische Bank. Mit ihren Fonds “South African Pandemic Intervention and Relief Effort (SPIRE)” will sie die Regierung und ihre Partner dabei unterstützen, die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 abzuschwächen.

Ubuntu Beds will einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Lohnt sich Ihr Engagement auch für die Hotelbesitzer*innen selbst?

Mit Ubuntu Beds können wir den Heldinnen und Helden des Gesundheitswesens unsere Dankbarkeit zeigen und gleichzeitig lokale Gastgeber*innen unterstützen. Ubuntu Beds ist in vierfacher Hinsicht ein Gewinn: Das Gesundheitspersonal kann näher an seinem Arbeitsplatz untergebracht werden, die Familien des Gesundheitspersonals werden vor Infektionen geschützt, ungenutzte Hotelbetten müssen nicht leer stehen und Arbeitsplätze im Gastgewerbe können erhalten bleiben. Da sie ihre Unterkünfte weiter anbieten, können Hotelbetreiber*innen ihre Pforten geöffnet lassen und zumindest einen Teil ihres Personals halten. Der Vorteil besteht also darin, dass Hoteliers ihre freien Kapazitäten nutzen und mit dieser Wertschätzung gegenüber medizinischem Personal ein Teil der Lösung sein können. Außerdem sorgt die Teilnahme an Ubuntu Beds für positive Werbung in Coronazeiten.

Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Dennoch ziehen immer mehr Länder in Betracht, ihre Grenzen für Tourist*innen wieder zu öffnen. Sie haben sich bei einer Reise durch Europa im März selbst mit COVID-19 angesteckt – was denken Sie darüber, so schnell wieder zum Normalzustand zurückzukehren? 

Ich kann nicht für alle unsere Anbieter sprechen, aber viele in der Branche sind sehr daran interessiert, dass die Grenzen und Flughäfen wieder geöffnet werden und sie zum "business as usual" zurückkehren können. Es wurde viel Arbeit in die Erstellung von Sicherheitsrichtlinien für die Tourismusindustrie gesteckt, und wir waren von Anfang an in diesen Prozess eingebunden. Ich bin jedoch vorsichtig, was die Wiedereröffnung der Branche betrifft, da ich glaube, dass sie mit einem Anstieg der Infektionen und Todesfällen einhergehen wird. Es ist natürlich wichtig, strenge Kontrollen aufrechtzuerhalten. Aber die Infektionsrate ist selbst in Krankenhäusern so hoch, in Unterkünften werden sie unvermeidlich sein. Ich bin sicher, dass vor allem die Beschäftigten im Gastgewerbe betroffen sein werden und denke nicht, dass die Branche emotional auf schwere Erkrankungen von Mitarbeiter*innen vorbereitet ist. Wir sind aktuell dabei, Schulungsvideos über den Betrieb von Quarantäne- und Selbstisolationseinrichtungen in Südafrika zu entwickeln und hoffen, diese bald der Industrie zugänglich machen zu können.

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