Dem Untergang geweiht?

Thailands Seenomaden leiden unter Nationalpark-Restriktionen

Piyaporn Wongruang

Sanit (36) versuchte zügig weiter Richtung Wasser zu gehen, doch alle wussten, dass es ihm nicht gut ging. Vor kurzem war er mehr als 20 Meter in die Tiefe getaucht, um Fisch-Fallen vom Meeresgrund zu holen. Nun litt er an der Taucherkrankheit. So etwas passiert, wenn Taucher zu schnell wieder an die Oberfläche kommen und sich im Körpergewebe Stickstoffblasen bilden, die zu örtlichen Verletzungen und oft schweren Gelenkschmerzen führen.

Dass Sanit krank war, beunruhigte seine Familie. Ein paar Tage zuvor war ein junger Seenomade aus dem Dorf Koh Sireh am Kap Lam Tukkae in der Provinz Phuket an den Folgen der Taucherkrankheit gestorben. Diese Nachricht verursachte Schockwellen in den Seenomadengemeinschaften entlang der Andamanenküste, und auch am Strand von Rawai, wo Sanit lebt. Eines frühen Morgens am Strand beknieten sie ihn, nicht noch einmal zu tauchen. "Ich muss aber", antwortete er. "Wir müssen doch die Familie ernähren."

Die Seenomaden müssten nicht in so tiefen Gewässern fischen, wenn ihnen nicht der Zugang zu den seichten Gewässern an den Küsten vieler Andamaneninseln verboten wäre. Vor über 20 Jahren wurden diese Inseln nach und nach verschiedenen Nationalparks zugeschlagen. Daraufhin wurde es für die Seenomaden immer schwieriger, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Seichte Gewässer sind für das Überleben der Seenomaden von entscheidender Bedeutung, denn trotz ihrer einfachen Fangmethoden sind es für sie ertragreiche Fanggebiete. Doch seit einige Gebiete, darunter Mu Koh Surin, zu marinen Nationalparks erklärt wurden, sind viele dieser flachen Gewässer als Schutzgebiete ausgewiesen. Deshalb dürfen die Seenomaden dort nicht mehr fischen.

Laut dem Netzwerk der Gemeinschaften für politische und soziale Reformen, dem ethnische Gruppen weltweit angehören, gibt es entlang der Andamanenküste 41 Seenomadengemeinschaften mit einer geschätzten Bevölkerung von 17.400 Menschen. Sie leiden unter den Naturschutzbestimmungen, insbesondere denen der in Thailand für Nationalparks, Tier- und Pflanzenschutz zuständigen Behörde.

"Das Meer erweckt den Anschein, als gäbe es keine Grenzen, aber wir können uns dort nicht mehr frei bewegen", sagte Nui (49). Er erinnert sich noch an die Zeiten, als die See für sein Volk tatsächlich grenzenlos war. Mit seinem Vater und seiner Familie segelte er Richtung Norden nach Koh Payam in Ranong, und Richtung Süden bis nach Lang Kawi in Malaysia, ohne Sorge, wo sie schlafen würden. Jeder Strand und jede Insel war für sie ein Zuhause.

Vor etwas mehr als 20 Jahren begannen die Dinge sich zu ändern. Eines Tages segelte Nui nach Koh Surin, wo ihm von Beamten mitgeteilt wurde, dass er in den flachen Gewässern nicht mehr fischen dürfe, da sie nun ein Nationalpark seien. Wenn er darauf bestünde, weiter dort zu fischen, würde er festgenommen.

Und seitdem viele Touristen kommen, gibt es noch mehr Restriktionen. Immer häufiger kommt es zu Konflikten zwischen Seenomaden, die versuchen, heimlich in die seichten Gewässer zu gelangen, und Beamten, die versuchen, die Strände für die Touristen freizuhalten. In den vergangenen zwei Jahren wurden mehr als 30 Seenomaden festgenommen und nach dem Nationalparkgesetz wegen illegalen Besitzes geschützter Tieren angeklagt.

Einige Seenomaden versuchen zu überleben, indem sie sich Arbeit suchen, doch selten mit Erfolg. Nui ist Guide für Amateur-Fischer geworden, andere, wie Sanit, sind gezwungen tiefer zu tauchen, um Fische zu finden und gehen damit ein beachtliches Risiko ein.

Gestohlene Heimat

Seit dem Tourismusboom in den Andamanen wurden nicht nur die flachen Gewässer und die Strände für die Touristen in Besitz genommen. Auch Grundstücke, auf denen die Seenomaden seit Generationen gelebt haben, wurden ihnen weggenommen. Die Seenomaden lebten auf ihren Booten, bevor sie auf unbewohnten Inseln an Land gingen. Doch im Laufe der Zeit wurden diese Landstriche entweder von Regierungsstellen oder von Privatleuten oder -unternehmen beansprucht.

Laut dem Netzwerk der Gemeinschaften für politische und soziale Reformen besteht bei 28 von 41 Seenomadengemeinschaften die Gefahr, dass ihnen ihr Land weggenommen wird, und es ist ihnen fast unmöglich, etwas dagegen zu tun, denn diejenigen, die ihnen das Land rauben, verfügen über verbriefte Landrechte.

Am Strand von Rawai wurden mindestens zehn Seenomadenfamilien von privaten Landbesitzern verklagt. Nuis Familie ist eine von ihnen und er hat sich geschworen, bis zum Ende zu kämpfen, um das Land zu behalten, auf dem er lebt, genau wie seine Vorfahren.

