Bon Voyage vs. Boykott

Für Toleranz und Solidarität in LGBTQI*-feindliche Länder reisen oder sie bewusst meiden?
Lea Thin
Schild auf Demo: Queer Liberation, not Rainbow Capitalism
© Delia Giandeini on Unsplash

Kann LGBTQI*-Tourismus wirklich dabei helfen, die Akzeptanz und die Rechte von Homo- und Transsexuellen in Reiseländern zu stärken? Überlegungen aus Kambodscha, Kolumbien und Saudi-Arabien.

In 70 Ländern wird Homosexualität noch immer strafrechtlich verfolgt, in elf von ihnen sogar mit dem Tod bestraft. Kein Wunder also, dass Sicherheit für LGBTQI* (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Intersexual) - Reisende auch heute noch eine übergeordnete Rolle spielt. Doch Reisen ist nicht nur ein Risiko für LGBTQI*-Personen. Die Branche hat auch das Potenzial, die einheimische LGBTQI*-Community im Reiseland zu stärken, so die Theorie. Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) ist allerdings skeptisch. “Dass Reisen von LGBTQI* zur Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation in Reisedestinationen beitragen, ist eine bloße Behauptung und kann nicht belegt werden”, sagt er. Vielmehr diene der Tourismus den Staaten häufig als Feigenblatt, um Weltoffenheit nach außen zu demonstrieren, während die eigene LGBTQI*-Bevölkerung weiterhin massiv unterdrückt werde.

Die Tourismuswirtschaft ist optimistischer: Indem LGBTQI*-Reisende ins Land kommen, kann die Reisebranche dabei helfen, Homophobie zu bekämpfen, meint die International Gay and Lesbian Travel Association (IGLTA) und ist sich darin mit anderen großen Reiseverbänden einig. Auch Dirk Baumgartl ist sich sicher, dass die Sichtbarkeit von LGBTQI*-Tourist*innen vor Ort positiv wirken kann. Als Chefredakteur des Reisemagazins Spartacus Traveler sind ihm die sichersten und risikoreichsten Urlaubsländer für queere Tourist*innen bekannt. Doch der Spartacus Gay Travel Index zeigt auch deutlich, dass sich Gesetze und gesellschaftliche Normen von Land zu Land stark unterscheiden.

Kambodscha - Nutznießer des Reise-Hotspots Thailand

Homosexualität ist noch immer illegal in Malaysia, Bhutan, den Malediven und Sri Lanka. Dennoch ist Südostasien bei LGBTQI*-Reisenden ein beliebtes Ziel, allen voran Thailand. Das Land steht kurz vor der Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe und könnte Dank gezielter Kampagnen gegen Homophobie bald zum LGBTQI*-freundlichsten Reiseziel Asiens avancieren. Die Anrainerstaaten profitieren davon, sagt Dirk Baumgartl von Spartacus. “Viele Asienreisende fangen in Thailand an und nehmen sich anschließend die umliegenden Länder vor - wie zum Beispiel Kambodscha. Tourismus kann dort eine Chance sein, um mehr mit LGBTQI*-Personen in Berührung zu kommen und die Gay Community in Kambodscha zu stärken.” Nuon Sidara weiß, dass viele einheimische LGBTQI*-Menschen auf die Branche hoffen. Sidara ist Leiter eines Projekts zu sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität beim kambodschanischen Zentrum für Menschenrechte in Phnom Penh. “Viele Homo- und Transsexuelle aus Kambodscha sehen im LGBTQI*-Tourismus ihre Chance auf einen Arbeitsplatz mit vergleichsweise hohem Einkommen. Mit der richtigen Ausbildung und einer besseren Infrastruktur für LGBTQI*-Reiseanbieter*innen könnten sie ihre finanzielle Stellung verbessern. Diese ist oft ausschlaggebend für die Akzeptanz ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität in ihrem persönlichen Umfeld.”

