Amerika, Du hast es besser!

Ein satirisches Streiflicht von Herbert Becker

"Amerika, Du hast es besser!" Das hat Goethe gesagt und damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Sogar der Reiseleiter, der in den USA unterwegs ist, hat es besser als derjenige, der sich beispielsweise in Indien bemüht, seine Schutzbefohlenen am Begehen der ärgsten touristischen Sünden zu hindern. Das liegt z.B. daran, daß so gut wie keine amerikanische Hausfrau an den Ufern des Colorado Rivers steht und die Dhotis ihres Ehegatten wäscht - weshalb sie bei dieser Tätigkeit auch nicht fotografiert werden muß.

Hinzukommt, daß die Touristen in Amerika aus unerfindlichen Gründen nicht zu bestimmten Verhaltensweisen neigen, die ihnen in Ländern der einst so genannten Dritten Welt ganz normal erscheinen. So habe ich z.B. noch nie jemandem in einem Hamburger-Restaurant mit dem Finger in seinen Pappbecher deutend "Coffee, Coffee" rufen hören. Zwischen Griechenland und China ist das - mit dem geringfügigen Unterschied, daß es sich dort meist um solide Tassen und ein Getränk namens Tschai handelt - gang und gäbe.

"Political Correctness" ist angesagt

Aber eigentlich wollte ich ja Vorschläge dazu machen, was der Reiseleiter dem Reisegast in den USA alles verbieten muß. Das ist schwierig, weil sich in den USA immer alles so schnell ändert. Zur Zeit ist "Political Correctness" angesagt. Das heißt unter anderem:

Menschen mit einer Hautfarbe, die auf afrikanische Vorfahren schließen läßt, dürfen nicht "Neger" (negroes) und schon gar nicht Nigger, Bimbo o.ä. genannt werden; auch die Anrede "boy" verbietet sich. Geduldet wird die Bezeichnung "Schwarze" (blacks), besser noch ist "afroamericans". Auch andere ethnische Minderheiten dürfen nicht diskriminiert werden. Das werden sie aber leichter als man denkt, weil die korrekten Benennungen rapiden Veränderungen unterliegen. Der Reiseleiter sollte sich unbedingt vor Reiseantritt darüber informieren, was gerade angesagt ist.

Selbstverständlich ist auf regionale Unterschiede Rücksicht zu nehmen. Davon, daß ein Großteil der US-Bevölkerung selbst krass gegen die Regeln verstößt, sollte man sich keinesfalls beirren lassen. In vielen Fällen ist es hilfreich, sich selbst als Angehöriger einer unterdrückten Minderheit darzustellen. "Find yourself a victim group" heißt das entsprechende Schlagwort. Besonders in Intellektuellenkreisen darf man dann mit viel Verständnis rechnen. Welche "Victim Group" für wen geeignet ist, richtet sich u.a. nach dem Alter. Für Jüngere empfehlen sich der im Rehabilitationsstadium befindliche Drogenabhängige sowie der HIV-Positive, für Frauen bietet es sich an zu behaupten, sie seien auf der Flucht vor einem gewalttätigen Ehemann, am besten einem schiitischen Muslim.

Enttäuschungen gilt es vorzubeugen

Dann gibt es natürlich die Indianer, des Touristen Lieblingsamerikaner. Um herben Enttäuschungen vorzubeugen, sollte man als ReiseleiterIn spätestens auf dem Frankfurter Flughafen darauf hinweisen, daß nur noch wenige von ihnen - und auch die nur zu bestimmten Anlässen - Federschmuck tragen. Was sie hingegen wirklich tun, ist Saufen. Das haben sie sogar schon selber gemerkt und deshalb über einen Großteil der Reservate die Prohibition verhängt. Und die gilt infamerweise auch für Touristen. Wenn einer mit einer Dose Budweiser im Monument Valley erwischt wird, kann er sich nicht darauf hinausreden, daß dieses Bier doch wirklich sehr schwach sei. Er wird zwar nicht am Marterpfahl enden, aber es kann gut sein, daß ein Häuptling von der "Tribal Police" die ganze Eisbox, die die Gruppe zwecks Aufrechterhaltung einer ertragbaren Gruppenstimmung im Bus mitführt, in den roten Sand kippt.

