Tut die Tourismusbranche genug für den Klimaschutz?

Debatte auf dem World Travel Market (WTM) in London

Christina Kamp

Nein, die Tourismuswirtschaft tut nicht genug für den Klimaschutz, so die einhellige Meinung des Fachpublikums zu Beginn einer Debatte Wirtschaft contra Wissenschaft auf dem World Travel Market im November in London. Die Argumente der Wirtschaftsvertreter überzeugten auch nicht vom Gegenteil. Die Wissenschaftler mit ihrer Einschätzung, die Wirtschaft übernehme nicht genug Verantwortung, gewannen zwar die Debatte – doch wirkliche Lösungen, wie die Branche sich erfolgreich den Herausforderungen im Klimaschutz stellen soll, hatten sie auch nicht. Der zentrale Vorschlag blieb: weniger fliegen!

Paul Peeters, Professor an der Fachhochschule NHTV in Breda, Niederlande, zeigte auf, wie wesentlich der Tourismus schon heute das Klima beeinflusst. Im Jahr 2005 hatte der Tourismus einen Anteil von fünf Prozent an den CO2-Emissionen und trug zwischen 5,2 und 12,5 Prozent zur Erderwärmung bei. Doch das Hauptproblem liege in der zukünftigen Entwicklung und Dynamik, insbesondere im Flugverkehr.

Technologien und Agrotreibstoffe sind nicht die Lösung

Technologische Fortschritte im Flugzeugbau werden das Problem nicht lösen, so Peeters. Die Luftfahrtindustrie habe bereits viel geleistet, um CO2-Emissionen einzusparen. Doch die jetzt noch reduzierbare CO2-Menge sei seit den ersten Jets immer weiter zurückgegangen und man stoße an physikalische Grenzen. Das gibt auch Jonathon Counsell, Umweltdirektor bei British Airways, zu – doch immerhin würden die Fortschritte nicht gegen Null gehen. Es gebe weiterhin viel Verbesserungspotenzial, vor allem hinsichtlich der eingesetzten Materialien.

Agrotreibstoffe werden das Problem auch nicht lösen, meint Peeters. Zwar gebe es einige Potenziale, doch die hohen Erwartungen hätten sich nicht erfüllt, und hinzu kämen sozio-ökonomische Kosten. Algen seien noch mindestens 15 Jahre von der Massenproduktion entfernt. Die Chancen, dass die Branche bis 2050 ihre Emissionen um 80 Prozent (gegenüber 1990) verringern kann, stünden extrem schlecht. Derzeit sieht Peeters nur eine Lösung: Fliegen müsse auf das Notwendigste reduziert werden.

Kohlenstoffneutrales Wachstum durch Emissionshandel?

Matt Gorman, Vorstand von "Sustainable Aviation" (einer Allianz britischer Fluggesellschaften, Flughäfen, etc.), erkennt an, dass der Luftfahrtsektor wie jeder andere Verantwortung für seine Umweltauswirkungen übernehmen müsse. "Sustainable Aviation" hat sich die Zielvorgabe gesetzt, durch einen globalen Sektoransatz die Netto-CO2-Emissionen bis 2050 um 50 Prozent gegenüber 2005 zu reduzieren.

Darin sind allerdings die über die CO2-Emissionen hinausgehenden zusätzlichen Klimawirkungen des Flugverkehrs nicht berücksichtigt. Die Wissenschaft solle erst den Nachweis erbringen, dass diese Wirkungen existierten, fordert Jonathon Counsell, Umweltdirektor bei British Airways. Er räumt ein, dass der Flugverkehr kohlenstoffintensiv sei, doch würde auf ein "kohlenstoffneutrales Wachstum" hingearbeitet.

Um das zu schaffen, setzt die Branche auf den Emissionshandel. "Wir unterstützen ein globales System", so Counsell. Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) habe in den letzten zwei Jahren mehr Fortschritte gemacht als in den letzten 20 Jahren. Durch globale Kohlenstoffpreise würden Anreize geschaffen, das Ziel zu erreichen. Dahinter steht die Überlegung, dass unter sonst gleichen Bedingungen das Fliegen teurer würde. Die Variable ist der "Preis" für Kohlendioxidemissionen. Dadurch würden die Preise in die Höhe getrieben und die Nachfrage verringere sich.

