Für einen fairen Austausch mit Palästina - auch im Tourismus

Trotz schwieriger Bedingungen haben sich in Palästina zivilgesellschaftliche Organisationen mit Behörden, Bildungsstätten sowie Unternehmen und Verbänden aus dem Tourismus zu einem einzigartigen neuen Netzwerk zusammengeschlossen: Die "Palästinensische Initiative für einen verantwortungsvollen Tourismus" (PIRT) lädt Menschen aus der ganzen Welt ein, sich im direkten Kontakt und Austausch mit Palästinenserinnen und Palästinensern selber ein Bild der Realitäten in Palästina zu machen. Jetzt mehr denn je!

Basel, Bern, Bonn, 19.01.2009 Bis Weihnachten 2008 erlebte der Tourismus ins Heilige Land einen Boom wie nie zuvor. Dies bot vielen Menschen, die abgeriegelt hinter Mauern und Checkpoints der israelischen Besatzer in Palästina leben, eine neue Chance auf Öffnung, Einkommen und Begegnung mit Gästen aus aller Welt. Dann lancierte jedoch die israelische Armee ihre Angriffe auf Gaza, die drei Wochen lang verheerende Schäden angerichtet und über 1.300 Menschenleben gefordert haben, mehr als die Hälfte davon Frauen und Kinder. Jetzt schweigen die Waffen im Gazastreifen, noch aber sind Versöhnung und Frieden für die leidgeplagte Bevölkerung nicht in Sicht.

Doch das Leben in Palästina geht weiter. "Die Menschen hier in Bethlehem und allen palästinensischen Gebieten sind zutiefst betroffen vom Tod der vielen unschuldigen Zivilpersonen in Gaza und fordern die sofortige Beendigung der Aggression und der israelischen Besetzung von Palästina", schreibt uns der Koordinator des Reiseveranstalters "Alternative Tourism Group", Rami Kassis, aus Beit Sahour. Die Stimmung sei sehr bedrückt. Auch hätten schon etliche Reisegruppen annulliert, weil sie befürchteten, in ein "Kriegsgebiet" zu kommen. Die weltweite Medienberichterstattung fördere solche Missverständnisse und die Ignoranz über die reale Situation in Palästina. Doch habe sich im ganzen Westjordanland nichts ereignet, was TouristInnen Anlass zur Sorge hätte geben können. Es kämen auch weiterhin Reisende und ihr Besuch sei gerade jetzt besonders wichtig für die Bevölkerung, die unter der Besatzung lebe. "Wir laden die Menschen ein, hierher zu kommen und sich selber ein Bild zu machen, um Palästina und die PalästinenserInnen besser zu verstehen und ihre Kultur schätzen zu lernen. Dies ist gerade unter den jetzigen Umständen besonders wichtig", betont Rami Kassis.

Der Tourismus soll Palästina mehr bringen als bloss die Abgase, welche die israelischen Touristenbusse bei ihrer Stippvisite der Geburtskirche in Bethlehem hinterlassen. Denn heute kommen nur gerade 5 Prozent der Ausgaben der Reisenden ins Heilige Land Palästina zugute; 95 Prozent fallen in Israel an, das sämtliche Zugänge zu Palästina kontrolliert und über die Reiserouten bestimmt. Tourismus kann indes Menschen unterschiedlicher Herkunft die Möglichkeit zur Begegnung, zum Austausch und zu einem besseren Verständnis der politischen und gesellschaftlichen Realitäten im Gastland bieten. Darauf setzt die Palästinensische Initiative für einen verantwortungsvollen Tourismus: "The Palestinian Initiative for Responsible Tourism" (PIRT) ist ein Netzwerk aus zivilgesellschaftlichen Organisationen, Behörden, Bildungsstätten sowie Tourismusunternehmen und -verbänden in Palästina. Sie haben eine gemeinsame Vision, die sie in einem Verhaltenskodex für einen gerechten und verantwortungsvollen Tourismus im Heiligen Land zum Ausdruck bringen. Darin wendet sich PIRT einerseits an die Reisenden und lädt sie ein, Palästina zu besuchen und sich Zeit für Begegnungen zu nehmen, um neue Einsichten und ein besseres Verständnis für die Situation der palästinensischen Bevölkerung zu gewinnen. Andererseits ruft PIRT die einheimischen Tourismusanbieter dazu auf, den Reisenden respektvoll zu begegnen, ihnen die vielfältige Kultur Palästinas zu erschliessen und zugleich ihre Verantwortung gegenüber der lokalen Gemeinschaft sowie der Umwelt wahrzunehmen. Tourismus soll als Chance für einen fairen und für beide Seiten gewinnbringenden Austausch genutzt werden und so das gegenwärtige Unrecht überwinden helfen.

