Das Tote Meer soll leben

Nachhaltiger Tourismus als Ausweg aus der Wasserkrise im Nahen Osten?
Christina Kamp

Einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz und zur Lösung der Wasserprobleme im Nahen Osten könnte ein nachhaltiger Tourismus leisten. Davon sind die Geschäftsführer von "Friends of the Earth Middle East (FoEME)" aus Israel, Palästina und Jordanien, die Ende Mai mit Reiseveranstaltern in Köln diskutierten, fest überzeugt.

Die Wasserkrise im Nahen Osten dürfte sich noch in diesem Jahr deutlich zuspitzen. Erstmals sei damit zu rechnen, dass der Jordan im unteren Teil komplett austrocknet, so dass gar kein Wasser mehr im Toten Meer ankomme. Als Ursache machten die Umweltschützer vor allem die Landwirtschaft verantwortlich, die das Jordan-Wasser abzapfe. "Heute führt der Jordan nur noch zehn Prozent seiner ursprünglichen Wassermenge", berichtete Nader Al Khateeb, Geschäftsführer von FoEME Palästina. Waren es einst 1,3 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr, so seien es heute nur noch ca. 50 bis 100 Millionen Kubikmeter, und die bestünden zu einem großen Teil aus Abwässern. Im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte sei der Wasserspiegel des Toten Meeres um 25 Meter gesunken, ergänzte Mungeth Meyhar von FoEME Jordanien. Jedes Jahr sinke er weiter um einen Meter. Der gesamte südliche Teil des Toten Meeres sei bereits ausgetrocknet.

Der Druck auf die natürlichen Ressourcen des Toten Meeres wachse durch Bevölkerungszuwachs und Nutzungskonkurrenz. Derzeit betrage der Wasserverbrauch pro Kopf pro Tag in Palästina rund 60 Liter, in Jordanien 120 und in Israel 300 Liter. Das erzeuge Spannungen, erläuterte Gidon Bromberg von FoEME Israel. Aber auch die unterschiedlichen Wirtschaftssektoren konkurrieren um das knappe Gut. Jede Seite versuche, die Ressourcen der Region zu ihrem eigenen Vorteil auszubeuten, ohne Rücksicht auf die natürliche Tragfähigkeit.

Tausende neue Hotelzimmer würden gebaut oder seien in Planung. Die industrielle Entwicklung, der Straßenbau und der Abbau mineralischer Rohstoffe werde weiter vorangetrieben. Empfindliche Ökosysteme seien akut in einer Region bedroht, die für den Zugvogelschutz international von großer Bedeutung ist. Das Tote Meer ist für seinen hohen Salzgehalt berühmt und von großem medizinischen Wert.

"Die Regierungen müssen zusammenkommen und gemeinsam über Lösungsansätze verhandeln", verlangte Al Khateeb. "Für das Gebiet brauchen wir einen integrierten Management-Plan." Die Entwicklungsziele müssten mit der natürlichen Tragfähigkeit der Region in Einklang gebracht werden. FoEME arbeitet darauf hin, dass das untere Jordan-Tal von der UNESCO als Weltnatur und -kulturerbe ausgewiesen wird. Damit würde sowohl Naturschutzzielen wie dem Erhalt als wichtige Raststelle für Zugvögel als auch der kulturhistorischen und religiösen Bedeutung Rechnung getragen. Die Regierungen in der Konfliktregion könnten dadurch zur Kooperation bewegt werden. Dies wäre zugleich ein wichtiger Schritt im Friedensprozess.

Der Tourismus - vorausgesetzt er wird nachhaltig gestaltet - könnte helfen, die Natur zu schützen, und er könnte sogar zur Lösung der Wasserprobleme beitragen. Natürlich, so erkennen die Umweltschützer an, würden Touristen, insbesondere 5-Sterne-Touristen, auch Wasser verbrauchen. Dennoch sind sie nicht der Meinung, dass man damit nur ein Problem durch ein anderes ersetze. Denn der Netto-Nutzen sei ausgesprochen positiv. Schließlich würden die Touristen für das Wasser bezahlen - im Gegensatz zur Landwirtschaft, deren sehr viel höherer Wasserverbrauch auch noch subventioniert werde. "Die Bauern bekommen das Wasser praktisch umsonst", berichtete Meyhar. Der Nahe Osten dürfe aber kein "Brotkorb" sein, in dem Agrarerzeugnisse für den Export angebaut werden, sagte Bromberg. Der Anteil der Landwirtschaft am gesamten Wasserverbrauch liege in Palästina und Jordanien derzeit zwischen 70 und 80 Prozent. In Israel sei er von 65 auf 50 Prozent reduziert worden. "Wir fordern, dass die Subventionen für die Landwirtschaft abgebaut werden. Doch das geht nur, wenn wir Alternativen bieten".

Durch den Tourismus könnten alternative Einkommensquellen für die Bevölkerung geschaffen werden, so die Hoffnung der Umweltschützer. Sie setzen besonders auf kleine, landestypische Unterkünfte, auf Ökotourismus beispielsweise zur Vogelbeobachtung, und auf den Wellness- und Kur-Tourismus. Im Fremdenverkehr seien Entsalzungsanlagen zur Süßwassergewinnung eine sinnvolle Technologie, obwohl sie energieintensiv und damit teuer seien. Selbst 5-Sterne-Hotels würden damit jedoch immer noch besser abschneiden als die Landwirtschaft. Allerdings müsse darauf hingewirkt werden, auch im Hochpreissegment Wasser und Energie zu sparen. Deshalb beraten die Umweltschützer in den großen Hotels Manager und Mitarbeiter. Ihr Wunsch-Tourismus ist allerdings der ländliche mit "Bed & Breakfast"-Pensionen, umweltfreundlichen Aktivitäten wie Radtouren und Wanderungen und Kontakten zur einheimischen Bevölkerung. Deshalb solle die Landwirtschaft nicht ganz aufgegeben werden, sagte Meyhar. "Denn wenn es keine Bauern mehr gibt, wen würden die Touristen auf dem Lande dann treffen?"

(5.014 Anschläge, 62 Zeilen, Juli 2005)

"Jordanien gehört zu den wasserärmsten Ländern der Erde... Die Umverteilung von Wasser aus der Bewässerungswirtschaft zur Trinkwasserversorgung ist einer der Schlüssel für die Zukunft. Andere sind die erst in den Anfängen begriffene Aufklärung der Bevölkerung über den bewussten Umgang mit Wasser...Wer Jordanien besucht, kann beobachten, dass die große Mehrheit der städtischen Bevölkerung mit Wasser hantiert, als gäbe es mehr als genug davon: Autos und Terrassen werden regelmäßig und großzügig abgespritzt, Wasserhähne in öffentlichen Gebäuden tropfen, aus undichten Leitungen läuft Wasser auf die Straßen... Der staatliche Wasserversorger baut momentan Wehre an den letzten beiden größeren natürlichen Zuflüssen des Toten Meeres und verringert damit den für den Erhalt des Wasserspiegels nötigen Zufluss".

Aus SympathieMagazin "Jordanien verstehen" (2005)

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