Vietnam: Kinderschutz und Nachhaltigkeit verankern

Kinder bei der nachhaltigen Erholung des Tourismus besser schützen

Von Mimi Vu
Vietnamesische Kinder beim Lernen
© Christof Krackhardt_Brot fuer die Welt

Die Corona-Pandemie hat Kinder in Vietnam noch anfälliger für sexuelle Ausbeutung gemacht. Sie verbringen mehr Zeit online und riskieren, dort sexuellem Missbrauch oder Grooming zum Opfer zu fallen. Viele haben die Schule abgebrochen und suchen Arbeit im Tourismus. Dort sind sie jedoch nicht geschützt und können leicht Opfer sexueller Ausbeutung werden. Nachdem sich das Land nun wieder für Touristen öffnet, haben Tourismusunternehmen begonnen, den Schutz von Kindern auf ihre Nachhaltigkeitsagenda zu setzen.

Vietnam ist eines der sich am schnellsten entwickelnden Länder der Welt. Es hat zugleich eine der höchsten Impfquoten. So hat das Land es im Juni 2022 auf Platz zwei des Nikkei COVID-19 Recovery Index gebracht, der die wirtschaftlichen Erholungsaussichten eines Landes aufgrund des Managements der Corona-Pandemie. Infektionen, Todeszahlen und Impfquoten werden dabei bewertet. Dank seiner Bemühungen konnte Vietnam im Mai 2022 seine Grenzen für Gäste wieder vollständig öffnen, ohne Corona-Impfungen oder Tests zu verlangen und Quarantäneanforderungen vorzuschreiben.

Ein positiver Aspekte der Aussetzung von Reisen aufgrund von COVID-19 in den Jahren 2020-21 bestand darin, dass der vietnamesische Tourismussektor die Chance bekam, Abläufe und Praktiken neu auszurichten. Vor der Pandemie hatte sich der Tourismus in eine nicht nachhaltige Richtung bewegt. Zum Neustart beschäftigt sich die Branche mit der Frage, wie sich ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichem Aufschwung und Nachhaltigkeitszielen herstellen lässt. Eines dieser Ziele ist der Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung durch Reisende.

Gestiegene Vulnerabilität von Kindern durch den Lockdown

Schon vor der Pandemie war die Datenlage zur sexuellen Ausbeutung von Kindern in Vietnam schlecht. Das Ministerium für öffentliche Sicherheit (MPS) erfasste in den Jahren 2017 und 2018 nur 2.643 Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder – sehr viel weniger als realistisch wäre. Die Pandemie hat die Probleme verschärft, da viele Menschen aufgrund des langen Lockdowns zu Hause blieben. Dadurch nahm das Risiko von Gewalt und sexuellem Missbrauch in den Familien zu. Zudem hatten die Kinder in dieser Zeit keinen regelmäßigen Kontakt zu Personen, die normalerweise einen Missbrauchsverdacht erkennen und melden würden, wie z.B. Lehrkräften.

Sexuellen Online-Missbrauch hatte es schon vor der Pandemie immer häufiger gegeben. Zum Kontaktaufbau, dem sogenannten Grooming, nutzen Täter und Täterinnen oft Chats in Online-Spielen, Apps und Social Media. Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF stellte fest, dass die Risiken zunahmen, als die Kinder aufgrund von COVID-19-Beschränkungen zum Online-Lernen übergehen mussten. Mehr als 60 Prozent der vietnamesischen Kinder haben Zugang zu einem internetfähigen Gerät. Im Jahr 2020 wurden in Vietnam mehr als 700.000 Fälle von Bildern und Videos mit sexuellem Missbrauch von Kindern gemeldet, die im Internet kursierten.

Bei einer Umfrage gaben etwa drei Prozent der ländlichen Haushalte in Vietnam an, dass sie ihre Kinder während der Pandemie aufgrund von Einkommenseinbußen dauerhaft aus der Schule genommen haben. Diese Kinder werden sich wahrscheinlich informelle Arbeit suchen, unter anderem im Tourismus. Doch solche Jobs bergen ein erhöhtes Risiko, dass Kinder zum Zweck der sexuellen Ausbeutung angesprochen werden, z.B. wenn sie in Restaurants bedienen oder auf der Straße, auf Märkten oder in Souvenirläden in Touristenorten Dinge verkaufen.