In der Nähe vom Strand von Rawai liegen die Inseln Koh Bon und Koh He, wo sehr zum Entsetzen der Seenomaden Hotelanlagen aus dem Boden geschossen sind. "Wie können sie solche Anlagen auf den Inseln bauen, wo wir gelebt und gefischt haben?'' fragte Nui. Doch der Landraub beschränkt sich nicht nur auf die Wohngebiete der Seenomaden. Es wurde auch versucht, ihnen mehrere religiöse Stätten, darunter Friedhöfe, wegzunehmen.

In Rawai versuchte ein privater Landbesitzer den Zugang nach Toh Ba Lai zu versperren, wo die Seenomaden ihre Rituale abhalten. Diesen Vorfall nahmen sie nicht hin. Sanit und seine Familie führten den Protest an und es gelang ihnen schließlich, den Zugang zurückzugewinnen. Sanit weiß jedoch nicht, wie lange sich die Dorfbewohner noch gegen solche Bedrohungen zur Wehr setzen können. Der Eigentümer des Grundstücks hat bereits eine hohe Betonmauer errichtet, um Toh Ba Lai und das Dorf zu trennen. Es wurde lediglich ein kleiner Durchgang offen gelassen, durch den die Dorfbewohner nach Toh Ba Lai gelangen können.

Auf Koh Phi Phi wurden bereits einige Hotels auf Seenomaden-Friedhöfen gebaut und in Lan Ta in der Provinz Krabi wird den Seenomaden gesagt, sie sollen die Überreste ihrer Angehörigen von Friedhof Bor Nae entfernen, sonst würden sie von Erschließungsunternehmen zerstört.

Ein Kabinettsbeschluss als Hoffnungsschimmer?

Am 2. Juni 2010 legte das Kabinett einen Beschluss vor, in dem sowohl kurz- als auch langfristige Maßnahmen festgelegt wurden, um die Probleme der Seenomaden anzugehen. Kurzfristig schlug das Kabinett mehr Sicherheit in Bezug auf Landbesitz vor, durch verschiedene Maßnahmen, darunter die Überprüfung der Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden und verbriefte Landrechte für die Gemeinschaften. Weiter wurde vorgeschlagen, dass die Bestimmungen, die die Seenomaden daran hinderten, in Schutzgebieten zu fischen, gelockert werden sollten, dass sie medizinisch versorgt werden, Bildung und Ausweise erhalten und dass ihre Kultur gefördert werden sollte, unter anderem durch einen besonderen Tag, der ihrer Kultur gewidmet ist.

Innerhalb von drei Jahren sollten spezielle kulturelle Zonen für bestimmte ethnische Gruppen eingerichtet werden, darunter auch für die Seenomaden. Infolge des Kabinettsbeschlusses übernahm das Kulturministerium den Vorsitz eines neuen Komitees zur Wiederherstellung der Lebensgrundlagen der Seenomaden, um die Umsetzung des Beschlusses zu überwachen. Die Initiative hat sowohl Lob als auch Kritik geerntet.

Maitree Jongkraijak, ein führendes Mitglied des Netzwerks der Gemeinschaften für politische und soziale Reformen sagte, die Probleme der Seenomaden hätten im Laufe der Zeit zugenommen. Nach dem Tsunami 2004 wurde ihnen erstmals breite Aufmerksamkeit gewidmet. Der Tsunami hatte ihre Häuser zerstört und das von ihnen genutzte Land war von Landraub bedroht.

Seenomaden haben nicht die Vorstellung, dass man Dinge oder Land besetzen oder besitzen kann. Das ist ein Grund, warum es ihnen schwer fällt, um das Recht auf ihr Land zu kämpfen'', sagte Maitree. Er spricht sich dafür aus, eine spezielle Kulturzone einzurichten. Dadurch könnte etwas Raum geschaffen werden, in dem die Seenomaden ihren traditionellen Lebensstil fortsetzen können. Doch Kabinettsvorschläge seien keine Gesetze und würden deshalb kaum durchgesetzt.

Narumon Arunotai vom Institut für Sozialforschung der Chulalongkorn-Universität und Vizevorsitzende eines Unterkomitees, das die Fortschritte des Kabinettsbeschlusses verfolgt, sagte das Hauptproblem in Bezug auf die Seenomaden seien wohl die Vorurteile in der Bevölkerung. Statt von den Seenomaden zu lernen, sähen die Leute sie als merkwürdig an und versuchten sie in die "normale'' Gesellschaft zu integrieren.

Der Kabinettsbeschluss sei ein Fortschritt, so Narumon Arunotai, denn darin würden die Probleme der Seenomaden anerkannt und nun zumindest auf politischer Ebene in Angriff genommen. Jetzt komme es auf die Umsetzung an. "Ich nenne es Fortschritt, weil dadurch das Prinzip der Koexistenz unterstrichen wird. Wir leben in derselben Welt, also müssen wir andere Menschen anerkennen und sie nicht marginalisieren".

Gekürzte Übersetzung eines Artikels aus der "Bangkok Post" vom 11. November 2012, mit freundlicher Genehmigung. © 2012 Post Publishing Plc. Alle Rechte vorbehalten. www.bangkokpost.com

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

(8.638 Zeichen, März 2013)

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