Aus Stolpersteinen Sprungbretter machen

Ökotourismus in Benin

Till Serafimov

Benin - das kleine Land am Golf von Guinea - ist als Reiseziel eher in der frankophonen Welt ein Begriff. Mit seiner gastfreundlichen Bevölkerung und seinen landschaftlichen, historischen und kulturellen Schätzen ist das Land aber definitiv einer der Geheimtipps in Westafrika. Doch auch Benin hat mit etlichen Problemen zu kämpfen. Die im Vergleich zur Küstenregion schlechte Ausbildungs- und Beschäftigungssituation im Landesinneren zwingt viele junge Leute zur Landflucht in Richtung Süden. Durch die starke Abhängigkeit der Landbevölkerung von der Fischerei, der Landwirtschaft und der Jagd, die notgedrungen auf kurze Sicht betrieben werden, leidet die biologische Vielfalt. Mit nachhaltigem Tourismus, der die Umwelt und das kulturelle Erbe schützt und vor Ort Einkommen schafft, kann Benin etliche Probleme mit einer Strategie anpacken und zugleich ein attraktives Reiseziel für verantwortungsbewusste Besucher werden.

Ökotourismus rettet Ökosystem: Der Ahémé-See

Seit Jahren ist der Ahémé-See im Südwesten Benins in seiner Existenz bedroht. Der zunehmende Bevölkerungsdruck hat zur Überfischung des Sees, zu Erosion an den Ufern und zur Abholzung der umliegenden Wälder geführt. In mehreren Dörfern sind Ökotourismusprojekte entstanden, die wirtschaftliche Anreize schaffen sollen, um die gefährdeten Ökosysteme vor dem Kollaps zu bewahren. Indem Fischerfamilien den Besuchern gelegentlich den See und das Umland zeigen, erzielen sie ein weitaus höheres Einkommen als aus dem Fischfang, der immer kärglicher ausfällt. Während der Ausflüge auf dem See erzählen sie den Gästen vom Fischeralltag und erklären das Handwerkszeug.

Auf dem Land erhalten die Besucher einen Einblick in die einzigartige Voodoo-Kultur. Mit dem Voodoo-Glauben verbunden sind auch die "heiligen Wälder", in denen Flora und Fauna unantastbar sind. Als "Mini-Reservate" wecken diese Haine bei wachsendem Bevölkerungsdruck allerdings zunehmend Begehrlichkeiten. Die mit den religiösen Autoritäten abgestimmten Führungen in diese Wälder leisten daher einen wichtigen Beitrag zu ihrem Schutz. Denn ein Teil der daraus erzielten Einnahmen kommt in Form von sozialen Projekten der Allgemeinheit zugute.

Zudem besteht für die Besucher die Möglichkeit, unter Anleitung von Einheimischen am Seeufer Mangrovenbäume zu pflanzen. Mit diesen innovativen und nachahmenswerten Aktionen können die Besucher direkt zur Rettung des Ökosystems beitragen. Mit einem kleinen Beitrag pro Mangroven-Setzling hat die lokale Tourismusverwaltung zusätzliche Einnahmen und das Ökosystem am Ahémé-See erhält schrittweise seine natürliche Ufervegetation zurück. Mangroven halten nicht nur die Ufererosion und damit die Versandung des Sees auf, sondern dienen auch als wichtige Brutstätte, Zufluchtsort und Nahrungsquelle für Fische und Krustentiere. Die mittlerweile über 750.000 neuen Mangrovenbäume, die von unzähligen Besuchergruppen und Schulklassen über die Jahre gepflanzt wurden, sind ein beeindruckendes Zwischenergebnis. 2011 soll die Zielmarke von einer Million erreicht sein.

Berufsausbildung im Ökotourismus: Bei Null angefangen

Auf halber Strecke zwischen den Städten Natitingou und Boukoumbé, im mittleren Westen des Landes, liegt das kleine Dorf Koussoukoingou. Die Region ist reich an kulturellen Besonderheiten, darunter festungsartigen Familienhäusern - den faszinierenden "Tata Somba". Diese Gegend ist besonders für Touristen auf der Durchreise Richtung Togo und Pendjari-Nationalpark attraktiv. Seit 2006 hat die Organisation "Benin Ecotourism Concern" hier zusammen mit den Dorfbewohnern Schritt für Schritt einen lokal verwalteten Ökotourismus aufgebaut.

Dabei gab es nicht wenige Hindernisse zu überwinden: Abgesehen von der allgemein rudimentären Schulbildung, haben die allerwenigsten Dorfbewohner Erfahrungen mit dem Tourismus. Daher musste behutsam vorgegangen werden, um Defizite in der Ausbildung auszugleichen und mit Mindeststandards an Komfort, Hygiene und Gepflogenheiten des Tourismusgeschäfts in Einklang zu bringen. In zahlreichen Schulungen, Workshops und Probedurchläufen erwarben die Dorfbewohner langsam aber sicher das nötige Handwerkszeug, um Besucher erfolgreich zu betreuen. Auch das speziell für den Ökotourismus gegründete Dorfkomitee wurde in Verwaltung und Management ausgebildet, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten und die Tourismuseinnahmen zum Wohle des ganzen Dorfes investieren können.

Chancen auch für Frauen

Die jahrelange Arbeit hat mittlerweile erste Früchte getragen. Bis heute haben neun Öko-Fremdenführer und vier Köchinnen ihre Arbeit aufgenommen. Zehn Besitzer der "Tata Somba" sind ausgebildet worden, Gästen ihre Häuser zu zeigen und sie dort "chez l'habitant" - bei den Bewohnern - unterzubringen. Hinzu kommen fünf Frauen und Männer, die ihr Kunsthandwerk an die Besucher verkaufen.

Um die nötigen Qualitätsstandards zu erfüllen, sind alle Ökotourismus-Dienstleister von "Benin Ecotourism Concern" ausgebildet und zertifiziert. Sie erhalten Ausweise, an denen die Gäste den aktuellen Ausbildungsstand erkennen können. Das durchweg positive Urteil der Besucher gibt der Dorfgemeinschaft Selbstbewusstsein und spornt sie an weiterzumachen.

Die Idee, Frauen in das Tourismusgeschäft mit einzubinden, war bei vielen Männern im Dorf zunächst auf große Skepsis gestoßen. Mit der Zeit sprach sich jedoch herum, dass die vor allem mit Verpflegung und Unterbringung beschäftigten Frauen einen ansehnlichen Zusatzverdienst für die ganze Familie erwirtschafteten. In Folge dessen wurden weitere Frauen von ihren Männern sogar ermutigt, ebenfalls einzusteigen und einen "echten" Ökotourismus in Benin von Grund auf mit aufzubauen.

Weitere Informationen: Benin Ecotourism Concern (Eco-Benin) http://www.ecobenin.org/

Till Serafimov war 2009 als Projektberater für Ökotourismus im Benin tätig und arbeitet derzeit für den Deutschen Entwicklungsdienst im Bereich erneuerbare Energien in Uganda.

(5.719 Anschläge, 78 Zeilen, September 2010)

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