Anstoss zum Verhaltenskodex gab eine von palästinensischen Organisationen initiierte Tagung im Herbst 2007, an der - trotz der eingeschränkten Bewegungsfreiheit - über 80 Interessierte aus verschiedenen Regionen Palästinas und Israels teilnahmen. Der Verhaltenskodex ist breit abgestützt - zu den Erstunterzeichnenden gehört auch das palästinensische Ministerium für Tourismus und Altertümer. Die Initianten laden zu Kommentaren ein, damit der Verhaltenskodex als lebendiges Dokument einen gemeinsamen Weg für eine faire und nachhaltige Entwicklung des Tourismus weisen kann. Feedbacks sind hoch willkommen auf pirt@atg.ps.

In verschiedenen Ländern Europas haben Organisationen den Aufruf aus Palästina aufgenommen. In Deutschland und der Schweiz informieren die Fachstelle für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit (OeME) der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, der arbeitskreis tourismus & entwicklung Basel und die Arbeitsstelle Tourism Watch des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) Bonn gemeinsam über die neuen Aufbrüche für einen fairen Austausch im Heilig Land-Tourismus. Sie richten sich an alle, die eine Reise ins Heilige Land planen und den direkten Kontakt mit Palästina pflegen möchten. Über Reisende und Reisebranche hinaus gelangen sie an Kirchgemeinden, Behörden, Entwicklungsorganisationen und Solidaritätsgruppen. Fachlich unterstützt werden sie dabei von Regula Kaufmann, die während der letzten zwei Jahre beim Begegnungsreiseveranstalter "Alternative Tourism Group" in Palästina gearbeitet hat und dabei die Entstehung des Verhaltenskodexes sowie der neuen Initiativen für Begegnungsreisen in Palästina direkt mitverfolgen konnte. Sie wird bis im Frühjahr 2009 auf Anfragen für Begegnungsreisen nach Palästina eingehen und an Veranstaltungen mitwirken.

Auf dem Reiseportal www.fairunterwegs.org hat der arbeitskreis tourismus & entwicklung eine spezifische Aktionsplattform eingerichtet. Da finden alle Interessierten den Verhaltenskodex der Palästinensischen Initiative für einen verantwortungsvollen Tourismus in der Vollversion mit der Liste der Erstunterzeichnenden. Ausserdem Hintergrundinformationen, Literatur- und Filmtipps, Veranstaltungshinweise und weiterführende Adressen und Links zu Anbietern von Begegnungsprogrammen mit PalästinenserInnen in Palästina und in Israel und zu Stellen hierzulande, die mit Palästina zusammenarbeiten. In einem neuen Blog berichten zudem Freiwillige von ihren Einsätzen zur Beobachtung der Menschenrechte in Palästina/Israel.

Weitere Informationen bei:

Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn
Fachstelle für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit (OeME) oeme@refbejuso.ch
www.refbejuso.ch

arbeitskreis tourismus & entwicklung
info@akte.ch
www.fairunterwegs.org

Das Faltblatt mit einer kurzen Darstellung des Verhaltenskodexes ist bei uns erhältlich.
Evagelischer Entwicklungsdienst
Tourism Watch
Ulrich-von-Hassell-Str. 76
53123 Bonn
oder per e-mail: tourism-watch@eed.de

Download der deutschen Version des Verhaltneskodex

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