Wenig Klimatransparenz in der deutschen Tourismuswirtschaft

Ungenutzte Potenziale bei Reiseveranstaltern, Fluggesellschaften und Buchungsportalen
Teresa Bauriedel

Die Deutschen unternahmen im Jahr 2012 über 69 Millionen Reisen. Dafür wurde zu 37 Prozent das Flugzeug als Transportmittel gewählt. Der Tourismus ist ein Mitverursacher des Klimawandels, da durch Transport, Beherbergung und Aktivitäten vor Ort in erheblichem Maße Kohlendioxid (CO2) und andere klimawirksame Gase emittiert werden. Der größte Anteil der tourismusbedingten Emissionen entsteht durch den Flugverkehr.

Reiseveranstalter haben die Möglichkeit, einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, indem sie die Verkehrsmittelwahl ihrer Reisen kritisch hinterfragen und wo immer möglich klimaschädliche durch weniger klimaschädliche Reisemöglichkeiten ersetzen. Auf der Kurzstrecke könnten Flugreisen gänzlich vermieden werden und auf der Mittelstrecke könnte die Anreise so gestaltet werden, dass durch touristische Zwischenstopps die Anreise mit Bahn oder Bus attraktiver wird. Das Potenzial ist immens, da 93 Prozent aller Flugreisen der Deutschen im Kurz- und Mittelstreckensegment stattfinden. Wenn das Flugzeug als Verkehrsmittel unvermeidbar ist, sollten Reisende oder Veranstalter die klimaschädigenden Wirkungen durch Einsparung von CO2 im Rahmen von anerkannten, freiwilligen Kompensationsprogrammen ausgleichen.

Sowohl Reiseveranstaltern, Fluggesellschaften und auch vielen Reisenden ist der Zusammenhang zwischen Reisetätigkeit und Klimawandel bewusst – doch es wird zu wenig gehandelt. Die wenigsten Reisenden werden bei Buchungen oder Reisewahl über die Klimaproblematik informiert oder damit konfrontiert, obwohl gerade im Moment der Buchung eine große Chance besteht, Kunden dafür zu sensibilisieren. Nach Angaben des Kompensationsanbieters "Atmosfair" wird von deutschen Reisenden nicht einmal ein Prozent ausgeglichen. Diese Zahl ist erschreckend gering. Sie könnte erheblich gesteigert werden, wenn Veranstalter und Fluggesellschaften in ihren Buchungsportalen auf die Möglichkeit der Klimakompensation hinweisen würden.

Klimatransparenz der deutschen Reiseveranstalter

Für die hier vorgesellte Recherche, die von der Autorin im Rahmen eines Praktikums bei Brot für die Welt durchgeführt wurde, wurden 20 deutsche Reiseveranstalter, fünf Fluggesellschaften und 20 Online-Buchungsportale betrachtet. Es wurde untersucht, ob und in welcher Form und Güte sie auf die Klimawirkung des Reisens und mögliche Kompensationsangebote aufmerksam machen. Auch die Aufenthaltsdauer der angebotenen Reisen wurde betrachtet, da angenommen werden kann, dass die Reisehäufigkeit sinkt, wenn längere Reisen unternommen werden. Verringert sich die Anzahl der Reisen, kommt das dem Klima zugute, da weniger An- und Abreisen getätigt werden. Die Recherche wurde so durchgeführt, dass das Buchungsverhalten in Realsituation nachgestellt wurde. Das heißt es wurden nur Informationen hinzugezogen, die für den Kunden vor Buchungsabschluss zugänglich waren.

Das Gesamtergebnis fällt sehr ernüchternd aus: Nur siebzehn von insgesamt 45 untersuchten Unternehmen der Reise- und Flugwirtschaft geben Kunden die Möglichkeit, ihre Reisen zu kompensieren, wobei Handhabung und Qualität sehr unterschiedlich ausfallen. Oft sind die Kompensationsangebote schwer aufzufinden und entsprechen nicht dem seriösen Standard, wie er von Atmosfair oder der Klimakollekte angelegt wird. Bei Online-Buchungsportalen für Flüge und Reisen sind keinerlei Angebote zur Kompensation für den Kunden auffindbar. Dabei besteht gerade bei Online-Buchungen ein großes Potenzial, den Ausgleich von Emissionen für Kunden leicht handhabbar zu gestalten.

