Blog

Urlaub auf dem Dach der Welt

Können westliche Touristen Tibet helfen?


Tibetreisende haben sich in der Vergangenheit als äußerst effektiv erwiesen, wenn es darum ging, die Einhaltung der Menschenrechte zu überwachen und zu untersuchen. Werden jetzt, da die chinesische Staatsmacht den Tourismus in Tibet massiv forciert, die "gewöhnlichen" Touristen den Unabhängigkeitskampf der Tibeter fördern oder werden sie ihn behindern?

Wer Geld oder Zeit hat, kann nach Tibet fahren und einen interessanten Urlaub verbringen. Zigtausende tun das jedes Jahr. Sie atmen die reine Höhenluft und bekommen eine Kostprobe von einer jahrtausendealten Kultur, vielleicht "gewürzt" mit geflüsterten Klagen tibetischer Mönche und Nonnen über die chinesische Besatzung und über den Verlust ihres geistigen und politischen Führers, des Dalai Lama. Die überwältigende Mehrheit der Tibetbesucher kommt als Teilnehmer organisierter Gruppenreisen unter der Kontrolle des staatlichen Tourismusapparats. Normalerweise bekommt man auf diesen Reisen nur das zu sehen, was die chinesischen Behörden wollen. Die Verwüstungen durch die chinesische Militärinvasion (ab 1950) und die sogenannte Kulturrevolution (1966-1976) werden sorgsam verborgen gehalten und bleiben oft unbemerkt, da niemand darauf aufmerksam macht.

Gibt es also eine Chance, daß Touristen den Tibetern helfen, ihre Unabhängigkeit von den Chinesen zu erlangen oder vom Tourismus zu profitieren, wenn dieser ganz überwiegend in chinesischer Hand ist? Mit dem Zuzug chinesischer Unternehmer - oft verkaufen sie Souvenirs und billige Waren an Touristen und importieren chinesische Lebensmittel für Hotels in chinesischem Besitz - wurden die Tibeter bereits zu einer Minderheit in ihrer Hauptstadt Lhasa.

Zweifellos war die touristische Öffnung ein entscheidender Faktor beim Aufbau internationaler Unterstützung für die Rechte des tibetischen Volkes. Das beste Beispiel dafür war die Aktion von Reisenden Ende der achtziger Jahre. 1987 kamen viele Tibeter ums Leben, als die chinesische Armee das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffnete, noch viel mehr wurden ins Gefängnis geworfen. Der Unterschied zwischen 1987 und den früheren Jahrzehnten der chinesischen Okkupation lag darin, daß diesmal Zeugen aus dem Ausland dabei waren: Reisende, Touristen, Pilger oder wie immer man sie nennen will.

Ron Schwartz von der Universität Neufundland untersuchte, wie sich die Anwesenheit westlicher Ausländer während der Demonstrationen 1987 und in den Jahren danach auswirkte. Er beschrieb, wie die Reisenden heimliche Treffen organisierten und verletzte Tibeter medizinisch betreuten. Sie veranstalteten "Geburtstagsfeiern", damit die Reisenden Botschaften austauschen und Aufgaben für den nächsten Tag delegieren konnten. Während der Demonstrationen hielten die Touristen die Augen offen und sie machten Aufzeichnungen. Sie richteten sogar Systeme von Läufern ein, die belichtete Filme in Sicherheit brachten, bevor die Staatssicherheit sie beschlagnahmen konnte. Die Reisenden organisierten sich als objektive Beobachter und Rechercheure. Sie warfen sogar einzelne Personen aus ihren Gruppen, die sich durch den Verkauf von Fotos an ausländische Medien bereichern wollten oder die versucht waren, sich selbst in Protestaktionen einzuschalten. Was diese Touristen geleistet hatten, wurde erst später auf Pressekonferenzen und durch verschiedene Berichte von Menschenrechts-Organisationen offenbar.

Ihr Sammeln von Informationen hielt bis zur Verhängung des Kriegsrechts 1989 an und war entscheidend für den Beginn einer großangelegten internationalen Unterstützung für Tibet. Allerdings dürften sich die extremen Bedingungen der späten achtziger Jahre kaum wiederholen. Die Sicherheitsstrategie des chinesischen Militärs ist wesentlich komplexer geworden, und Demonstrationen werden schnell unter Kontrolle gebracht.

Es ist auch unwahrscheinlich, daß Reisende jemals wieder die Freiheit haben werden, Ereignisse auf die gleiche Weise festzuhalten. Die Frage ist jetzt, ob Massentouristen, die als Gruppenreisende kommen, in der Lage oder - noch wichtiger - gewillt ist, nach ihrer Rückkehr die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Der Tourismus-Boom in Ländern wie Indonesien oder den Philippinen und seine völlige Trennung von den Realitäten des politischen Alltags im Land läßt anderes erwarten.

Der Dalai Lama rät Einzelreisenden immer, sich vor der Reise zu informieren, nicht auf die Propaganda der chinesischen Tourismus-Industrie hereinzufallen und kritisch gegenüber den offiziellen Reiseleitern zu sein. Zwar besteht eine gewisse Hoffnung, daß Reiseveranstalter helfen, potentielle Touristen aufzuklären. Aber einer der größten britischen Reiseveranstalter glaubt, daß "das Reisen nicht durch politische Meinungen behindert werden" solle. Ein anderer Reiseveranstalter, der seinen Kunden eine Kurzinformation über die politischen Umstände gab, wurde von den chinesischen Behörden verwarnt, er solle das lassen oder er werde seine Lizenz für Tibet verlieren.

