Agrotourismus in der Karibik

Wege zur Ernährungssicherung
Adelle Thomas, Amelia Moore und Michael Edwards
Erntestand auf den Bahamas
© Tony Tong

Die Inselstaaten der Karibik setzen immer stärker auf den Tourismus als Weg zu wirtschaftlichem Fortschritt – oft auf Kosten anderer Wirtschaftszweige, insbesondere der Landwirtschaft. Durch den Zustrom von Millionen Touristen steigt aber der Nahrungsmittelbedarf. Immer mehr Nahrungsmittel müssen importiert werden, die Ernährungsunsicherheit der Einheimischen nimmt zu. Ob der Agrotourismus ein Weg sein könnte, um die heimische Erzeugung anzukurbeln und die Ernährungssicherheit zu verbessern, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer umfangreichen Studie in den Bahamas untersucht.

Fast alle karibischen Staaten importieren mehr als 60 Prozent ihrer Nahrungsmittel, die Hälfte der Staaten sogar mehr als 80 Prozent. Weil sie von Nahrungsmittelimporten abhängig sind, sind die Länder schwankenden Nahrungsmittelpreisen ausgesetzt. Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, können sich qualitativ hochwertige, nahrhafte Lebensmittel nicht leisten. Zudem ist die Region anfällig für Naturkatastrophen.

Ernährungsunsicherheit bedeutet definitionsgemäß, dass ernährungsphysiologisch angemessene und sichere Nahrungsmittel nur eingeschränkt oder nicht verlässlich verfügbar sind, oder dass die Menschen nur begrenzte oder keine verlässlichen Möglichkeiten haben, sich angemessene Nahrung auf gesellschaftlich akzeptable Weise zu beschaffen.

Ein möglicher Weg, um im Land die Nahrungsmittelproduktion anzukurbeln und die Ernährungssicherheit zu verbessern, ist der Agrotourismus. Im Sinne von ‘Urlaub auf dem Bauernhof‘ besuchen Reisende zum Beispiel landwirtschaftliche Betriebe oder Märkte oder nehmen an landwirtschaftlichen Festen oder Messen teil. Auf indirekte Weise kann Agrotourismus auch beinhalten, dass Bäuerinnen und Bauern Nahrungsmittel für den touristischen Verbrauch liefern, zum Beispiel an Restaurants, Geschäfte oder Hotels.

Durch solche Verbindungen zwischen Tourismus und der einheimischen Landwirtschaft kann der CO2-Fußabdruck verringert werden, denn es muss weniger per Schiff transportiert werden. Gewinne bleiben im Land und fließen nicht ins Ausland ab. Auch schafft der Tourismus auf diese Weise Jobs außerhalb der Hotellerie. Um mehr über die möglichen Beziehungen zwischen Agrotourismus und Ernährungssicherheit herauszufinden, haben wir 60 aktive und ehemalige Bäuerinnen und Bauern auf New Providence in den Bahamas persönlich interviewt.

Agrotourismus in New Providence, Bahamas

Die Bahamas sind eine kleine, aus über 700 Inseln bestehende Inselgruppe im Norden der Karibik. Auf der Insel New Providence liegt die Hauptstadt Nassau. Hier reisen die meisten Gäste ein – vor allem relativ wohlhabende Pauschaltouristinnen und -touristen. Innerhalb der großen Hotelanlagen gibt es eine Vielfalt an Restaurants, Unterhaltungs- und Shoppingangeboten. Zudem kommen pro Jahr 2,6 Millionen Kreuzfahrttouristinnen und -touristen nach New Providence.

Trotz der Dominanz des Tourismus liegt in New Providence auch eines der größten landwirtschaftlichen Anbaugebiete des Landes. Eine große, an das Stadtgebiet von Nassau angrenzende Fläche wurde dazu ausgelegt, gesunde lokale Lebensmittel zu erzeugen und die einheimische Landwirtschaft zu stabilisieren. Seither haben über die Jahrzehnte verschiedene Arten von landwirtschaftlichen Betrieben versucht, sich hier zu etablieren.

