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ITB 2026: Tourismus zwischen geopolitischen Krisen, Digitalisierung und Verantwortung


#ITB Berlin

 

Iran-Konflikt überschattet den Messeauftakt

Gleich bei Ankunft zeigten sich die Auswirkungen des eskalierten Konflikts zwischen den USA, Israel und Iran. Nicht nur zahlreiche Urlauber*innen strandeten bei Zwischenlandungen im Nahen Osten, auch viele Aussteller*innen konnten nicht anreisen. Mehrere Stände blieben während der gesamten Messe leer, und die zentral gelegene Nahosthalle war nur überschaubar besucht.

Sicherheitsaspekte dürften beim Reisen künftig wieder stärker in den Vordergrund rücken. Davon könnten eigentlich Pauschalreise-Anbieter profitieren – doch ob sich das Vertrauen der Reisenden wieder herstellen lässt oder eher eine Renaissance der Nah- und Mittelstreckenreisen einsetzt, wird sich erst noch zeigen.

Tourismus in einer Welt permanenter Krisen

Neue geopolitische Spannungen waren auch auf dem ITB-Kongress ein zentrales Thema. In seiner Keynote riet der ehemalige Außenminister Joschka Fischer der Branche, sich dauerhaft auf Krisen einzustellen und Resilienz zu entwickeln, denn „Geopolitics is not in favour of international tourism“. Seine Empfehlung: sich intensiv mit politischen Entwicklungen auseinanderzusetzen und diese in das tägliche Geschäft einzubeziehen. Bemerkenswert war Fischers Einschätzung aus seiner eigenen Erfahrung, dass Tourismus keinen Frieden schaffe, aber Frieden für eine positive Entwicklung des Sektors unverzichtbar sei.

Aus Gesprächen mit Branchenvertreter*innen wurde zwar deutlich, dass der Tourismussektor seit jeher mit Krisen und Katastrophen konfrontiert ist. Eine häufige Anpassungsreaktion ist es, den Fokus auf andere Reiseziele und Angebote zu verlagern. Doch diese Strategie droht an ein Ende zu kommen, wenn es an zu vielen Ecken der Welt gleichzeitig brennt. Ursachen sind ja nicht nur akute Kriege, sondern auch Waldbrände oder Wassermangel in Folge des Klimawandels oder allgemeine Unsicherheit, wie aktuell die Bandengewalt in Mexiko. Selbst bei etablierten Fernreisezielen wie den USA stellt sich inzwischen verstärkt die Frage, wie attraktiv oder politisch vertretbar Reisen dorthin aktuell sind. Es wird Zeit, endlich wirklich resiliente Strategien zu entwickeln. Das ist nicht das Ende des Tourismus, denn bei Tourism Watch haben wir schon viele Resilienzstrategien von Touristiker*innen gezeigt. Aber es erfordert ein ernsthafteres Umdenken, als wir es bisher in der Branche gesehen haben. 

Branche auf Wachstumskurs

Die Branche selbst blickt trotz geopolitischen Spannungen auf ein starkes Jahr zurück. 2025 wurden weltweit rund 1,5 Milliarden internationale Ankünfte gezählt – damit wurde das Vorpandemieniveau erstmals wieder übertroffen. Bis 2030 soll die 2-Milliarden-Marke erreicht werden. Die Ausgaben für Reisen stiegen gegenüber 2024 um rund 25 Prozent. Branchenvertreter*innen äußerten sich daher vorsichtig optimistisch zur Entwicklung ihres Geschäfts im Jahr 2026.

„Balancing Tourism“ – große Worte, wenig Innovation

Zum 60. Jubiläum stand die ITB unter dem Motto „Balancing Tourism“. Dabei stand nicht zur Debatte, ob der Tourismus weiter wachsen wird, sondern wie dieses Wachstum gestaltet werden kann – wer davon profitiert und ob es ausgewogen, inklusiv und resilient gelingen kann.

Für Tourism Watch gehören Fragen der Verteilung von Wertschöpfung, der Achtung von Menschenrechten, der Beteiligung lokaler Gemeinschaften sowie Klima- und Ressourcengerechtigkeit zum Kern der Arbeit. Beim diesjährigen ITB-Kongress erhielten diese Themen durch die Themensetzung zwar sichtbar Raum, doch innovative Impulse blieben weitgehend aus. Ob den Worten Taten folgen, bleibt offen.

Gleichzeitig waren mehrere Initiativen aus unserem Netzwerk präsent und setzten eigene Akzente: der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung mit der Preisverleihung des TO DO Award und TO DO Award Human Rights, Futouris mit Beiträgen zum Thema Biodiversität sowie der Roundtable Human Rights in Tourism mit einer Diskussion zum Tourism Impact Assessment South Africa 2025 auf der Blue Stage – ein schöner Projektabschluss auch für Tourism Watch, das am Assessment vor Ort beteiligt war.

Digitalisierung dominiert die Messehallen

Abseits dieser Debatten wurde die Messe jedoch weiterhin stark vom Thema Digitalisierung geprägt. Kritische Auseinandersetzungen mit den sozialen und ökologischen Folgen digitaler Transformation bleiben dabei die Ausnahme.

Umso wichtiger war es für uns, mit ECPAT Deutschland auf der Lighthouse Stagein der Halle für Responsible Tourism auf neue Risiken durch die Digitalisierung hinzuweisen. In einem Panel zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung im Tourismus diskutierten wir insbesondere neue Muster der sexuellen Ausbeutung im digitalen Raum und stellten unsere Tourism Watch-Studie „Digitale Trends im Tourismus – zwischen Algorithmus und Ausbeutung“ vor.

Nachhaltigkeit bleibt unterrepräsentiert

Insgesamt hat sich in der Branche in den vergangenen Jahren durchaus einiges in Richtung Unternehmensverantwortung bewegt. Auf der ITB bleibt das Thema jedoch strukturell unterrepräsentiert: Responsible Tourism ist weiterhin lediglich als Teilbereich im Untergeschoss der Halle 4.1 vertreten. Auch auf dem ITB-Kongress hatte Nachhaltigkeit in früheren Jahren zeitweise einen deutlich stärkeren Stellenwert.

Parallel dazu verschieben sich die politischen Prioritäten zugunsten von Wirtschaftswachstum durch Tourismusentwicklung. Die Unterstützung für Nachhaltigkeitsthemen verliert dabei an Gewicht. Zudem lenken geopolitische Krisen die Aufmerksamkeit vieler Akteur*innen stärker auf Sicherheitsaspekte.

Für Tourism Watch ist dies ein klares Signal, die eigenen Anstrengungen fortzusetzen und die Debatte über eine sozial gerechte und nachhaltige Tourismusentwicklung weiterhin aktiv mitzugestalten.