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Wie wird weniger fliegen möglich?
Lea Thin
asiatischer Zug
© Robert Wenzel

Der Ruf des Fliegens hat in letzter Zeit deutlich gelitten. Während einige Reisende auf Twitter unter dem Hashtag #Flugscham ihren Verzicht auf Flugreisen verkünden, tun sich weite Teile der Reisebranche schwer, glaubwürdige Antworten auf die Frage nach klimafreundlichen Reisekonzepten zu finden. Dabei wäre in Sachen Klimaschutz schon viel gewonnen, wenn das Gros der Reiseveranstalter weniger Flugreisen anbieten würden. Denn immerhin 40 Prozent aller Urlaubsreisen werden nach wie vor über Veranstalter gebucht. Die Vorstellung ist keinesfalls abwegig: Nur 8,1 Prozent aller Urlaubsreisen deutscher Tourist*innen sind Fernreisen. Die beliebtesten Auslandsreiseziele der Deutschen, angeführt von Spanien und Italien, finden sich hingegen allesamt im Mittelstreckenbereich und bieten alternative Anreisemöglichkeiten jenseits des Luftverkehrs. Was können Reiseveranstalter also tun, um Gäste auch ohne Flug ans Ziel zu bringen?

Klimafreundlichere Transportmittel

Eine naheliegende Möglichkeit um Flüge zu umgehen, ist das Ausweichen auf klimafreundlichere Transportmittel. Um einen Anreiz zu schaffen, können Veranstalter beispielsweise Vergünstigungen einführen, wenn Gäste ohne Flug anreisen. Die Anreise mit alternativen Verkehrsmitteln dauert zwar oft länger, eine lange Reise ist aber auch erlebnisreicher und ermöglicht interessante Zwischenstopps. Die Bahn wird von Kund*innen besonders geschätzt, weiß Petra Thomas, Geschäftsführerin vom forum anders reisen, einem Verband von nachhaltigen Reiseveranstaltern: „Mit der Bahn können Tourist*innen europaweit flexibel an unzählige Orte reisen. Auf der Beliebtheitsskala umweltfreundlicher Transportmittel rangiert sie deshalb ganz oben. Eine ganze Reihe von Veranstaltern arbeitet zudem bereits mit eigenen Bussen. Und es gibt natürlich auch diejenigen, die Fahrradtouren schon direkt ab Deutschland anbieten ohne ein öffentliches Verkehrsmittel zu nutzen.“

 Werbung für nachhaltiges Reisen

Veranstalter können mit gezielten Kampagnen für nachhaltiges Reisen werben und Kunden über ihren eigenen Fußabdruck informieren. Diese Strategie verfolgen mittlerweile sogar Fluganbieter selbst: Die Airline KLM rief kürzlich ihre Kunden zum Verzicht auf Kurzstreckenflüge auf. Allerdings im eigenen wirtschaftlichen Interesse, denn gerade diese Flüge sind für Airlines extrem unrentabel. Weniger Reisende auf kurzen Strecken und eine gute Presse, scheinen sich für KLM auszuzahlen. Kein Wunder, dass auch die deutsche Flugwirtschaft aktuell laut über den Verzicht auf innerdeutsche Zubringerflüge nachdenkt.

Auch wenn die Debatte über Klimaschutz mittlerweile ein Dauerbrenner in der Tourismus-Branche ist: Über eine weitreichende Klimaschutzstrategie, die auch die Anreise mit in den Blick nimmt, verfügt kaum ein Reiseveranstalter außerhalb des Nachhaltigkeitsverbands forum anders reisen. „Der Umgang mit Flugreisen steht schon seit 20 Jahren auf unserer Agenda. Unsere Mitglieder gehen daher schon lange sehr professionell und vorbildlich mit dem Thema um und gestalten ihre Angebote wenn möglich so, dass auf Flüge verzichtet werden kann“, erläutert die Geschäftsführerin. Unter 800 km bieten die Mitglieder des Forums gar keine Flugreisen an und bei der Mittel- und Langstrecke gibt es Mindestaufenthaltszeiten. Neu sei allerdings, dass vereinzelte Kunden eine Reise ausdrücklich mit der Bahn statt dem Flugzeug antreten wollen. Tatsächlich zeigt der Deutschlandtrend vom Juli: Fast jede/r Vierte will künftig weniger fliegen. „Solche Wünsche sind aber immer noch sehr selten, das Kundenverhalten als Ganzes hat sich auch trotz Fridays for Future noch nicht merklich verändert.“, ordnet Petra Thomas ein. Stattdessen haben nun Veranstalter die Möglichkeit, die neuen Vorsätze ihrer Kunden proaktiv aufzugreifen und ihnen nachhaltiges Anreisen zu ermöglichen.