Doch die einheimischen Verbraucherinnen und Verbraucher und die Tourismuswirtschaft kaufen kaum lokale Erzeugnisse. Denn die lokal angebauten Produkte entsprechen in Bezug auf Preis, Aussehen und regelmäßige Verfügbarkeit nicht den internationalen Standards. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Bahamas, die in der globalisierten Welt immer besseren Anschluss an andere Märkte haben, haben sich an importierte Nahrungsmittel gewöhnt.

Die Mehrzahl der bäuerlichen Betriebe produziert sehr begrenzte Mengen. Nur einige wenige Agrotourismus-Farmen engagieren sich aktiver und es gelingt ihnen, die lokalen Absatzmöglichkeiten für ihre Erzeugnisse auszuweiten. So wird in einem Betrieb zum Beispiel der Anbau von Nahrungsmitteln mit Touren, Partys, und Einkaufsmöglichkeiten kombiniert. Der Besitzer verkauft Eier, ein breites Spektrum an heimischen Feldfrüchten und eine Auswahl an Marmeladen und Soßen an Einheimische und an ein paar Restaurants. Die meisten seiner Besichtigungsprogramme sind auf Schulgruppen ausgelegt, die etwas über die Landwirtschaft und deren Geschichte auf der Insel lernen wollen. Ein anderer Betrieb organisiert einen bäuerlichen Wochenmarkt, fördert aktiv den Kauf lokaler Produkte und heißt Gäste auf seiner Farm und auf seinem Markt willkommen.

Potenziale für die Ernährungssicherheit

Leider stellt der Agrotourismus in New Providence in seiner gegenwärtigen Form noch keine tragfähige Lösung zur Ernährungssicherung dar. Statt die einheimische Nahrungsmittelproduktion nennenswert anzukurbeln, sichert er lediglich den Betrieb einiger weniger Farmen. Er hilft diesen Betrieben, ihre Einkommen zu erhöhen, Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen und die Risiken schlechter Ernten und niedriger Erzeugerpreise abzufedern.

Würden mehr Bäuerinnen und Bauern sich am Agrotourismus beteiligen, ließe sich die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigen, vor Ort angebauten, frischen Erzeugnissen auf der Insel verbessern. Farmen, die für Einheimische zugänglich sind, können in der Lage sein, in Bezug auf Gemüse den Geschmack der Mittelschicht auf den Bahamas zu verändern.

Agrotourismus muss so entwickelt werden, dass er nicht nur für reiche Touristinnen und Touristen potenziell attraktiv ist. Die Farmen vor Ort müssten zudem Erzeugnisse anzubauen, die zur Ernährungssicherheit der Menschen beitragen würden, statt nur mit ausländischen Gästen im Blick auf Kräuter, Keimpflanzen, oder andere Spezialitäten zu setzen. Es braucht gezielte Anstrengungen, um sowohl die Nachfrage der Reisenden als auch die der Anwohnerinnen und Anwohner zu decken.

Der Agrotourismus kann Kleinbäuerinnen und Kleinbauern helfen, die Kontrolle über ihr Land und ihre Ressourcen zu behalten. Ihre Perspektiven als bäuerliche Betriebe verbessern sich, wenn sie sowohl Agrarprodukte erzeugen als auch Touristenziele sind. Ohne spezifische Maßnahmen wie Regulierung und partizipative Planung kann es jedoch passieren, dass nur eine kleine Minderheit der bäuerlichen Betriebe profitiert. Der Agrotourismus verschärft dann womöglich Hierarchien, indem er wohlhabendere Betriebe stärkt. Deshalb sollten unterschiedliche Arten von Betrieben und verschiedene Bäuerinnen und Bauern einbezogen werden.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, innovative Wege zu finden, um Agrotourismus für verschiedene Touristentypen attraktiv zu machen. Auf Inseln, die auf Massentourismus setzen, sind die Gäste wohl eher an Sonne, Sand und Meer interessiert und weniger offen für kulturelle Aktivitäten. Aufgrund der schwachen Nachfrage von Gästen wie Einheimischen bleibt das agrotouristische Potenzial beschränkt.

Adelle Thomas ist Gastforscherin an der Universität der Bahamas und Forschungsbeauftragte im Bereich Klimaanalytik. Amelia Moore ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität von Rhode Island. Michael Edwards ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bahamas.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

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