Verletzungen von Menschenrechten und kulturellem Erbe

Die zentrale Rolle des Tourismus im israelisch-palästinensischen Konflikt

Rami Kassis

In Palästina ist jeder Lebensbereich von israelischer Intervention, Einmischung und Ausbeutung durchdrungen. Die Palästinenser werden ihrer Menschenrechte und politischen Rechte, ihrer Freiheit und der Souveränität über ihr Land und ihre Ressourcen beraubt. Durch die systematische Kontrolle von touristischen Sehenswürdigkeiten und Angeboten hindert Israel die Palästinenser daran, vom Tourismus und seinen Potenzialen zu profitieren. Das ist eine eindeutige Aneignung des Zugangs zum den Palästinensern zustehenden Bruttonationaleinkommen, es verschärft die Armut und behindert die Entwicklungschancen der Menschen.

Israel nutzt den Tourismus als politisches Instrument, um die Oberhand und Dominanz des israelischen Establishments über das Land und die Menschen durchzusetzen, sowie als Methode, um die Palästinenser daran zu hindern, von den Vorteilen kultureller und menschlicher Interaktion zu profitieren, durch die der Tourismus floriert.

Politische Dimensionen

Israel besetzt weiterhin palästinensische Gebiete und verletzt dadurch internationales Recht. Die Art und Weise der Besatzung verletzt humanitäres Völkerrecht. Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen hat Israel in mehr Resolutionen verurteilt als alle anderen Staaten zusammen. Israel hat jedoch die UN-Resolutionen missachtet und Palästina durch seine eklatanten Menschenrechtsverletzungen von der Weltkarte praktisch ausgelöscht.

Israels Aneignung von Land, archäologischen Stätten und touristischen Monumenten sowie die dortigen Investitionen beeinträchtigen die politischen Freiheits- und Souveränitätsrechte der Palästinenser. Sie werden an der Wahrnehmung ihrer Rechte auf Land und Ressourcen gehindert – einschließlich archäologischer, historischer und natürlicher Touristenattraktionen.

Die palästinensische Tourismusbranche hat mit vielen entwicklungshemmenden Hindernissen zu kämpfen. Seit der israelischen Besatzung von 1967 hat sich die israelische Tourismuswirtschaft in Palästina gut entwickelt, und dies in erster Linie durch die Erschließung palästinensischer Sehenswürdigkeiten. Die palästinensische Tourismusbranche ist dagegen unfairem Wettbewerb und Unterdrückung durch die militärische Besatzung ausgesetzt. Die Trennmauer, die Siedlungen, die Checkpoints und Umgehungsstraßen spiegeln diese Realität wider. Durch die israelische Kolonialisierungspolitik wurde die palästinensische Tourismusbranche nicht nur marginalisiert, auch die heiligen historischen Städte Bethlehem und Jerusalem wurden fast vollständig voneinander getrennt.

Wirtschaftliche Implikationen

Zwar besuchen weiterhin Millionen Touristen Bethlehem, doch die meisten von ihnen halten sich dort nur einen halben Tag auf und es bleibt wenig Zeit, die sie unter Einheimischen in Bethlehem verbringen könnten. Das hängt eng damit zusammen, dass die israelischen Reiseveranstalter, die das Tourismusgeschäft kontrollieren, ihre Touren so zurechtschneiden können, dass Israel davon profitiert. Hotels in West-Jerusalem oder in den illegalen Siedlungen rund um Bethlehem werden begünstigt.

Seit dem Jahr 2000 dürfen palästinensische Reiseleiter oder Transportunternehmen nicht mehr nach Israel. Von den über 240 Reiseleitern, die eine Lizenz für ganz Palästina und Israel haben, verfügen nur 42 über eine Arbeitserlaubnis für Israel. Die Arbeitserlaubnis wird in gewissen Abständen verlängert, jedoch ohne Sicherheit. Für die Palästinenser gelten unterschiedliche Reisebeschränkungen, je nach dem, wo sie leben – ob in Jerusalem, im Westjordanland, Gaza, Israel oder in der Diaspora. Die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sind ein großes Hindernis für den Aufbau einer einheimischen Tourismuswirtschaft.

Verletzung des palästinensischen Erbes

Die palästinensische Kultur, Zivilisation und Geschichte macht eine zentrale Dimension der nationalen Identität aus. Obwohl Palästina so klein ist, gibt es dort eine große Zahl an historischen, religiösen und kulturellen Stätten. Die systematische Zerstörung, Aneignungund Konfiszierung palästinensischer Sehenswürdigkeiten und Monumente sowie die Änderung ihrer Namen hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die palästinensische Identität und kulturellen Rechte. Hinzu kommt die israelische Politik in Bezug auf die Umwelt in Palästina: durch die Veränderung der Landschaft, den Bau der Trennmauer, die Ableitung von Abwasser aus den Siedlungen, das Entwurzeln und Niederbrennen von Olivenbäumen mit all ihrem wirtschaftlichen, symbolischen und kulturellen Wert.

Bethlehem als Welterbe-Destination

Der kollektive Wert der Stadt Bethlehem für die Zivilisation ist unbestreitbar. Im Jahr 2002, in Folge der israelischen Invasion in Nablus, Bethlehem und Hebron und der vorsätzlichen Zerstörung kultureller Stätten, hat das Welterbekomittee der UNESCO eine Resolution verabschiedet, um den Schutz des außergewöhnlichen, universellen Wertes des palästinensischen Kultur- und Naturerbes zu unterstützen. Fast zehn Jahre später, im November 2011, trat Palästina als Vollmitglied der UNESCO bei. Im Juli 2012 setzte das Welterbekomittee den Geburtsort Jesu, die Geburtskirche und den Pilgerweg in Bethlehem auf die Liste des gefährdeten Welterbes.

Herausforderungen

Der Tourismus ist für Palästina mehr als einfach nur ein Wirtschaftszweig. Er schafft Raum für Kontakte zwischen den Palästinensern und internationalen Besuchern. Er gibt den Palästinensern die Möglichkeit, ihre Identität zu bekräftigen, ihre Kultur zu schützen und vor allem Fürsprecher zu gewinnen, die sich für ihre Menschenrechte und ihre Würde einsetzen werden.

Nach der ersten palästinensischen Intifada hat die Alternative Tourism Group (ATG) das positive Potenzial für eine Infrastruktur erkannt, um in Palästina ausländische Besucher zu empfangen, die daran interessiert sind, die Realität vor Ort zu verstehen. Daraufhin hat die ATG ein sehr erfolgreiches Modell entwickelt, um Reisende als "Gerechtigkeitstouristen" zu mobilisieren, die eine Botschaft mitnehmen und Formen von Solidarität entwickeln, mit denen sie sich für einen gerechten Frieden in Palästina einsetzen. Laut ATG muss der Tourismus ein Instrument sein, um die von Israel konstruierten Vorurteile über Palästina in Frage zu stellen. Das negative internationale Image Palästinas kann so korrigiert und die seelische Kraft und Würde der Einheimischen gestärkt werden.

Rami Kassis ist Direktor der Alternative Tourism Group (ATG), einer palästinensischen Nichtregierungsorganisation, die auf Touren und Pilgerreisen spezialisiert ist, auf denen die Geschichte, Kultur und Politik im Heiligen Land auch kritisch untersucht wird. Die ATG ist Preisträger des TO DO! 2006 für sozialverantwortlichen Tourismus.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

(6.290 Zeichen, 85 Zeilen, September 2013)

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