Die Kluft zwischen Einstellung und Verhalten

Auch die Wissenschaftler haben keine andere Lösung, als auf die Preise zu setzen. "Wenn die Preise steigen, werden sich einige Menschen das fliegen nicht mehr leisten können", so Peeters. Doch derartige Beschränkungen gebe es ja bereits heute. Nach Einschätzung von Matt Gorman würden die Menschen unter Umständen auch enorme Preise zahlen, da sie die Möglichkeit, international zu reisen, sehr hoch bewerten. Scott Cohen von der Universität Surrey hat zudem festgestellt, dass diejenigen, die sich am meisten Sorgen um den Klimawandel machen, auch diejenigen sind, die am meisten reisen. Aus einer bestimmten Einstellung ergäben sich noch keine Verhaltensänderungen.

Janet Dickinson von der Universität Bournemouth verortet das Problem im Langstreckenverkehr. Viele Destinationen könnten sich auf andere Quellmärkte einstellen und sich damit weniger vom Flugverkehr abhängig machen. Zwar sei man von einer kohlenstoffarmen Tourismuswirtschaft noch weit entfernt, doch sie sei immerhin vorstellbar.

Kaum Anstrengungen in der Hotellerie

Auch die Hotellerie verursacht nicht unwesentliche Emissionen, doch sie hat mit Ausnahme einiger Hotels keine Vorreiterrolle, meinen die Wissenschaftler. Und das obwohl die entsprechenden Technologien vorhanden seien. Auf Seiten der Wirtschaft hat Stephen Farrant, Direktor der International Tourism Partnership and Youth Career Initiative, in den vergangenen Jahren allerdings deutliche Veränderungen beobachtet. Die Unternehmen würden heute stärker zusammenarbeiten als je zuvor. Hinter den Kulissen gebe es einen Austausch zwischen führenden Marken. Auf der Nachfrageseite hakt es allerdings noch: Bei Privatkunden sieht Farrant noch kein ausreichendes Interesse, Entscheidungen nach ökologischen Kriterien auszurichten, bei Geschäftsreisenden dagegen schon eher.

Kreuzfahrtbranche und Straßenverkehr

Auch Kreuzfahrtschiffe werden wahrscheinlich nicht wesentlich zur CO2-Reduzierung beitragen, denn sie hätten eine riesige Infrastruktur mit an Bord, meint Janet Dickinson. Bislang gebe es nur wenige Lösungsansätze, z.B. Windkraft oder Übernachtungen an Land statt an Bord. TUI-Umweltmanager James Whittingham gibt zu, dass die Kreuzfahrtbranche sich auf diesem Gebiet noch in einem "ziemlich embryonischen Stadium" befindet. Einige Veranstalter täten bereits einiges, um die Treibstoffeffizienz zu erhöhen. Das sei aber schon aus finanziellen Gründen geboten. So würden für den Transfer vom Flughafen zum Hotel zum Beispiel effiziente Busse eingesetzt, um Kosten einzusparen.

Die Wahl der entsprechenden Verkehrsmittel ist laut Paul Peeters ein Weg zur Verringerung von CO2-Emissionen. Reisebeschränkungen, so Matt Gorman, seien dagegen weder wünschenswert noch politisch machbar. Andere Sektoren hätten sehr viel mehr Möglichkeiten, ihren CO2-Ausstoß zu verringern. Welche Sektoren das seien, die nicht nur ihre eigene Reduktionsverantwortung wahrnehmen sollen, sondern auch noch den wachsenden ökologischen Fußabdruck der Tourismusbranche ausgleichen sollen, erwähnte er nicht.

Weitere Informationen: www.sustainableaviation.co.uk

(6.566 Zeichen, 90 Zeilen, Dezember 2012)

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