Stadt der Völker, Stadt der Nationen

Die Erkundung einer Stadt zweier Völker
Betty Herschman
Jerusalem
© Ir Amim

Laut TripAdvisor steht der Nationalpark Davidstadt bei den besten Bewertungen der Touristenziele Jerusalems an siebter Stelle. Er ist eine bedeutende archäologische Stätte und ein Ort, an dem Besucher „die biblische Geschichte der Heiligen Stadt wiederentdecken” können. Die Davidstadt liegt am Fuße von Silwan, einem palästinensischen Stadtteil Jerusalems, nur einen Katzensprung von den Mauern der Altstadt entfernt. Die meisten Leute, die von der Westmauer-Plaza hinüberspazieren, sind sich nicht bewusst, dass sie sich in Ost-Jerusalem befinden, dem Teil der Stadt, der nach internationalem Völkerrecht Teil der palästinensischen Gebiete ist und 1967 illegal annektiert wurde. Der intrinsische Charakter der Archäologie lässt immer Raum für geschichtliche und politische Interpretation – so auch in der Davidstadt. Angesichts ihrer sensiblen Lage inmitten einer Stadt, die selbst als Mikrokosmos des israelisch-palästinensischen Konflikts dient, wird das beliebte Touristenziel zu einem der provokativsten Teile der Stadt.

Die Linien werden zum Verschwimmen gebracht

Sicher würden die meisten Leute Touristenziele nicht mit Siedlung in Verbindung bringen. Und doch werden viele Touristenattraktionen und Nationalparks in und um die Altstadt von Ost-Jerusalem von israelischen Siedlerinnen und Siedlern verwaltet. Damit tragen sie dazu bei, den multi-religiösen und multi-kulturellen Charakter des Ortes verschwimmen zu lassen - vor allem zum Nachteil der muslimischen Stätten und der muslimischen Präsenz. Letzten Endes werden Nationalparks und Touristenattraktionen instrumentalisiert. Ziel dabei ist es, palästinensische Bezirke in und um die Altstadt, von palästinensischen Gebieten mit hoher Bevölkerungsdichte in ein einziges, sich ausdehnendes Touristenziel in israelischer Hand zu verwandeln.

Die israelische Nicht-Regierungs-Organisation Ir Amim hat seit ihrer Gründung im Jahr 2000 mehr als 40.000 Menschen – die meisten von ihnen Israelis – auf kostenlose alternative Stadtführungen mitgenommen. Die Führungen vermitteln basisnahe Erfahrungen in Ost-Jerusalem und schaffen eine Plattform, um kritisch zu bewerten, wie solche touristischen Trends im israelisch-palästinensischen Konflikt eine wesentliche Rolle spielen können. Diese Touren bieten ausgewogene alternative Eindrücke von Jerusalem als politischem Raum, der sowohl ein Mikrokosmos des Konflikts als auch ein Auslöser dafür ist. Sie bieten einen Ausgangspunkt, um Israelis zu vermitteln, welche Auswirkungen die Siedlungen und touristischen Stätten inmitten palästinensischer Bezirke haben. Die Ausflüge bieten kritischen Kontext zum Verständnis, wie die tatsächliche Entwicklung vor Ort nicht nur Auswirkungen auf die betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt hat, sondern auch auf die Zukunft eines sicheren, demokratischen israelischen Staates.

Die Touren von Ir Amim bilden die Grundlage der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit der Organisation. Sie ziehen ein immer breiteres Spektrum an Teilnehmenden an. Zwei neue Gruppen fragten im vergangenen Jahr Stadtführungen an. Zum ersten Mal in der Geschichte der Organisation führte Ir Amim eine Stadtführung für Soldaten der israelischen Armee durch – in diesem Fall 60 Soldatinnen, als Teil ihres externen Bildungsprogramms. Eine weitere Premiere war die Anfrage von Hebräisch-Lehrenden eines Colleges im Gebiet von Tel Aviv. Sie wollten mehr über die alltäglichen Probleme ihrer palästinensischen Studiernden aus Ost-Jerusalem erfahren. Ir Amim baut nun auf dieser spannenden Entwicklung auf, indem die Organisation Kontakte mit weiteren Colleges in ganz Israel pflegt. 2019 wird ein Schwerpunkt darauf gelegt, die Kooperation mit Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Geschäftsleuten aus Ost-Jerusalem zu verstärken. Vor kurzem beinhaltete eine Tour zum Beispiel ein Mittagessen bei einer Genossenschaft von Köchinnen in Ost-Jerusalem. Sowohl bei den Teilnehmenden als auch den Mitgliedern der Genossenschaft stieß dies auf besonders positives Feedback.

Augen öffnen

Die Reaktionen spiegeln den starken Einfluss wider, den schon eine einzige Tour auf diejenigen haben kann, die vor der Realität des Konflikts geschützt sind – was für viele Israelis und ausländische Besucher und Besucherinnen gilt. Eine Universitätsstudent berichtete: „Gestern nahmen wir an einer Ost-Jerusalem-Tour teil. Wir sind eine Gruppe in Jerusalem lebender junger Frauen und Männer, und bevor wir an der Tour teilnahmen, glaubten wir fälschlicherweise, dass wir ein tiefes Verständnis vom Wesen des israelisch-palästinensischen Konflikts hätten. Wir dachten wir kannten die Geschichte Jerusalems, und den Zauber dieser fantastischen Stadt. Das galt, bis wir Yaniv trafen, den wundervollen Reiseleiter, der uns auf unserer Tour geführt hat. Wir waren erstaunt zu hören, was für uns neue Informationen waren, und Informationen aus einer so wichtigen Perspektive. Wir waren sprachlos angesichts dessen, was er uns zeigte”.

Ein Teilnehmer auf einer von Ir Amims kostenlosen Freitagstouren bemerkte: „Obwohl ich nach der Tour mit schmerzlichen Gefühlen ging – die Situation selbst ist schmerzhaft – verspürte ich doch auch Hoffnung, denn Wissen ist Macht und kann Menschen motivieren. Wenn Unwissenheit zu mehr Wut und Rassismus führt, dann muss Information das Potenzial haben, zu mehr Verständnis, Mitgefühl und sogar Hoffnung zu führen, insbesondere, da wir Israelis vor der Tour so wenig wissen.” Eine weitere Person kam zu dem Schluss: „Die Tour war hervorragend und öffnete mir die Augen, insbesondere weil ich schon ein Jahr in Jerusalem lebe, nur fünf Minuten zu Fuß von Ost-Jerusalem, und überhaupt keine Ahnung davon hatte”.

Und schließlich die Art von Zitat, die unsere Feldforscher und Mitarbeiter für politische Lobbyarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Entwicklung antreibt, das Anliegen von Ir Amim voranzubringen: „Ihre wertvolle Arbeit lässt mich die Zukunft dieses Landes ein wenig optimistischer sehen”.

Betty Herschman leitet die internationale Advocacy-Arbeit von Ir Amim – der ältesten Nichtregierungsorganisation, die sich ausschließlich mit Jerusalem befasst und damit, welche Rolle der Stadt im Konflikt zwischen Israel und Palästina zukommt. Ir Amim ist international anerkannt für ihr Monitoring, ihre Berichte, und ihre juristische und öffentliche Interessenvertretung zur Schaffung einer lebensfähigeren und nachhaltigeren Stadt Jerusalem, auf dem Weg zu einer vereinbarten Resolution über die Stadt.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

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