Um die Angebote der Veranstalter in ihrer Qualität und Zugänglichkeit vergleichbar zu machen, wurde ein Gütestandard als Maßgabe angenommen. Als optimal gilt ein Angebot demnach, wenn es mit dem Atmosfair-Standard qualitativ vergleichbar ist und in Bezug auf die Zugänglichkeit bereits vor Buchungsabschluss berechnet und dem Kunden angeboten wird.

Diese Höchstwertung erreichen leider nur vier der untersuchten 20 Veranstalter (cG Touristik, Nomad, Studiosus und Wikinger Reisen). Im Mittelfeld tummeln sich weitere zehn Veranstalter, u.a. der Discountanbieter Tchibo und der deutsche Marktführer TUI. Beide heben sich nach oben deutlich von ihren Mitkonkurrenten ab, die größtenteils erhebliche Defizite in Qualität und Zugänglichkeit der Kompensationsangebote aufweisen. Bei sechs der 20 untersuchten Veranstalter fehlen solche Angebote vollständig. Insgesamt ist das Angebot bei Mitgliedern des Forums anders reisen am besten, dicht gefolgt von den untersuchten Studienreiseveranstaltern. Die großen Pauschalreiseanbieter und Discounter schneiden wesentlich schlechter ab.

Bei den Fluggesellschaften ist TUIfly ein positiver Ausreißer; Germanwings und Condor bieten keine für den Kunden ersichtlichen Klimainformationen und Kompensationsmöglichkeiten an. Besonders gravierend ist das vollständige Fehlen von Klimainformationen und Kompensationsangeboten bei Online-Reise- und Flugbuchungsportalen.

Die Erkenntnisse aus der Studie bezogen auf die Aufenthaltsdauer und das Angebot und die Qualität der Kompensation zeigen, dass es noch viele Verbesserungsmöglichkeiten gibt.

Forderungen an Politik und Unternehmen

Reiseveranstalter können sowohl bei der Produktgestaltung und durch die Verkehrsmittelwahl einen erheblichen Einfluss auf das Verhalten der Kunden nehmen und so die Klimabilanz ihrer Reisen verbessern. Gibt es keine Alternative zum Fliegen, zählt Kompensation als letzte Option. Diese Möglichkeit muss dem Kunden allerdings gut sichtbar und aufbereitet präsentiert werden und qualitativ hochwertig sein. Die Studie zeigt, dass nur eine kleine Minderheit der Veranstalter diese Möglichkeiten ausreichend nutzt. Klimaschutz sollte im Interesse aller Akteure sein, da der Tourismus selbst in ganz besonderem Maße von intakten Ökosystemen, gesunder Natur und stabilem Klima abhängig ist.

Auch die Politik ist gefordert: Klimaschädliche Subventionen für den Flugverkehr müssen abgebaut werden, um eine ökologische Steuerungswirkung bei der Verkehrsträgerwahl, hin zu weniger klimaschädlicher Mobilität im Tourismus, zu entfalten. Gerade im Kurz- und Mittelstreckenbereich gilt es, die Wettbewerbsfähigkeit von Verkehrsmitteln zu stärken, die ökologisch weniger schädlich sind. Die Politik sollte auch darauf hinwirken, dass die Klimawirkungen der Verkehrsträger verbindlich ausgewiesen werden müssen, um die Sensibilität der Kunden zu erhöhen.

Nicht zuletzt sind es auch die Reisenden, die aktiv zum Klimaschutz beitragen können. Nicht notwendige Flüge sollten vermieden und unvermeidbare Flüge kompensiert werden. Insgesamt weniger zu fliegen und länger zu bleiben verringert nicht nur den persönlichen Klimafußabdruck, sondern erhöht auch die Vorfreude und Reiseintensität.

Teresa Bauriedel ist Geografiestudentin an der Philipps Universität Marburg und absolvierte 2013 ein Praktikum bei Brot für die Welt/Tourism Watch, bei dem die Recherche "Klimatransparenz in der deutschen Tourismusindustrie" entstand.

Link zur Studie: http://tourism-watch.de/files/klimatransparenz_studie.pdf

(6.700 Zeichen, März 2014)

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