Ohne Flug zum Termin

Dies gilt auch für Anbieter im Dienstreisesegment. Immerhin werden in Deutschland stündlich über 21.600 Geschäftsreisen angetreten – das sind mehr als 180 Millionen im Jahr. Ein Großteil der innerdeutschen Flüge sind Dienstreisen. Wie touristische Reiseveranstalter können auch Geschäftsreisebüros kurze und effiziente Reisewege wählen. Bus und Bahn sind deutlich klimafreundlicher als Pkw oder Flug. Außerdem hat die Bahn den großen Vorteil, dass man die Fahrtzeit auch als Arbeitszeit nutzen kann. Die Firma SAP stellt ihren Mitarbeiter*innen beispielsweise eine Bahncard 100 anstelle eines Firmenwagens zur Verfügung und hat einen internen CO2-Preis auf Flugreisen festgesetzt. Einige Unternehmen legen heute bereits in ihren Reiserichtlinien fest, dass Flüge erst ab einer bestimmten Distanz erlaubt sind. Die Post beispielweise zieht Flüge von Mitarbeitenden erst ab 400 km in Betracht und das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung, zu dem Brot für die Welt gehört, setzt wo immer möglich auf die Bahn und vermeidet Flüge unter 700 km. Der Umwelt – und dem Geldbeutel – zuliebe empfiehlt es sich für kurze Meetings, ganz auf eine Reise zu verzichten. Schon rund die Hälfte aller Unternehmen setzt heute auf virtuelle Meetings. Die Digitalisierung ermöglicht über Videokonferenzen oder andere digitale Anwendungen einen Austausch von Angesicht zu Angesicht, ohne vor Ort sein zu müssen.

Unvermeidbare Flugreisen

Manche Destinationen sind ohne Flug einfach nicht zu erreichen. Veranstalter, die diese Reiseziele trotzdem anbieten, können ihren Fußabdruck auch bei Fernreisen möglichst gering halten. Denn nicht nur die Anreise selbst, auch die Auswahl des Flugträgers bestimmt die Höhe der Emissionen. Besonders effiziente Maschinen finden Tourismusunternehmen und Reisende im Atmosfair Airline Index. Auch Direktflüge sind deutlich energieeffizienter als komplizierte Umsteigeverbindungen. Auf einer langen Reise mit einem Direktflug und einem sparsamen Flugzeugtyp entstehen bis zu 1000 kg CO2-Emissionen weniger, das entspricht etwa einer Autofahrt von 4000 km. Weitere Vorteile: die Gäste sind schneller und entspannter am Ziel, das Gepäck kommt mit höherer Wahrscheinlichkeit am Bestimmungsort an. Wer eine weite Reise antritt, sollte diese dann auch in vollem Umfang auskosten. Die Devise lautet: lieber alle fünf Jahre eine intensive, lange Fernreise statt jährlich einen kurzen Trip. Statt vieler Kurz- und Mittelstreckenflüge werden so nur einzelne lange Anreisen angetreten und dadurch letztendlich Flüge vermieden.

Ein wichtiger Bestandteil für den Ausgleich unvermeidbarer Flüge bleibt die Klimakompensation. Das Konzept, als Reiseveranstalter die Emissionen freiwillig von Reisenden ausgleichen zu lassen, ist jedoch in der Realität gescheitert, räumt Petra Thomas ein: „Als wir 2003 angefangen haben, mit atmosfair das Modell der freiwilligen Kompensation auf dem Reisemarkt einzuführen, waren wir uns sicher, eine Lösung für Flüge gefunden zu haben, die sich nicht vermeiden lassen. Nur wenige Reisegäste sind aber dazu bereit, freiwillig zu zahlen -  wir befinden uns da immer noch im einstelligen Prozentbereich.“ Ein Viertel der Forums-Mitglieder berücksichtigen die Kompensation daher mittlerweile direkt im Reisepreis. „Wird dem Kunden die Wahl gar nicht erst gelassen, weil die Kompensation Teil der Leistung einer nachhaltigen Reise ist, ist es für die meisten auch ok zu zahlen.“

Politische Vorgaben dringend notwendig

Statt die Entscheidung zur Kompensation allein dem Verbraucher zu überlassen, ist die Politik gefragt. Auch Petra Thomas wünscht sich eine einheitliche Lösung aus Berlin: „Noch besser könnten Reisegäste wahrscheinlich damit leben, wenn die Verantwortung geteilt wird. Deswegen sehe ich den Gesetzgeber in der Pflicht, die Kosten für die entstehenden Emissionen, etwa durch Flugverkehr, transparent und gleichwertig auf alle zu verteilen, die diese Emissionen erzeugen.“ Die eigenen Klimaziele kann Deutschland nur erreichen, wenn der Flugverkehr konsequenter als bisher in den Blick genommen wird. Subventionierungen und Steuererleichterungen zu Lasten des Klimas müssen abgeschafft werden. Gleichzeitig müssen wirkungsvolle Maßnahmen umgesetzt werden, die die Reisegewohnheiten von Verbraucher*innen und Unternehmer*innen zugunsten nachhaltiger Mobilität verändern. Wenn die Regierung ihr bundesweites Klimaschutzgesetz vorstellt, wird sich zeigen, ob die Weichen für eine grüne Verkehrswende nun endlich gestellt werden.  

Lea Thin ist Geographin und freiberufliche Journalistin aus Berlin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich vor allem mit den Themen Nachhaltigkeit, Klima- und Entwicklungspolitik sowie Gender. 

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