Rezension: “Justice and Ethics in Tourism”

Christina Kamp

Buchdeckel: Justice and Ethics in Tourism
© Routledge

Was ist “gut“, was ist “gerecht“? Ob man ihn nun sanft, nachhaltig, verantwortlich, ethisch, oder ähnlich nennen will, die Debatte über einen “guten” Tourismus scheint sich um einen weitgehenden Konsens eingependelt zu haben, der sich an Prinzipien wie Verantwortung und Nachhaltigkeit orientiert.

Vor diesem Hintergrund füllt das Anfang 2019 erschienene Lehrbuch “Justice and Ethics in Tourism” eine Lücke. Die Autorin Tazim Jamal, Professorin an der A&M-Universität von Texas, USA, stellt darin eine tiefergehende Analyse theoretischer Konzepte zu Gerechtigkeit und Ethik vor, die die tourismuskritische Debatte voranbringen können. Mit ausgewählten Fallbeispielen aus verschiedenen Teilen der Welt zeigt sie konkrete Bezüge zum Tourismus auf. Dabei wählt sie einen empathischen Ansatz, der die Leserinnen und Leser aktiv einbezieht, zu Achtsamkeit auffordert und zum Weiterdenken anregt.

Gerechtigkeit und Ethik, die Hauptthemen des Buches, werden weder scharf gegeneinander abgegrenzt noch im legalistischen Sinne behandelt. Vielmehr stellt die Autorin mehrere, in der Regel nicht widersprüchliche, sondern sich gegenseitig ergänzende Konzepte verschiedener Autorinnen und Autoren vor und systematisiert die Vielfalt der unterschiedlichen Dimensionen. Die unterschiedlichen Ansätze zeigen ein breites Spektrum dessen, was unter Gerechtigkeit verstanden werden kann.

Beginnend mit der Verteilungsgerechtigkeit in Bezug auf gesellschaftliche Güter – Freiheiten und Chancen, Einkommen und Vermögen sowie den Grundlagen von Selbstrespekt – erweitert die Autorin den Blick um umfassende Möglichkeiten aller Menschen zur Beteiligung am gesellschaftlichen Leben. Es geht darum, ob und wie Menschen persönliche Entfaltungsmöglichkeiten wahrnehmen und Wahlentscheidungen treffen und umsetzen können – insbesondere wenn strukturell bedingte Ungerechtigkeiten, wie zum Beispiel historisch verwurzelter Rassismus und Kolonialismus, dem entgegenstehen.

Damit lenkt sie den Fokus auf Fragen sozialer Gerechtigkeit und verschiedene Formen von Benachteiligung, Unterdrückung oder Stigmatisierung einzelner Personen oder Bevölkerungsgruppen. Im nächsten Schritt erweitert sie das Verständnis um Beziehungsebenen, über die Menschen in ihre physische, soziale und spirituelle Umwelt eingebunden sind.

Gleiche Rechte reichen nicht

Dass Gerechtigkeitsfragen im Kontext betrachtet werden sollten, bildet einen Ausgangspunkt, um das Konzept von Entwicklung an sich als „von außen aufgedrücktes Modernisierungsparadigma” in Frage zu stellen. Eine Alternative wäre ein kultursensibler Ansatz, der Ungleichheiten und Bedürfnisse in den Vordergrund stellt. Entsprechend wird auch der Begriff der Partizipation qualifiziert um eine “Partizipation, bei der auf sinnvolle Weise die gesellschaftlichen Umstände und kulturellen Bedingungen aller repräsentiert und berücksichtigt sind“. Dies gilt auch im Bereich der Klima- und Umweltgerechtigkeit und in Bezug auf eine gerechte Staats- und Regierungsführung sowie politische Handlungskonzepte, denen im Buch jeweils eigene Kapitel gewidmet sind.

Ganz richtig weißt die Autorin auf die wichtige Aufgabe hin, sich um ein besseres Verständnis des jeweiligen sozio-politischen Umfelds zu bemühen, in dem Tourismus stattfindet und in dem andere, vielfältige Weltanschauungen faire Berücksichtigung verdienen. Derartige Bemühungen können in der Praxis jedoch leicht an sprachlichen Barrieren oder Aufmerksamkeitsdefiziten scheitern und zu einem verzerrten Verständnis führen.

Das Buch selbst ist ein Beispiel für derartige Herausforderungen, wie wir an den lückenhaften Referenzen zur internationalen NRO-Szene sehen. So werden zwar englischsprachige Nichtregierungsorganisationen wie z.B. Tourism Concern erwähnt, doch fehlt das Bewusstsein für die lange Geschichte anderssprachiger -zum Beispiel französische oder niederländischer -Verfechterinnen und Verfechter von Gerechtigkeitsanliegen im Tourismus. Dazu gehören auch Gruppen im Globalen Süden, die schon in den 1970er und 80er Jahren zunehmend vom Tourismus betroffen waren und schon damals ethische Bedenken aufwarfen. Auch in Deutschland reichen die Reflektionen und Aktivitäten zu Gerechtigkeit und Ethik im Tourismus in diese Zeit zurück und sind damit deutlich älter als die – englischsprachige – akademische Diskussion darüber.

Verantwortung übernehmen

Gerade vor dem Hintergrund dieser langen Geschichte hat „Justice and Ethics in Tourism“ einen besonderen Wert. Das Buch ist ein Plädoyer, Fragen von Gerechtigkeit und Ethik als Anleitungen für einen “guten” Tourismus noch mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ein solcher Fokus kann neue Wege eröffnen, um einige der Herausforderungen im Zusammenhang mit Tourismus besser zu verstehen, hervorzuheben und zu bewältigen.

Wie die Autorin feststellt, haben die Aussichten auf mehr soziale Gerechtigkeit, das Recht auf existenzsichernde Löhne, eine gesunde Umwelt und die faire Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen mit dem Aufkommen neuer Bürgerbewegungen, sozialer Medien und dem zunehmenden Zugang zum Internet weltweit neuen Auftrieb bekommen. Soziale Medien wie Facebook und Twitter haben geholfen, aktivistisches Handeln und Solidarität zu fördern, indem dort zeitnah wichtige Informationen geteilt, Online-Petitionen auf den Weg gebracht und Straßenproteste organisiert werden.

Diese neuen Möglichkeiten können helfen, ein weltbürgerliches Verständnis von Verantwortung für Gerechtigkeit wahrzunehmen – auf Grundlage einer Ethik der Zuwendung zu anderen Menschen und des sorgsamen Umgangs mit Orten und Umgebungen, lokal wie global.

Justice and Ethics in Tourism. Von Tazim Jamal, Routledge, Oxon/New York, 2019. 260 Seiten, ISBN-13: 978-1138060715.

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