Drei Welten treffen aufeinander

Begegnungen mit Flüchtlingsleid in Griechenland
Sophia Wirsching

Urlaub in Griechenland – das heißt in diesem Jahr oft unmittelbare Konfrontation mit der Not der Flüchtlinge. Seit Jahresbeginn sind allein auf den Ägäis-Inseln mehr als 150.000 Flüchtlinge angekommen. Griechenland selbst ist seit Jahren von einer schweren Wirtschaftskrise gezeichnet. Der Tourismus ist die wichtigste Säule der griechischen Volkswirtschaft. Die Flüchtlingskrise führt zu Besorgnis in der Branche, denn würden dadurch Urlauber ausbleiben, gäbe es weniger Einkommen für die Dienstleister und auch weniger Geld in den Kommunen.

Das Elend der vielen Tausend Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und anderen Krisenregionen, die auf griechischen Inseln strandeten und weiterhin stranden, hat viele Urlauber erschreckt. Viel nachdrücklicher als sonst am heimischen Fernseher wurden Not und Verfolgung als unmittelbare Realität wahrnehmbar.

Die „Festung Europa“ als sicherer Raum

Weltweit sind derzeit mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Die meisten bleiben in ihrer Herkunftsregion. Nur ein relativ geringer Teil der Flüchtlinge sucht Sicherheit in Europa, etwa weil sie hier Verwandte haben oder in Nachbarländern keine Perspektiven für sich und ihre Familien sehen.

Um in der Europäischen Union Asyl beantragen zu können, müssen die Schutzsuchenden zunächst europäischen Boden unter den Füßen haben. Der Weg über das Mittelmeer ist zwar mit hohen Risiken verbunden, doch gibt es fast keine Alternativen. Für eine legale Einreise sind Visa erforderlich, die nur selten erteilt werden. Während überall an den EU-Außengrenzen die Wege für Flüchtlinge systematisch versperrt werden, werden im Tourismus Reisebarrieren abgebaut und die „Flucht aus dem Alltag“ erleichtert.

Menschenrecht und Menschenwürde

Alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union sind verpflichtet, das Menschenrecht auf Asyl zu gewähren und Asylbewerbern einen menschenwürdigen Lebensstandard zu ermöglichen. Doch in Griechenland sind die Flüchtlinge nach der Ankunft vor allem auf sich selbst gestellt. Es mangelt an medizinischer und hygienischer Notversorgung. Der wirtschaftlich marode griechische Staat ist nicht in der Lage, die notwendige Unterstützung bereitzustellen.

So schlafen die Flüchtlinge weiterhin nachts an den Stränden, an denen tagsüber die Touristen Erholung suchen. Cafés und Restaurants geben den Blick auf hungrige und durstige Flüchtlinge frei. An den Fähren reihen sich in der Hauptferiensaison Flüchtlinge neben Touristen ein, um das griechische Festland zu erreichen.

Begegnungen zwischen Urlaubern und Flüchtlingen

Im Internet hatten sich Online-Portale zuvor vor allem mit der Frage auseinandergesetzt, wie sicher eine Reise nach Griechenland in Zeiten der Wirtschaftskrise sein würde. Reiseveranstalter beschwichtigten, dass abgesehen von der geringeren Verfügbarkeit von Bargeld an den Automaten keinerlei Einschränkungen zu befürchten seien.

Zum Ferienstart in vielen Bundesländern berichteten aber die deutschen Medien vom unmittelbaren Aufeinandertreffen von Touristen und Flüchtlingen. Ein Großteil der Urlauber habe versucht, die Flüchtlinge so gut wie möglich „auszublenden“, um sich die Urlaubsstimmung nicht „vermiesen“ zu lassen. Auch die Behörden seien bemüht gewesen, die Elenden von den Erholungssuchenden zu trennen. Doch mit der steigenden Zahl an Flüchtlingen konnte dies immer weniger gelingen.

Begegnungen verliefen nicht immer verständnisvoll. „Die machen zwar nix, und die Mütter mit Babys tun einem auch irgendwie leid, aber sie lungern überall herum", zitiert Maria Sterkel in „Die Zeit“ eine Urlauberin. Einige Touristen fühlten sich gestört. Sie hatten sich sorgenfreie Tage gewünscht, doch die Anwesenheit der Flüchtlinge machte ihnen die Entspannung unmöglich.

Das führte auch bei Tourismusanbietern zu Besorgnis, deren Existenzgrundlage an die solventen Besucher gekoppelt ist. Viele Hotelbesitzer und Restaurantbetreiber auf Kos lehnten die Flüchtlinge als Kunden ab, berichtete der „Spiegel“. Sie fürchteten, dass diese die europäischen Touristen abschrecken könnten. Andere jedoch hätten sich auf die neue Kundschaft eingestellt. Ein junger Restaurantbetreiber preise seine Speisen nun auch auf Arabisch an.

Solidarität vor Ort

Gerade in Griechenland haben sowohl die Einheimischen als auch die Feriengäste den Flüchtlingen die Hand gereicht und beeindruckende Solidarität gezeigt. Ehrenamtliche Initiativen unterstützten die Flüchtlinge mit Nahrungsmitteln und Wasser. Zahlreiche Hotels kochten für Flüchtlinge und stellten Räume für sie zur Verfügung.

Immer mehr Urlauber informierten sich, bevor sie in die Ferien aufbrachen, wie sie den Flüchtlingen helfen könnten. Der Touristikkonzern TUI etwa unterstützte Urlauber, die sich für die Flüchtlinge engagieren wollen. Die Fluglinie TUIfly Nordic ermöglichte ihren Fluggästen, zehn Kilogramm Extragepäck mit Kleidung für Flüchtlinge mitzuführen. Vorab konnten sich die Reisenden beim Reiseveranstalter vor Ort informieren, welche Sachspenden am dringendsten benötigt werden.

Internationale Hilfswerke haben Spendenmöglichkeiten eingerichtet, mit denen sie die notleidenden Flüchtlinge, aber auch die durch die soziale und wirtschaftliche Krise in Armut geratene griechische Bevölkerung unterstützen. Einer Studie zufolge leben inzwischen vier von zehn Griechen in Armut.

So wichtig die Zeichen der Menschlichkeit und Solidarität sind, sie können die Pflicht der Europäischen Union nicht ersetzen, die Flüchtlinge fair und menschenwürdig in der gesamten Europäischen Union aufzunehmen. Griechenland braucht Unterstützung, um die Flüchtlinge angemessen zu versorgen und Asylanträge zügig und gerecht zu bearbeiten – zu allererst zum Wohl der Flüchtlinge, aber auch, damit im nächsten Sommer die Situation auf den Inseln in der östlichen Ägäis entspannter wird.

Sophia Wirsching ist Referentin für Migration und Entwicklung bei Brot für die Welt.

(5.743 Zeichen, September 2015, TW 80)

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