Begegnungen auf Reisen

Was sich Gäste und Einheimische wünschen

Christina Kamp

Die Reisebranche beschäftigt sich zu wenig damit, wie Begegnung funktionieren kann. Das meint Dietlind von Laßberg vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung. Doch einige Ansätze gibt es durchaus. Eine Fachdebatte auf der Internationalen Tourismusbörse im März in Berlin gab Aufschluss darüber. Expertinnen und Experten gingen darin der Frage nach, was Touristen und Einheimische von Begegnungen im Tourismus erwarten. Offensichtlich, aber nicht trivial, war dabei die Erkenntnis, dass das, was für die Touristen eine außergewöhnliche Erfahrung ist, für die Einheimischen Alltag darstellt. Oder umgekehrt: Was für die Einheimischen alltäglich ist, kann für Touristen in der interkulturellen Begegnung eine außergewöhnliche Erfahrung sein.

Laut Peter Strub von Studiosus Reisen haben Reiseveranstalter die Aufgabe, die entsprechenden Rahmenbedingungen für Begegnungen zwischen Reisegästen und Einheimischen zu schaffen. Dafür gäbe es auch bei Gruppenreisen Freiräume, z.B. indem Veranstalter zentral gelegene Hotels wählen, wo sich Cafés in der Nähe befänden, oder indem sie Begegnungen organisieren und die Gäste mit besonders interessanten Einheimischen zusammenbringen – "z.B. mit einem deutschsprechenden Abt in einem griechischen Kloster oder der Übersetzerin von Orhan Pamuk".

Beträchtliche Nachfrage

Wie groß das Interesse der Deutschen an interkulturellen Begegnungen auf Reisen ist, wurde in Exklusivfragen der aktuellen Reiseanalyse ermittelt. Dietlind von Laßberg präsentierte die neuen Erkenntnisse. Danach gaben 68 Prozent der Befragten an, dass sie vor einer Urlaubsreise in ein Entwicklungsland über Land und Leute informiert sein möchten. 61 Prozent sagten, auf Ausflügen seien ihnen Reiseleiterinfos über Land und Leute wichtig. 39 Prozent würden gerne mit Einheimischen ins Gespräch kommen, 37 Prozent hätten Interesse, mit Einheimischen über Land und Leute plaudern und 32 Prozent würden gerne Einheimische im Alltag abseits der touristischen Zentren erleben. Bei den Deutschen mit Entwicklungsländer-Erfahrungen liegen die Zustimmungswerte um rund zehn Prozent höher. Sie sind auch bei Touristen höher, die in All-Inclusive-Anlagen waren, und ganz deutlich höher bei Leuten mit Studienreiseerfahrungen.

Nach diesen Umfrageergebnissen hat der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung vier Typen von Reisenden ausgemacht: Typ 1 sind Erholungsurlauber, die für Begegnungen nicht ansprechbar sind. Typ 2 verhält sich "begegnungsindifferent". Typ 3 sind begegnungs- und ausflugsinteressierte Urlauber, die Begegnungen aber im organisierten Rahmen bevorzugen und Vermittlung durch Reiseleiter wünschen. Typ 4 schließlich sind auf eigene Faust reisende Individualurlauber, die "stark begegnungsinteressiert" sind. Sie sind typischerweise jung, männlich, welterfahren und haben einen höheren Bildungsstand.

Begegnung mit gesundem Menschenverstand

Der Blogger Johannes Klaus (www.reisedepeche.de) hält Begegnungen auf Reisen für einen "sehr wichtigen Grund, zu reisen". Guter Reisejournalismus könne eine Ergänzung sein, so Klaus. Er diene vor allem dazu, Menschen zu inspirieren. Die Überwindung kultureller Unterschiede hält der Blogger allerdings für sehr schwierig. In der Regel müsse man "sehr lange irgendwo bleiben". Das dürfte Individualreisenden vom "Typ 4" am ehesten gelingen. Im organisierten Bereich sei dagegen die Rolle des Reiseleiters ganz wichtig, meint Peter Strub. Aber auch "derjenige, der begegnet wird" müsse vorbereitet sein. So müsse man den Einheimischen sagen, woher man kommt, warum man kommt, etc. Die Frage "Wie sollten wir (als Touristen) uns verhalten?" beantwortete Gopinath Parayil vom indischen Reiseunternehmen The Blue Yonder ganz praktisch: "Nutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand und schauen Sie, wie die Einheimischen sich verhalten."
(3.790 Zeichen, Juni 2013)

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