Was das für die Gruppendynamik bedeutet, kann man sich vorstellen. Auch ansonsten ist die Rothaut pingelig. Sie liebt es nicht, wenn man sie ungefragt fotografiert, ihre Behausungen betritt, die in ihrem Reservat an sich üppig vorhandenen Steine, Pflanzen, Tonscherben etc. als gottgegebene Souvenirs betrachtet. Um die Reisegäste von vornherein auf diese Eigenwilligkeiten aufmerksam zu machen, verteilt der Häuptling Blätter, auf denen er hat auflisten lassen, was alles der Besucher nicht darf. Es hat sich als nützlich erwiesen, wenn der Reiseleiter den Inhalt der Blätter seinen Gästen in groben Zügen zur Kenntnis bringt. Kleine Gemeinheiten, die sich die Indianer heutzutage leisten - etwa daß sie Indianerschmuck "made in Taiwan" verkaufen - sollten vom Reisegast eingedenk dessen, was der weiße Mann dem rotem Bruder alles angetan hat, klaglos hingenommen werden.

Neben den ethnischen Minderheiten gibt es viele weitere, z.B. die Frauen. Sie mögen zahlenmäßig nicht als Minderheit erscheinen; da sie aber z.B. in politischen Ämtern stark unterrepräsentiert sind, gelten sie dennoch als solche. Besonders für Männer ist es nicht immer leicht, gegenüber Frauen, die sich ihrer "Political Correctness" bewußt sind, den richtigen Ton zu finden. Ein dummes Wort, ein Ausrutscher mit der Hand - und schon sieht mann sich einer Klage wegen "Sexual Harrassment" (sexuelle Belästigung) konfrontiert.

Wo Amerikaner noch echte Amerikaner sind

Bewegt man sich weniger in intellektuellen Kreisen, besucht man z.B. ein Rodeo, also einen Platz, an dem Amerikaner noch echte Amerikaner sind, an dem sich mit anderen Worten der "Mainstream" versammelt, vergesse man die Zugehörigkeit zu einer "Victim Group". Dort preise man lieber John Wayne und Merle Haggard und vermeide es auf alle Fälle, sich mit Zitaten aus der Unabhängigkeitserklärung oder der Verfassung der USA anzubiedern. Die erstere beginnt mit den Worten: "Wir halten folgende Wahrheiten für keines Beweises bedürftig: Daß alle Menschen gleich erschaffen sind...". Unter Intellektuellen mag dieses große Wort ein Gemeinplatz sein, die Besucher eines Rodeos halten es eher für einen Auszug aus dem Kommunistischen Manifest und reagieren aggressiv. Auch Kritik an irgendeinem Aspekt des amerikanischen Nationalcharakters, der amerikanischen Politik, der Qualität amerikanischer Produkte, der Bodenbeschaffenheit oder des Wetters unterlasse man auf dem Rodeo-Platz und in ähnlich gearteten Lokalitäten unbedingt. Wird der Besucher in politische Diskussionen verwickelt, sollte er sich darauf beschränken, seinem Diskussionspartner Recht zu geben. Sogar wenn er ernsthaft glaubt, dessen Meinung zu teilen, läuft er Gefahr, Ausdrücke falsch zu verwenden. Wählt er etwa - was unwahrscheinlich ist - die FDP, darf er nicht glauben, sich gegenüber einem US-Amerikaner als "liberal" bezeichnen zu sollen. Darunter versteht man jenseits des Atlantik einen politisch ganz links Stehenden, einen der für Castro und die Abtreibung ist.

Überhaupt sollte man als ReiseleiterIn seine Gäste - soweit sie Englisch können - auf die unterschiedliche Verwendung bestimmter Begriffe hinweisen. "Culture" z.B. heißt auf Deutsch Zivilisation (das ist jener Zustand der gesellschaftlichen Entwicklung, in der der Mensch über ein Klo mit Wasserspülung verfügt), "Civilisation" bezeichnet das, was wir unter Kultur verstehen (das hat mit Beethoven und Shakespeare zu tun).

