Die Social Media Falle

Wie Urlaubsfotos neo-koloniale Klischees verfestigen – und wie Reisende es besser machen können.
Lea Thin

Reisen ist ein Grundbaustein für eine weltoffene Gesellschaft, interkulturellen Austausch und mehr Empathie für die anderen Menschen dieser Erde – doch das ist kein Selbstläufer. Wer aus Europa oder Nordamerika in den Globalen Süden reist, läuft Gefahr, Stereotype über andere Länder unbewusst zu verfestigen. Gerade über soziale Medien wird heute schnell ein Video, ein Bild oder ein Hashtag gepostet und so überkommene, neo-koloniale Klischees verbreitet.

Ehrenamt oder Selbstbeweihräucherung?

Barbie Savior
© Barbie Savior

Eine weiße1 Barbiepuppe hat ein Schwarzes Kind auf dem Arm und ist entzückt. Die Bildunterschrift lautet: „Waisenkinder machen einfach die BESTEN Fotos! So. Süß.  #wiewardeinNamenochmal“. Diesen und ähnliche Posts findet man auf dem Instagram Account Barbie Savior. Die Protagonistin, eine Barbiepuppe, setzt sich hier regelmäßig in den Slums von Afrika in Szene – für das perfekte Retterselfie. Das satirische Profil ist eine Parodie auf den rücksichtslosen Voluntourismus. Viele Veranstalter nutzen den Freiwilligen-Trend als Geschäftsmodell, um Reisende in Projekte zu vermitteln, in denen vom hohen Reisepreis fast nichts ankommt und schlecht vorbereitete Freiwillige erheblichen Schaden hinterlassen können.

Gleichzeitig spricht Barbie Savior auch die Reisenden selbst an, die auf ihren Social Media Kanälen Likes und Selbstbestätigung durch die Darstellung von Armut generieren. Die Initiatorinnen des Accounts sind zwei junge US-Amerikanerinnen, die selbst einmal ehrenamtlich in Afrika gearbeitet haben. Auch, wenn Barbie Savior sich auf den ersten Blick bloß über Voluntouristinnen und -touristen lustig macht, dahinter steckt eine ernstzunehmende Kritik. Sie richtet sich an junge Menschen, die meinen, sie könnten auch ohne Qualifikation afrikanische Kinder unterrichten oder Wilderer bekehren. Frei nach dem Motto #fürAfrikareichts. So unterhaltsam die Seite auch ist, sie soll vor allem eine Diskussion darüber anregen, wie sich freiwillige Helferinnen und Helfer in ihren Gastländern verhalten – online wie offline.

Social Media Leitfaden für Urlaubsfotos

Ein kurzer, unüberlegter Social-Media-Beitrag kann also Stereotype verfestigen. Das gilt nicht nur für Voluntouristinnen und -touristen, sondern auch für Urlaubsreisende. Oft ist die Enttäuschung groß, wenn klar wird, dass die Globalisierung auch im Reiseland Einzug gehalten hat und der Starbucks an der Ecke sich kaum von dem in der Hildesheimer Fußgängerzone unterscheidet. Umso mehr legen gerade Fernreisende Wert darauf, ihrem Urlaub im Globalen Süden einen „authentischen Touch“ zu geben. Nicht selten geht dieser Schuss aber nach hinten los, wenn Touristinnen und Touristen sich besonders ärmliche Gegenden als Kulisse suchen oder die Menschen vor Ort als exotische Statisten für ihre „Ghettosafari“ nutzen.

Man kann es aber auch besser machen: Sprache und Bilder können zur Überwindung neo-kolonialer Vorurteile beitragen und helfen, komplexe Zusammenhänge verständlich einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen. Damit es Reisenden leichter fällt reflektierten Content in den sozialen Netzwerken zu teilen, hat die Initiative RADI-AID einen Social Media Guide veröffentlicht. RADI-AID ist eine Initiative des „Norwegian Students' and Academics' Assistance Fund (SAIH)“. Ihren Ursprung hat sie in einem satirischen Musik-Video. Mit "RADI-AID: Africa for Norway" nahmen sie die in den Ländern des Globalen Nordens weit verbreitet Annahme aufs Korn, Afrika müsse durch den Westen gerettet werden. Um die abstrusen Auswüchse der vermeintlichen Hilfskultur auf die Schippe zu nehmen, drehten Schwarze Studierende kurzerhand den Spieß um und führten die Selbstwahrnehmung des Westens, wie sie beispielsweise in Fundraising Videos wie „Do they know it’s Christmas“ transportiert wird, ad absurdum. Seitdem zeichnet RADI-AID jährlich das beste und das schlechteste Fundraising-Video für Entwicklungsprojekte aus, um auf die Verbreitung von Stereotypen über Afrika aufmerksam zu machen.

Vier Grundsätze für klischeefreien Content

Mit ihrem Leitfaden für Reisende und Freiwilligendienstleistende greift RADI-AID nun vor allem die Darstellung von Afrika in den sozialen Medien auf. Ähnlich wie Barbie Savior kritisiert RADI-AID die Darstellung neo-kolonialer Klischees, gibt aber gleichzeitig Tipps, damit Reisende nicht in die Social Media Falle tappen:

  1. Zeigen Sie Respekt – und bewahren Sie damit die Würde anderer
    Wenn Sie in einem anderen Land zu Gast sind, sollten Sie sich respektvoll verhalten. Machen Sie sich vorab mit Bräuchen und angemessenem Verhalten in ihrem Zielland vertraut. Achten Sie vor allem darauf, wie Sie über die Menschen vor Ort und Ihre Lebensbedingungen sprechen – und berauben Sie sie nicht ihrer Würde. Vermeiden Sie daher Verallgemeinerungen oder Formulierungen, die Stereotype reproduzieren, wenn Sie in den sozialen Medien von Ihrer Reise berichten.
     
