Weniger "Spaß", noch mehr Herausforderungen

Tourismus auf den Philippinen nach dem verheerenden Taifun Haiyan
Jack Catarata

Der Tourismus ist auf den Philippinen ein boomender Wirtschaftszweig. Dieser Trend hält nun bereits seit einigen Jahren an und macht die südostasiatische Republik zu einem der aufsteigenden Sterne am globalen Tourismushimmel. 2012 stieg die Anzahl der Besucher von 3,9 Millionen (2011) auf 4,3 Millionen. Der Tourismus trug damit rund 5,9 Prozent zur Volkswirtschaft bei. Mit dem Werbeslogan "It's more fun in the Philippines" hat sich die Regierung inManila das ambitionierte Ziel gesetzt, die Touristenankünfte in den nächsten drei Jahren auf zehn Millionen zu erhöhen. Doch dann kam der verheerende Taifun Haiyan.

Am 8. November vergangenen Jahres verwüstete der tropische Sturm den zentralen Teil der philippinischen Inselwelt. Er gilt als der stärkste bislang erfasste Sturm in der Geschichte, der je ein Land getroffen hat, und zerstörte ein Gebiet der Größe Portugals. Mehr als eine Million Häuser und Hütten wurden zerstört, etwa 6.000 Menschen kamen ums Leben und Hunderte werden noch immer vermisst.

Mit all seinen schönen Stränden, bezaubernden Orten und freundlichen Menschen liegt das Land leider auf dem "pazifischen Feuerring", wo Naturkatastrophen wie Taifune, Erdbeben und Tsunamis häufig auftreten. Nur einen Monat vor dem Taifun Haiyan wurde die Insel Bohol – ein beliebtes Reiseziel – von einem starken Erdbeben getroffen. Das Erdbeben fügte den historisch wertvollen Kirchen der Insel schweren Schaden zu und schädigte auch natürliche Sehenswürdigkeiten wie die Chocolate Hills – eine wichtige Touristenattraktion. Und nur wenige Wochen nach dem Taifun Haiyan kam es durch ein tropisches Tiefdruckgebiet zu Überschwemmungen in Davao City und nahegelegenen Provinzen – einer ebenfalls wichtigen Tourismusregion.

Anfälligkeit der Tourismuswirtschaft

Klimaexperten sagen voraus, dass das Land durch die Erderwärmung wahrscheinlich noch schlimmere Katastrophen erleben wird. Wenn sich der pazifische Ozean erwärmt, drohen weitere Sturmfluten und Überschwemmungen – ähnlich wie Haiyan. Dies bedeutet für die Branche zusätzliche Instabilität und Verwundbarkeit.

Abgesehen von den Fernsehbildern zerstörter Häuser undMenschen, die durch Haiyan ihr Leben verloren haben, zeigten die Medien auch gestrandete Touristen, die entweder angespannt darauf warteten, nach Hause zu fliegen, oder die sich nützlich machten, indem sie den Einheimischen bei den Nothilfe- und Unterstützungsbemühungen halfen.

Verständlicherweise führten weltweit ausgestrahlte Bilder wie diese direkt nach dem Taifun zu umgehenden Stornierungen von Urlaubsreisen. Touristen wollen nicht dort Ferien machen, wo ihre Gastgeber in Not leben und wo die Infrastruktur entweder überhaupt nicht funktionstüchtig ist oder gerade in Stand gesetzt wird. Doch selbst in Gegenden wie Boracay, Bohol, Cebu und Palawan, die von Haiyan gar nicht betroffen waren, bekommen Hotelanlagen und Reiseveranstalter den Rückgang der Touristenzahlen zu spüren. Es heißt die Stornierungsquoten betragen bis zu 30 bis 40 Prozent.

Natürlich braucht das Land die Einnahmen aus dem Tourismus jetzt mehr denn je. Die Regierung schätzt, dass der Wiederaufbau bis zu 2,1 Milliarden Euro kosten wird,ein Betrag, den die hoch verschuldeten Philippinen nicht haben. Nach dem Taifun Haiyan hat das Tourismusministerium des Landes einen Appell an ausländische Touristen gerichtet, das Land weiterhin zu besuchen, in der Hoffnung, dass ihr Besuch die Wiederaufbaubemühungen beschleunigt.

Doch drei Monate nach Haiyan haben viele der betroffenen Gebiete noch immer keine Stromversorgung, die Menschen leben immer noch in Zelten und viele Hotelanlagen auf kleinen Inseln, die stark vom Tourismus abhängig sind, müssen mit dem Wiederaufbau der Hotels und Bungalows erst noch beginnen.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, wie sich der Tourismus im Land weiter vermarkten lässt – nachdem ein Erdbeben der Stärke 7,2 und ein Taifun der Kategorie 5 hintereinander innerhalb von nur einem Monat zugeschlagen hatten. Die Mitarbeiter des philippinischen Fremdenverkehrsamtes haben verstanden, dass es anachronistisch, wenn nicht gar unsensibel wäre, das Land nach diesen beiden großen Naturkatastrophen als "Spaß-Destination" zu vermarkten.

Den Tourismus fit für die Zukunft machen

Doch abgesehen von der Änderung des Werbeslogans müssen die Philippinen grundsätzlich beantworten, welchen Weg ihre Tourismuswirtschaft in Zukunft einschlagen sollte, was für einen Tourismus sie wirklich brauchen und welcher ihr Zielmarkt ist.

Statt wie alle anderen Länder in der Region auf Massentourismus zu setzen, sind die Philippinen besser aufgestellt, wenn sie sich auf alternativen, klein angelegten, aber qualitativ hochwertigen Tourismus konzentrieren. Abgesehen von ausländischen Alternativtouristen gibt es etwa zehn Millionen Filipinos in der Diaspora, die nicht nur regelmäßig Geld schicken, das die Wirtschaft des Landes am Laufen hält, sondern die auch regelmäßig nach Hause fliegen, um ihre Familien zu besuchen. Wenn die philippinische Tourismusbranche den Migrantinnen und Migranten Pauschalreisen anbieten könnte, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind, ließen sie sich sicher eher dazu verleiten, einen Teil ihrer Ferien auch anderswo im Land als nur bei ihren Familien und Freunden zuhause zu verbringen.

Die Filipinos in der Diaspora sind potenziell nicht nur eine riesige touristische Zielgruppe, sie sind auch potenzielle Investoren beim Wiederaufbau, beim Aufbau der Tourismuswirtschaft des Landes und bei den Bemühungen, den Tourismus in den Philippinen widerstandsfähiger gegen Katastrophen zu machen. Anders als ausländische Touristen, die vielleicht nur "zum Spaß" auf die Philippinen reisen, werden im Ausland lebende und arbeitende Filipinos nicht nur zum Vergnügen zu Stammkunden der Tourismusbranche, sondern auch als Geste der Solidarität mit ihrem Herkunftsland. Sie gelten schließlich nicht umsonst als die "modernen Helden" ihres Landes.

Jack Catarata studierte Politikwissenschaften und Sozialforschung auf den Philippinen. Er ist Vorsitzender des philippinischen Diaspora-Netzwerks PhilNetz e.V. mit Sitz in Bonn. Mit Unterstützung des Centrums für Internationale Migration und Entwicklung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ-CIM) fördert das PhilNetz Investitionen philippinischer Migrantinnen und Migranten in Deutschland in so genannte "grüne" Entwicklungsprojekte in den Philippinen, unter anderem in der Tourismuswirtschaft.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

(5.896 Zeichen, März 2014)

 

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