Kolumbien – der neue Star der LGBTQI*-Reiseszene

Immer mehr Länder öffnen sich für Tourist*innen aller Couleur. Sie bieten reisefreudigen LGBTQI* die Möglichkeit, den gängigen Destinationen der “gay bubble” zu entkommen und neue Reiseschätze zu entdecken. Eines dieser Länder ist Kolumbien. Das boomende Reiseland steht nicht nur bei deutschen Tourist*innen so hoch im Kurs wie noch nie, auch im Spartacus Index liegt die Destination mittlerweile gleichauf mit Deutschland. Theresa Quiachon, Beraterin bei Löning - Human Rights & Responsible Business sieht die Tourismusbranche als Grundbaustein, um LGBTQI*- Rechte zu stärken. Damit die Begegnungen zwischen Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen gegenseitige Toleranz förderten, müsse die Tourismuswirtschaft dies aber aktiv unterstützen. Genau deshalb ist Kolumbien gut gerüstet, um ein LGBTQI*-freundliches Land zu werden, meint Dirk Baumgartl. “Kolumbien ist ein sehr offenes Land, auch bezüglich seiner Gesetzgebung. Der kolumbianische Tourismusverband ProColombia hat in den letzten Jahren viel Arbeit in Studien und Aufklärungsarbeit für die lokale Tourismusbranche gesteckt und so die Toleranz gegenüber LGBTQI* in der kolumbianischen Reiseindustrie, aber auch darüber hinaus, erhöht.”

Saudi-Arabien - trauriges Schlusslicht trotz Tourismus-Ambitionen

Saudi-Arabien hat ein ehrgeiziges Ziel: Um sich unabhängiger vom Ölhandel zu machen, will sich das Land für internationale Tourist*innen öffnen und in den nächsten zehn Jahren 100 Millionen Gäste empfangen. In Tourismuskampagnen zeigt sich das erzkonservative Königreich offen und divers. Aber wie passt das zu einem Staat, in dem Homosexualität nach wie vor unter Todesstrafe steht? Der Tourismus kann auch hier einen gesellschaftlichen Wandel für LGBTQI*-Personen bewirken, meint Theresa Quiachon. "Selbst in Saudi-Arabien können Tourismusunternehmen Diskriminierung entgegenwirken, indem sie beispielsweise auf Chancengleichheit bei der Einstellung bestehen oder von ihren Mitarbeiter*innen einen gleichberechtigten Umgang mit LGBTQI*-Gästen erwarten. Grundsätzlich würde ich persönlich aber niemandem empfehlen, in eine Region zu reisen, in der das eigene Leben gefährdet ist." Auch Dirk Baumgartl von Spartacus rät LGBTQI*-Tourist*innen von einer Reise nach Saudi-Arabien ab. “Man sollte dennoch immer auch hinterfragen, was man mit einem Boykott anstellt. Gerade die Communities vor Ort setzen sich sehr dafür ein, dass andere LGBTQI*s kommen und mehr Sichtbarkeit schaffen.” Trotzdem sollten Tourist*innen aufpassen, dass sie mit ihren Reisen LGBTQI*-feindliche Regime nicht stillschweigend legitimieren, findet Markus Ulrich vom LSVD: “Für Saudi-Arabien, einen der schlimmsten Verfolgerstaaten, sollte ein Reiseboykott selbstverständlich sein - nicht nur durch LGBTQI*. Anders als in armen Ländern leidet darunter auch nicht die Bevölkerung. Vielmehr wird ein Prestigeobjekt des Regimes getroffen.”

Die drei unterschiedlichen Reiseländer Kolumbien, Kambodscha und Saudi-Arabien zeigen: Es gibt keine pauschale Antwort darauf, ob LGBTQI*-Tourismus die Situation für Homo-, Trans- und Intersexuelle in den Reiseländern verbessern kann. Reisende werden auch in Zukunft vor der Frage stehen, ob sie aus Solidarität mit den Einheimischen bewusst in LQBTQI*-feindliche Regime reisen oder diese Länder aus Protest und zu ihrer eigenen Sicherheit meiden.

Lea Thin ist Geographin und freiberufliche Journalistin aus Berlin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich vor allem mit den Themen Nachhaltigkeit, Klima- und Entwicklungspolitik sowie Gender.

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