  2. Fragen Sie nach Erlaubnis
    Menschen sind keine Touristenattraktionen und dürfen nur fotografiert werden, wenn sie ausdrücklich damit einverstanden sind. Mit unangemessenen Fotos im Netz verletzen Reisende häufig nämlich nicht nur die Würde der abgebildeten Menschen, sondern verfestigen auch neo-koloniale Klischees wie das des „edlen Wilden“. Besonders kritisch wird es, wenn Minderjährige im Spiel sind. Fotos von Kindern in dreckigen oder zerrissenen Kleidern – oder gar nackt – sind ein absolutes Tabu.  Holen Sie sich auch bei allen anderen Bildern immer das ausdrückliche Einverständnis der abgebildeten Personen sowie der Eltern, bevor Sie ein Foto schießen. Fragen Sie dabei auch, ob es in Ordnung ist, wenn das Foto auf Ihren sozialen Kanälen landet.
     
  3. Hinterfragen Sie Ihre eigenen Absichten
    Auch gute Absichten, etwa die Beschaffung von Spendengeldern für eine Hilfsorganisation, rechtfertigen keine Missachtung der Würde anderer Menschen. Fragen Sie sich daher schon vor der Reise, warum Sie ein Land besuchen. Können Sie sich als Freiwillige oder Freiwilliger wirklich sinnvoll einbringen oder reisen Sie primär für sich selbst dorthin? Haben Sie sich vorab ausreichend über Tradition und Kultur in ihrem Reiseland auseinandergesetzt? Diese Fragen sind wichtig, um Ihre Erfahrungen vor Ort richtig einordnen und entsprechend nuanciert auf Ihren Kanälen wiedergeben zu können.
     
  4. Brechen Sie mit Klischees
    Egal wie schockiert Sie die ein oder andere Situation zurückgelassen haben mag: Erzählen Sie Ihren Followern nach einer Reise keine einseitigen Geschichten von Armut, die Aufmerksamkeit und Mitleid generieren sollen und Vorurteile nur bestätigen. Viel besser sind Bilder, die positive Besonderheiten hervorheben. Sprache ist dabei ein wirkungsvolles Mittel, um Klischees aufzubrechen. Bildunterschriften und Hashtags sollten daher so gewählt werden, dass Stereotype herausgefordert und nicht weiterverbreitet werden.

Wer schöne Urlaubsfotos machen möchte, sollte sich auf die einzigartigen Landschaften, leckeren Spezialitäten, kulturellen Sehenswürdigkeiten und auf neue Begegnungen mit interessanten Menschen konzentrieren. Sie sind allemal einen Social-Media-Beitrag wert.

[1] Die Zuschreibungen “Schwarz” und weiß” sind keine echten “biologischen Tatsachen”, sondern Gesellschaftskonstrukte. Sie benennen die verschiedenen Hintergründe, Sozialisationen und Lebensrealitäten. Die Schreibweise wurde nach Empfehlung des „braune mob e.V.“ gewählt, einer Initiative Schwarzer Deutscher in Medien und Öffentlichkeit. Siehe: https://www.amnesty.de/2017/3/1/glossar-fuer-diskriminierungssensible-sprache oder: https://www.derbraunemob.de/faq/#f03

Lea Thin ist Geographin und freiberufliche Journalistin aus Berlin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich vor allem mit den Themen Nachhaltigkeit, Klima- und Entwicklungspolitik sowie Gender.

 

Weiterführende Artikel

Menschen in Armut fotografieren?

Ob Slums, Townships oder Favelas: benachteiligte Stadtviertel werden immer häufiger von Touristen besucht. Werden solche Ausflüge sozialverantwortlich organisiert, können Bewohner und Touristen gleichsam etwas davon haben, im Sinne von Win-Win-Situationen. Besucher können die …

Privatsphäre als Herausforderung im Tourismus

Privatsphäre ist etwas sehr Persönliches. Für den einen ist es schon ein Eindringen in die Privatsphäre, wenn jemand durch ein Fenster in die Wohnung schaut. Andere leben analog und digital buchstäblich auf der Straße. Privatsphäre hat aber auch rechtliche Dimensionen, gerade im Zeitalter …

Online – Offline

Kinder am Computer
© Frank Schultze - Brot für die Welt

Reisende Sexualstraftäter nehmen häufig Kontakt zu Kindern über die sozialen Medien auf, erschleichen sich online ihr Vertrauen und reisen nicht zuletzt auch zu ihnen, um sie sexuell auszubeuten.

Vom Influencer zum Sinnfluencer?

Lempuyang Tempel auf Bali. Instagram Instagram-Touristen in der Schlange
© JRP Studio - Shutterstock

Reisebloggerinnen und –blogger erreichen Tausende von Menschen und beeinflussen sie bei der Wahl ihrer Urlaubsziele, Unterkünfte oder der Transportmittel. Immer mehr Bloggende werden sich dieser Verantwortung bewusst, doch noch längst nicht alle.

Infoservice

Die wichtigsten Hintergründe alle zwei bis drei Monate im Abo Hier abonnieren