Wenn man an eine Hotelrezeption kommt und seinen Zimmerschüssel möchte, grüßt man üblicherweise die dort tätige Person (unabhängig davon, ob sie der europiden, negroiden oder mongoliden Rasse zugehört). Man bedient sich dabei folgender oder ähnlicher Wendungen: "Hi", "Howdy", "How're things t'day?"...

"Please wait to be seated" ist ernstgemeint

Am Eingang des zum Hotel gehörenden Restaurants ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Täfelchen aufgestellt, auf dem es heißt: "Please wait to be seated". "To wait" bedeutet auf Deutsch u.a. "Warten". Das meinen die Amerikaner tatsächlich ernst. Sie stellen sich vor dem Restaurant an und warten, bis jemand kommt, der ihnen einen Platz anweist. Dem deutschen Gemüt ist dieses Verhalten zuwider, insbesondere, wenn im Inneren des Lokals eine große Zahl freier Tische zu sehen ist. Anstatt sich selbständig einen der Plätze auszusuchen, ist es sozial verträglicher, sich in die Schlange einzureihen, sich den Bericht des nächststehenden Amerikaners anzuhören, dessen Großvater in der Nähe von "Newdettelsow - or whatever you pronounce it" geboren wurde, oder sich Gedanken über das Entstehen der Fast-Food-Idee zu machen.

Kein Trinkgeld zu geben, ist sozial ganz unverträglich

Wenn man dann schließlich Platz genommen hat und der Kellner sich mit den Worten: "My name is Roodi - I'll be your waiter tonight" vorstellt, dann braucht man Rudi nicht in ausladenden Worten zu erklären, wer man selbst ist; man sollte Rudi vielmehr vor Verlassen des Lokals ein angemessenes Trinkgeld geben - sogar wenn Rudi wirklich eine Pflaume war. Das Trinkgeld zu unterschlagen grenzt an Zechprellerei, ist also sozial ganz unverträglich.

Lernt man jemanden näher kennen, bzw. wird einem jemand vorgestellt, so erfährt man zunächst nur dessen/deren Vornamen. Mit jemandem "on a first name basis" zu sein, heißt nicht, daß die persönliche Distanz verlorenginge, die in Deutschland durch das Duzen in der Regel dahinschwindet. Bemerkungen wie: "Da hab ich einen Professor kennengelernt, der hat mir gleich das Du angeboten" sind unangebracht. Sogar Bill Clinton nennt den deutschen Kanzler beim Vornamen. Das Rauchen ist dieser Tage ganz schlecht angesehen. In öffentlichen Gebäuden sowie in Bus- oder U-Bahn-Stationen ist es verboten, auf Klos ist es verpönt, in Gesellschaft wird es - im besten Fall - als Krankheit angesehen. Heimlich rauchen kann man allenfalls auf dem Hotelzimmer -aber auch dort wird die Untat gnadenlos geahndet, wenn sich der Übeltäter seinem Laster in einem "Non-smoking Room" hingegeben hat. Ein ganz wichtiges Wort heißt "sorry". Sogar dann, wenn jemand - z.B. im Supermarkt - wirklich ganz blöd im Weg rumsteht, fragt man ihn nicht wie in Deutschland, ob ersein dummes Geschwätz nicht gefälligst woanders fortsetzen könne, sondern man quetscht sich an ihm vorbei und sagt "sorry". Er antwortet dann mit derselben Floskel. Was zur Folge hat, daß die Beteiligten um die Auseinandersetzung, die in Deutschland zwangsläufig stattgefunden hätte, betrogen sind. Aber das ist eben Amerika. Sorry.

(8630 Zeichen / 143 Zeilen, Dezember 1999)

Mit freundlicher Genehmigung von Studiosus Reisen aus den "Materialien zum sozial verträglichen Reisen". Das 50seitige, sehr interessante Heft kann angefordert werden bei der Pressestelle, Dr. Klaus Dietsch Studiosus Reisen Riesstr. 25 80992 München Tel. 089/50 06 05 05

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