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"Everest '96 - The Summit": Tourismus und Abenteuer auf der Bühne

"Schauplatz" aus der Schweiz präsentiert eine virtuose Realsatire


Am 10. und 11. Mai 1996 geriet der Mount Everest, der höchste Berg der Erde, weltweit in die Schlagzeilen. Wieder einmal waren beim "Angriff" auf den Achttausender BergsteigerInnen umgekommen, neun an zwei Tagen. Bei früheren Expeditionen im Himalaya hatte es zwar schon mehr Tote gegeben, zuletzt 1994, als zehn Trekkingtouristen und ein Sherpa-Führer des DAV-Summit Clubs (Deutscher Alpenverein) gleichzeitig am Sechstausender Pisang Peak abstürzten. Aber im Gegensatz dazu gab es 1996 viele Zeugen, Überlebende und sogar Kameras. Das Ergebnis waren zahllose Veröffentlichungen in der Weltpresse sowie der IMAX-Großleinwandfilm "Mt. Everest". Neben Ton-Kassetten und Videos erschienen auch mindestens acht Bücher mit unterschiedlichen Wahrnehmungen über die Ursachen der Tragödie.

Das brachte die Schweizer Theatergruppe "Schauplatz" mächtig ins Grübeln. Die Bieler Truppe kam vier Jahre später zu dem Schluß, es gebe nur einen Weg, die Wahrheit herauszufinden - durch ein Theaterstück. Sie nannten es "Everest '96 - The Summit".

Die meisten der toten und schwerverletzten BergsteigerInnen und Sherpa-Bergführer gehörten nämlich kommerziellen Everest-Expeditionen aus Neuseeland und den USA an. Kritiker nennen Pauschal-Expeditionen aus dem Reisekatalog eine "Perversion des Bergsteigens". Sie erforderten wenig Können, kosteten aber mit über 100.000 DM ein kleines Vermögen. Banalitäten würden zu ungeahnten Höchstformen auflaufen.

So meinte die Modestylistin Helga Hengge, die sich - zu Unrecht - als "erste Deutsche auf dem Everest" vermarktet: "Mit der Körperpflege hatte ich kein Problem. Man muß sich daran gewöhnen, daß man nicht duschen kann. Unser Koch hat immer in der Küche Wasser heiß gemacht, das ich in einer großen Silberschüssel mit in mein Zelt genommen habe. Man kann sich die Beine rasieren, unter den Armen rasieren und die Fußnägel lackieren". Sie wollte im Basislager nicht wie "Reinhold Messner mit Strubbelbart" aussehen, verriet sie der Frankfurter Rundschau am 11. November 2000. Helga H. stand im Mai 1999 als Pauschaltouristin auf dem Everest und hat natürlich auch ein Buch darüber geschrieben.

Neuseeländische Anzeige von 1995 für eine kommerzielle Everest-Besteigung mit Erfolgsgarantie. Der Inhaber und Direktor Rob Hall kam im Mai 1996 mit drei Kunden am Everest ums Leben.

 

Die Beinrasur im Basislager paßt genau zum Theaterstück, das trotz des traurigen Anlasses zu einer schrägen Realsatire geriet. Inhaltlich geht es nicht um das Unglück, sondern um das Bergsteigerleben. Die skurrile Komik, vergleichbar mit bestem britischen Humor, speist sich mit Vorliebe aus Eitelkeiten, Nichtigkeiten und Peinlichkeiten. Wer hatte beispielsweise - trotz der lokalen Tabus - "Sex im Base Camp" und brachte "bad luck on the mountain"? "Ist Wahrheit eine Frage der Höhe" oder "hat jeder seine eigene Wahrheit"?

"Schauplatz" wählte eine ungewöhnliche Theaterform. Mit einfachsten Requisiten wird eine "internationale Konferenz" in englischer Sprache gespielt, an die sich eine Diskussion mit dem Publikum anschließt. (Bemerkenswerterweise waren dazu nur die Zuschauer in Deutschland, nicht aber in der Schweiz bereit.) Dargestellt werden echte Teilnehmer der Expeditionen 1996, die allesamt Bücher über die Tragödie geschrieben haben: Die dänische Kraxelnymphe Lene Gammelgard (Anna-Lisa Ellend), die den Everest als erste Skandinavierin ohne Sauerstoff "bezwingen" wollte, der dänische Radfahrer, Weltenbummler und Bergsteiger Göran Kropp (Peter Zumstein) und der amerikanische Bergsteiger-Reporter Jon Krakauer (Lars Studer), der den aufklärerischen Bestseller "In eisige Höhen" (Piper-Taschenbuch) verfaßte.

Als Gegenpol zu den Egotrips versucht die tourismuskritische tibetische Journalistin Ludmilla Tsewang Tüting (Yangzom Brauen) verzweifelt, sich Gehör für verantwortungsvolles Reisen zu verschaffen. Schauplatz-Mitbegründer Albert Liebl spielt unter seinem Namen den Schweizer Moderator, Herr über Glaubwürdigkeit und Groteske, Dichtung und Wahrheit, Schuld und Sühne.

Tourismus und Abenteuer auf den Brettern, die die Welt bedeuten? Mit dieser vermeintlich einfachen, improvisiert wirkenden Persiflage wurde das Kunststück vollbracht, das Thema spritzig und virtuos auf der Bühne umzusetzen. Manchmal mag man gar glauben, die Konferenz sei von Monty Python und Franz Kafka in einer durchkifften Nacht aus den heißen Hirnen geschleudert worden.

Das renommierte Off-Theater-Festival "Impulse 2000" in Nordrhein-Westfalen belohnte die Schweizer dafür im Dezember mit dem ersten Preis, dem "Pokal". In der Publikumsdebatte am Ende der Aufführung, das die Zuschauer automatisch zum Mitspielen zwinge, sah die Preisjury sogar eine neue Dimension des Theaters.

Zum Schutz der Berge wurde 2002 bereits als das "Internationale Jahr des Gebirges" (neben dem "Jahr des Ökotourismus") ausgerufen. Wer - spätestens dann - die Gruppe engagieren will, kontakte "Schauplatz", c/o Anna-Lisa Ellend und Albert Liebl, Postfach 83, CH-Erlach, Tel.:/Fax: 0041-32-33 82 943, E-mail: schauplatz@gmx.net.

Nachschlag: Im Oktober 2000 stiftete der britische Bergsteiger Michael "Bronco" Lane dem Londoner Armee-Museum seine fünf Fingerkuppen und alle Zehen. Sie waren ihm 1976 am Everest erfroren und zu Forschungszwecken in Formaldehyd aufbewahrt worden. Das Museum hatte nach persönlichen Gegenständen von Bergsteigern gesucht. Der überraschte Museumssprecher stellte dankend fest, die Finger hätten eine großartige Geschichte und wären geradezu exemplarisch für den Humor in der Armee.

(5.635 Anschläge / 96 Zeilen, Dezember 2000)