Chancen für den Kinderschutz

Neben den Risiken gibt es auch Chancen für die vietnamesische Regierung, die Tourismusbranche und die Zivilgesellschaft. Im Bemühen um eine nachhaltige Erholung des Tourismus können sie durch proaktive Maßnahmen zum Kinderschutz eine Vorreiterrolle übernehmen. Im Juni 2021 lancierte die vietnamesische Regierung das erste nationale Programm zum Schutz von Kindern im Internet. Es soll die Online-Privatsphäre von Kindern schützen und Online-Kindesmissbrauch aufdecken und verhindern. Dabei werden auch künstliche Intelligenz und Big Data eingesetzt, um gefährliche Inhalte frühzeitig zu erkennen und herauszufiltern. Vietnamesische Online-Dienste und App-Anbieter werden dazu verpflichtet, Systeme zum Schutz von Kindern einzurichten und Eltern bei der Nutzung zu unterstützen. Auch müssen alle Schulen ihre Schülerinnen und Schüler in Sachen Online-Sicherheit und Schutz der Privatsphäre unterrichten.

Maßnahmen der Tourismuswirtschaft

Von diesen Verbesserungen der Onlinesicherheit von Kindern profitiert auch der Tourismussektor. Gleichzeitig ergreift er eigene Maßnahmen - insbesondere in Hotels. Der erste Schritt im Privatsektor bestand in einem Programm zur Sensibilisierung von Hotelangestellten für die sexuelle Ausbeutung von Kindern im Tourismus. Dieses wurde in den Fünfjahres-Masterplan für nachhaltigen Tourismus des Vietnam Business Forums (VBF) aufgenommen. Der Masterplan gibt der Tourismuswirtschaft eine Strategie an die Hand, um auf nachhaltige Weise zu wachsen und gleichzeitig gefährdete Kinder zu schützen.

Außerdem ist es wichtig, die vietnamesisch-sprachigen Tourismusakteure für das Problem zu sensibilisieren. Zu diesem Zweck haben wir bei Raise Partners in Zusammenarbeit mit Sustainations Vietnam, einem lokalen Verband für nachhaltiges Reisen, und mit Unterstützung von ECPAT International Workshops veranstaltet. Die Workshops waren Teil des Projekts “Developing travel & tourism with child protection in focus for a sustainable post COVID-19 pandemic recovery”, das von der GIZ im Auftrag des BMZ unterstützt wurde. Darin ging es um die Notwendigkeit von Kinderschutzmaßnahmen im Rahmen der Erholung des Tourismus in Vietnam. Die Sessions beinhalteten auch praktische Maßnahmen, die jedes Unternehmen ergreifen kann. Sie können z.B. The Code beitreten, einer Multi-Stakeholder-Initiative, die Sensibilisierungs-, Risikobewertungs- und Schulungsinstrumente für die Tourismusbranche anbietet. The Code dient der Verbesserung der Nachhaltigkeitspraktiken in der Tourismusbranche. Aber er kann auch als Entwurf für Standards dienen, die schließlich von staatlicher Seite festgelegt werden könnten.

Um die Ausbeutung von Kindern in der Reise- und Tourismusbranche zu verhindern, braucht es die Zusammenarbeit zahlreicher Akteursgruppen. Dazu gehören die vietnamesische Regierung, ausländische Regierungen, Grenzkontrolleurinnen und -kontrolleure, Gemeindevorstehende, Familien, Schulen/Lehrkräfte, gefährdete Kinder, Nichtregierungsorganisationen und die Privatwirtschaft. Gerade im Tourismus gehört der Schutz von Kindern als integraler Bestandteil zu den nachhaltigen Geschäftspraktiken, die das Wirtschaftswachstum und den guten Ruf Vietnams und anderer Schwellenländer fördern werden.

Mimi Vu ist Partnerin bei Raise Partners, einem Beratungsunternehmen, das gemeinnützige Organisationen, Unternehmen und Regierungen dabei unterstützt, partnerschaftlich zusammenzuarbeiten, um soziale und ökologische Wirkung zu erzielen. Sie lebt seit 2006 in Vietnam und ist Expertin zu vietnamesischem Menschenhandel und moderner Sklaverei.

Aus dem Englischen übersetzt von Christina Kamp.

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