Die Tourismusbehörde in Tibet möchte die Zahl der jährlichen Besucher bis 2005 von 532.000 (im Jahr 2000, davon 404.000 Chinesen) auf 1,4 Millionen steigern! Sollte dieses Ziel auch nur annähernd erreicht werden, hätte das enorme wirtschaftliche Auswirkungen. Mit einer verbesserten Infrastruktur - beispielsweise der Eisenbahnlinie von Golmud nach Lhasa - steigen die Chancen der Behörden, ihre hochgesteckten Touristenzahlen zu erreichen.

Die Chinesen öffneten Tibet in den frühen 80er Jahren mit dem Ziel, ausländisches Kapital zu erwirtschaften. Sie mußten dabei lernen, daß Touristen in entscheidendem Maße dazu beitrugen, die Freiheit Tibets weltweit zu einem politischen Thema zu machen. Unglücklicherweise für die Tibeter wird jedoch der dramatische Anstieg des Tourismus die wirtschaftliche Macht Chinas künftig dermaßen festigen, daß die Frage der Politisierung bedeutungslos wird.

(5.893 Anschläge, 81 Zeilen, Dezember 2001)

Kleine Tourismusstatistik Tibet

1980: 300 ausländische Gruppentouristen

1985: 1.500 ausländische Gruppen- und Individualtouristen

1987: 43.000 ausländische Touristen

1989: 3.600 ausländische Touristen (Kriegsrecht im Lhasa-Tal)

1990: 11.000 ausländische Touristen (offiziell von nun an nur noch in Gruppen)

1995: 30.000 ausländische Touristen

1997: 82.000 ausländische Touristen + 268.000 chinesische Binnentouristen

1999:100.700 ausländische Touristen + rd. 320.000 Binnentouristen

2000:128.000 ausländische Touristen + 404.000 Binnentouristen

2005: 1.4 Millionen in- und ausländische Touristen (angestrebt)(tü)

Positive Aspekte für Tourismus in Tibet:

Durch Interesse für ihre Kultur werden die Menschen in Tibet darin bestärkt, daß sie nicht ,,barbarisch", veraltet und rückständig ist, wie die chinesische Propaganda glaubhaft machen will.

Der Informationsfluß von Tibet nach außen wird durch westliche Touristen wesentlich erleichtert.

In Anwesenheit von Ausländern können Polizei und Militär weniger unbehelligt Menschenrechte verletzen. Möglicherweise wären die chinesischen Sicherheitskräfte bei den Demonstrationen ohne die Anwesenheit ausländischer Augenzeugen noch brutaler gegen Tibeter vorgegangen.

Negative Seiten:

Durch die Beantragung eines Visums in der chinesischen Botschaft erkennt man die chinesische Besetzung Tibets an.

Tourismus verhilft dem chinesischen Staat zu Devisen, die für den Aufbau einer Infrastruktur zur Ansiedlung von immer mehr Chinesen dringend benötigt werden.

Wie in allen Ländern verändert Tourismus die soziokulturelle Situation.

Was Sie tun können:

  • Informieren Sie sich vor Ihrer Tibetreise umfassend über Kultur, Religion und die politische Situation in Tibet. Überprüfen Sie, ob Ihr Reiseveranstalter mit tibetischen Partnern kooperiert.
  • Lassen Sie sich von Ihrem Veranstalter garantieren, daß Sie tibetische Fremdenführer und Fahrer erhalten.
  • Lehnen Sie es ab, in großen chinesischen Touristenhotels zu wohnen, auch wenn diese den größeren Komfort bieten.
  • Bestehen Sie vor Ort darauf, in tibetisch geführten Restaurants zu essen, und kaufen Sie bei Tibetern ein. Viele Tibeter sind arbeitslos und werden auf dem Arbeitsmarkt Chinesen gegenüber stark benachteiligt.
  • Achten Sie darauf, daß Müll immer mit nach Lhasa zurückgenommen wird. Oft müssen Sie diese Forderung gegenüber Fremdenführern und Fahrern erkämpfen.
  • Respektieren Sie die religiösen Bräuche der Tibeter. Umrunden Sie heilige Orte im Uhrzeigersinn, nehmen Sie Ihre Kopfbedeckung in Klöstern und vor Statuen ab, verhalten Sie sich ruhig und zeigen Sie Achtung gegenüber der Religion.
  •  Versuchen Sie, eine realistische Vorstellung vom Preis-/Leistungsverhältnis in Tibet zu gewinnen, und richten Sie Preise und Löhne danach ein. (Ein Tibeter verdient durchschnittlich 250-500 Yuan im Monat, also 60-120 DM).
  • Vermeiden Sie, stark erhöhte Preise zu zahlen, selbst wenn diese für uns immer noch gering sind. Ein Händler, der sein Obst an Touristen zum dreifachen Preis verkauft, hat keine Lust, es Tibetern billiger zu überlassen.
  • Falls Sie ungewöhnliche Vorgänge beobachten, z.B. Militäraufmärsche, Hinrichtungen, Festnahmen und Klosterschließungen, informieren Sie bitte umgehend das Tibet Information Network in London. (Quelle: TID)

Tibet Information Network (TIN), City Cloisters, 188-196 Old Street, London ECIV 9FR, Tel.: 0044-20/7814-9011, Fax 0044-20/7814-9015, Email: tin@tibetinfo.net, Internet: www.tibetinfo.net

Weitere Informationen:

Tibet Initiative Deutschland e.V. (TID), Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin, Tel.: 030 4208

-1521, Fax -1522, Email: tibet-initiative@t-online.de, Internet: www.tibet-initiative.de

(3.016 Anschläge, 52 Zeilen, Dezember 2001)